Beim Interview mit Sportchef Dieter Priglmeir kamen Mona Mayer (l.) und Rita Gabler in den Trainingsanzügen der Nationalmannschaft.
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Beim Interview mit Sportchef Dieter Priglmeir kamen Mona Mayer (l.) und Rita Gabler in den Trainingsanzügen der Nationalmannschaft.

Erding schnellste Frauen im Interview

„Und du, Mona, knackst bitte noch meine 52,64“

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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  • Wolfgang Krzizok
    Wolfgang Krzizok
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Nach 39 Jahren knackt eine Erdingerin den deutschen Rekord einer Erdingerin.

Erding– Im Februar 1981 hat Ronald Reagan gerade seine ersten Amtstage als neuer US-Präsident, Abba führt mit „Super Trouper“ die Charts an. Und in Bayern läuft eine 18-jährige Althamerin namens Rita Daimer mit 53,76 Sekunden einen bayerischen U 20-Hallenrekord über 400 Meter. Der hält exakt 39 Jahre und zwei Wochen.

Dann – im Februar 2020 – fegt Mona Mayer im Vorlauf zur deutschen Meisterschaft in 53,35 Sekunden ins Ziel. Einen Tag darauf wird die 18-jährige Hörlkofenerin auch noch ihre erste Medaille bei den Frauen holen – Silber mit der Staffel der LG Telis Regensburg. Spätestens jetzt ist klar: Erding hat wieder eine herausragende 400-Meter-Läuferin. Und das freut ganz besonders Rita Daimer, die längst Gabler heißt.

In der Redaktion des Erdinger/Dorfener Anzeiger trafen sich nun die schnellsten Erdingerinnen aller Zeiten. Und schon nach wenigen Augenblicken – quasi noch im Startblock – ist klar: Die beiden funken auf der gleichen Wellenlänge. Das beginnt schon, als wir ein Foto herauskramen, auf dem die junge Rita Daimer einen Medizinball über ihren Kopf hebt.

Frau Mayer, Arbeit mit Medizinbällen – kennen Sie das auch?

Mona Mayer:Natürlich. Das gehört zum Krafttraining.
Rita Gabler:
Wir haben sogar Autoreifen gezogen.
Mayer: Gut, das kenne ich jetzt nicht.
Gabler: Die Reifen waren an Gummibändern befestigt, damit sind wir losgerannt.
Mayer:
Wir machen das inzwischen mit Zugschlitten. Aber die hat unser Trainer auch selbst gebaut.

Scheint ja in beiden Fällen nicht die schlechteste Trainingsmethode gewesen zu sein. 39 Jahre lang Rekordhalterin, wow.

Gabler:Ein Jahr hättest du schon noch warten können, Mona. 40 Jahre, das wäre eine runde Sache gewesen. Das ist natürlich Spaß. Es freut mich riesig, dass du es bist, die sich meinen Rekord geholt hat.

Passt das Wort „Spaß“ eigentlich zum Stichwort „400 Meter“? Warum sucht man sich die schwierigste aller Strecken aus?

Gabler:Bei mir war das eher Zufall. Ich war über 100 Meter nicht schlecht, hatte eine Bestzeit von 11,72.
Mayer:
Ups, da bin ich mit meinen 12,10 lieber ruhig.
Gabler: Meine 200-Meter-Zeit war ebenfalls recht passabel. Hinzu kam meine Schnelligkeitsausdauer. Da habe ich es einfach mal bei einem Wettkampf in Waldkraiburg versucht und bin Vereinsrekord gelaufen. Außerdem muss ich zugeben, ich liebe das, was Mona so passend beschrieben hat: dieses „Sterben“ auf den letzten 100 Metern. Das muss man aber mögen, so über seine Grenzen zu gehen. Ich mochte es.
Mayer:
Ich laufe eigentlich noch lieber die 200 Meter, aber die besten Ergebnisse habe ich über 400. Ohje, wenn ich an meine Anfänge mit elf beim TSV Erding zurückdenke: Die Wurfdisziplinen waren wirklich nichts für mich. Dann bin ich auf die 800 Meter gegangen. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Und in der U 16 habe ich dann meinen ersten deutschen Meistertitel über 300 Meter geholt. Da war ich 14. Aber eigentlich wollte ich immer Fußball spielen.
Gabler:Oh ja, das habe ich auch geliebt. Ich war das einzige Mädchen, das von den Buben in der Mannschaft akzeptiert wurde.

Haben Sie im Verein gespielt?

Gabler:Nein, aber wir haben als Kinder jeden Abend – wirklich jeden – auf einer Wiese gebolzt.
Mayer: Mein älterer Bruder wäre in der gleichen Mannschaft gewesen. Das wäre nicht gutgegangen (lacht). Aber
Sport zu machen, war immer schon mein Ding. Ich hatte keine elektronischen Geräte, nachmittags Fernsehschauen war bei uns daheim nicht erlaubt. Ich war aber immer schon lieber draußen.

Wie ist es in der Leichtathletik: Sind Sie da lieber draußen oder drinnen?

Gabler: Ich bin eine Freiluftfanatikerin.
Mayer:
Ich laufe sehr gerne Kurven. Und das macht in der Halle sehr viel Spaß – speziell in Leipzig, wo du sechs Bahnen hast und die Kurven so richtig nach oben gehen. Du läufst quasi einen Berg hoch und dann wieder runter. Bergab kannst du dann richtig angreifen.

Sie lieben es, in der Kurve den Turbo einzuschalten.

Mayer:Ja, das ist so.

Wie war das bei Ihnen, Frau Gabler?

Gabler: Wenn du einen guten Lauf hast, ist das wie eine Art Flow. Irgendetwas trägt dich. Das waren manchmal geradezu spirituelle Momente. Dieses Glücksgefühl, total über sich hinauszuwachsen, hatte ich später nur noch bei der Geburt meiner Kinder. Diese Momente im Sport werden irgendwann weniger, sobald gewisse Leistungen gefordert oder erwartet werden.

Welchen wichtigen Tipp würden Sie Mona Mayer mit auf den Weg geben?

Gabler: Setze nicht alles nur auf eine Karte. Nichts ist so vergänglich wie sportlicher Ruhm. Am Ende ergibt alles, was man im Leben erlebt hat, ein Gesamtbild. Der Sport ist nur ein Puzzleteil in diesem Bild, wenn auch ein sehr prägnantes. Und achte immer auf die Signale deines Körpers. Was nützen einem all die Medaillen, wenn man mit 40 nicht mehr weiß, wie man morgens aus dem Bett kommen soll.

Bleiben wir aber erst mal beim Sport, was war denn Ihr absolut schönster Sportmoment?

Gabler:Der Gewinn der Deutschen Jugendmeisterschaft im Olympiastadion. Er war für meine Entwicklung enorm einschneidend. Ich war bis dahin ein recht schüchternes Mädchen. Ich bin erst mit 14 durch meine Sportlehrerin Lis Schmidt zur Leichtathletik gekommen. Sie hat mein Talent als erstes entdeckt, als ich 4,50 Meter weit gesprungen bin. Gemeinsam mit Renate Englberger und Sigrun Irl bin ich nach Freising in die damals schon sehr erfolgreiche Trainingsgruppe von Hans Katzenbogner gekommen.

Und mit 17 waren Sie dann Deutsche Meisterin.

Gabler:Ja, verrückt oder? Der Sport hat mich in dieser Zeit total verändert. Ich habe mich mit meinen Leistungen und mit der Aufnahme in die Nationalmannschaft zunehmend zu einer selbstbewussten Frau entwickelt, die ihre Ziele konsequent verfolgte.

Bis hin zur WM-Teilnahme.

Gabler: Die WM in Helsinki war ein Schlüsselerlebnis. 75 000 Zuschauern und Hunderte von Kameras – und ich war auch noch die Startläuferin unserer 4x400-Meter-Staffel. Vor mir lief Jarmila Kratochvílová (tschechische Läufern, die als erste Frau die 400 Meter unter 48 Sekunden lief, die Red.). Hinter ihrem rechten Oberschenkel hätte ich mich praktisch verstecken können.

Die 1980er-Jahre, die Zeiten des hemmungslosen Dopens...

Gabler: Leider. Manche fraglichen Weltrekorde haben noch heute Bestand. Deshalb waren wir als Staffel auf unseren sechsten Platz im Finale richtig stolz. Für mich war Doping einfach kein Thema.

Inzwischen sind die Kontrollen deutlich schärfer. Bekommen Sie das schon zu spüren, Frau Mayer?

Mayer:Ich komme jetzt in das Programm, in dem man stündlich seinen Aufenthalt angeben muss, damit man zu jeder Zeit getestet werden kann. Das ist auch absolut okay, denn Doping hat im Sport nichts zu suchen. Es wäre bloß schön, wenn in allen Ländern so gut kontrolliert werden würde.
Gabler: Leider haben wir damals auch einen dramatischen Todesfall in den eigenen Reihen durch Doping zu beklagen gehabt. Der Fall Birgit Dressel ging um die Welt (Siebenkämpferin, die an einem durch Doping ausgelösten Multiorganversagen starb, die Red.). Durch strengere Kontrollen wäre das nicht passiert.

Wie war Ihre Zeit in der Nationalmannschaft?

Gabler: Grundsätzlich fand ich das Vereinsleben zuhause, vor allem bei der LAG Mittlere Isar, am schönsten. Dort habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Später war ich noch beim USC München und beim MTV Ingolstadt. Bereichernd an den großen Einsätzen waren die besonderen Begegnungen. Mit Ulrike Meyfarth habe ich mir einmal ein Zimmer geteilt. Ich bin vor der Hochsprung-Olympiasiegerin vor Ehrfurcht schier erstarrt, dabei war sie total unkompliziert. Ich habe sie schon original in Seidenstrümpfen gesehen, bevor sie dafür Werbung gemacht hat (lacht).

Mit Olympia hat es dann leider nicht geklappt.

Gabler:Ich war 1984 im Kader für Los Angeles. Und dann habe ich mir bei einem letzten Test in Köln die Achillessehne verletzt und musste operiert werden.

Einen Verletzungsschock haben Sie auch schon hinter sich, Frau Mayer: der Muskelfaserriss bei der EM in Schweden.

Mayer:Das war im Halbfinale. Ich habe mir danach den ganzen Sommer keine Rennen oder Ergebnisse angeschaut. Auch nicht die DM in Berlin, bei der ich so gern gelaufen wäre.
Gabler:
Das ist aber auch ein beeindruckendes Stadion. Da kribbelt’s heute noch in den Beinen, wenn ich Bilder sehe.

Nach dem Olympia-Aus – war da nicht der Drang da, es 1988 zu versuchen?

Gabler: Nach der Verletzung wurde es schwierig. Ich war begeisterte Sportlerin, aber ich hatte noch keine Berufsausbildung. Der Wunsch, Krankenschwester zu werden, den hatte ich schon als Kind. Die Leidenschaft für diesen Beruf war stärker als der Drang, in der Leichtathletik Erfolg zu haben. Mit 24 Jahren habe ich meine Sportlerlaufbahn beendet und mich in die BRK-Schwesternschule in München eingeschrieben. Ich habe das nie bereut, auch wenn ich weiß, da wäre sportlich bestimmt noch einiges zu holen gewesen.
Mayer:
Denn du warst im besten Leichtathletik-Alter.
Gabler:Ich liebe Sport bis heute. Laufen macht mir allerdings zunehmend Probleme. Aber dann geht eben etwas anderes, Radfahren und Wandern zum Beispiel.

Wie oft haben Sie früher trainiert?

Gabler:Zu Spitzenzeiten zweimal pro Tag. Mein Bundestrainer Wolfgang Thiele hat mir Trainingspläne geschickt, die ich in Erding abgearbeitet habe. Deshalb liebe ich das Stadion am Volksfestplatz heute noch, die alte Tribüne, die besondere Stimmung. Hoffentlich bleibt es weiterhin der Öffentlichkeit frei zugänglich. Ich bin immer noch oft und gerne dort.

Wie haben Sie das finanziell hinbekommen?

Gabler:Ich wurde von der Deutschen Sporthilfe unterstützt und hatte einen Minivertrag mit Adidas und Audi.

Wie sieht die finanzielle Unterstützung heute aus?

Mayer: Da ist schon Luft nach oben. Ich finde es aber sehr schön, dass mich die Sparkasse Erding-Dorfen fördert.

Und wie sieht Ihr momentanes Trainingspensum aus?

Mayer:Sechsmal die Woche.

Und nebenbei machen Sie noch das Abitur.

Mayer: Ja, die nächsten Wochen und Monate werden happig, weil noch viele Klausen anstehen – und dann eben die Abiprüfungen.

Und danach?

Mayer:...werde ich auf alle Fälle studieren. Man kann das heute ja strecken, damit ich weiter meinem Sport nachgehen kann.

... um weitere Rekorde wie die 52,64 sec von Rita Gabler zu knacken? Sie haben vor kurzem selbst gesagt, dass man im Freien noch eine Sekunde schneller ist als in der Halle.

Mayer:Moment, Moment. Ich bin von 53,99 jetzt auf 53,35 runter. Solche Leistungssprünge gibt’s nicht ständig. Es muss auch alles stimmen: der Wind, die Gegner, der eigene Körper...

Wir würden es Ihnen für die U 20-WM wünschen.

Mayer: Das Stadion in Nairobi soll toll sein. Sportler, die dort bei der U 18-WM waren, schwärmen von der Stimmung. Der Verband verlangt kaum Eintritt, so dass sehr viele Leute kommen und die Läufer anfeuern.

Gibt’s Lieblingsstadien?

Gabler: Das Dante-Stadion in München hat diesen herrlichen alten Charme. Berlin hatte ich schon erwähnt.
Mayer: In Berlin will ich unbedingt laufen. Die Sindelfinger Halle ist auch noch super. Da sind die Tribünen so nah an der Bahn.

Auf welcher Bahn laufen Sie am liebsten?

Gabler: Schon auf der 3, 4 und 5 – oder Mona?
Mayer: Ja, außen ist es schwierig.

Da muss man sich umschauen, wenn man den Gegner sehen will, oder?

Gabler:Nein, niemals, das geht gar nicht.
Mayer:Da fliegst du hin.

Gabler: Da kommt man aus dem Rhythmus. So ein 400-Meter-Lauf hat schon seine eigenen Gesetze. Eigentlich steht er wie ein Symbol für das Leben überhaupt. Mit dem Startschuss rennst du los, musst deinen Schritt finden und aufpassen, dass du nicht stolperst. Auf der Gegengerade läuft scheinbar alles leicht und locker. Und dann geht’s in die zweite Kurve, und du zahlst bitter für die Fehler, die du am Anfang gemacht hast. Dann kommt erst noch die Zielgerade. Du willst nur noch ankommen – aber nicht irgendwie, sondern mit Würde und einer guten Leistung. Und wenn du Glück hast, fängt dich hinter der Ziellinie jemand auf.

Und nun sind Sie beruflich gesehen für diese Zielgerade zuständig.

Gabler: Genau, ich begleite mit dem Erdinger Palliativteam Menschen auf der Endstrecke ihres Lebens. Fast zehn Jahre habe ich das Team jetzt geleitet. Nun wird mir das neue Hospiz für Freising und Erding, das am Fuchsberg gebaut wird, anvertraut. Es ist schon verrückt, wie sich hier mein Schicksal rundet. Dass ich nun für die beide Landkreise, die eine so zentrale Rolle in meinem Leben gespielt haben, etwas so Besonderes bewegen darf, berührt mich sehr. Es ist fast wie eine große letzte sportliche Herausforderung. Allerdings ist es im Sport immer nur um mich und meine persönlichen Bestleistungen gegangen. Beim Hospiz gilt mein voller Einsatz den sterbenden Menschen. Das hat nochmal eine ganz andere Dimension.

Eine große Aufgabe.

Gabler:Ja, aber eine wunderschöne. Und du, Mona, knackst bitte meine 52,64.
Mayer: Ich werde mich bemühen.

pir/wk

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