Beim Turnfest 1933 in Dorfen war Maria Eiglsperger (damals Gruber) für den TV Neuötting aktiv. Auf dem Bild ist sie in der vorderen Kreistanzreihe zu sehen (5. v. r.)
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Beim Turnfest 1933 in Dorfen war Maria Eiglsperger (damals Gruber) für den TV Neuötting aktiv. Auf dem Bild ist sie in der vorderen Kreistanzreihe zu sehen (5. v. r.) .

Erdings Top 100

Maria Eiglsperger: Sängerin, Gardetänzerin, Spitzensportlerin

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Maria Eiglsperger war Dorfens Tausendsassa. Das Turnfest in Breslau war das Ereignis ihres Lebens.

Dorfen – Olympia blieb für sie ein Traum. Maria Eiglsperger wäre gern dabei gewesen bei den Berliner Sommerspielen von 1936. „Aber irgendwie hat das nicht geklappt“, sagt heute ihr Sohn Markus Eiglsperger. Die Gründe kenne er nicht. Es wird wohl sportlich doch nicht ganz gereicht haben. Ihre Klasse hat sie dennoch bei vielen Turnfesten bewiesen. Urkunden und Siegerkränze belegen das. Diese Leistungsnachweise und auch die Sportdressen von einst hat der Sohn schon an den TSV Dorfen weitergegeben – als Erinnerung an die vermutlich beste Turnerin, die der Verein in seiner bisherigen 127-jährigen Geschichte hatte. Hermann Rogner, selbst eine TSV-Ikone, jedenfalls würde das so unterschreiben. „Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Bessere nachkam.

Gesichert ist jedenfalls, dass Maria Eiglsperger ein vielschichtiger Mensch war und viele Spuren hinterlassen hat. An ihrem 95. Geburtstag erzählte sie dem Reporter der Heimatzeitung: „I war überall dabei. Und wenn i was g‘macht hab, dann richtig. Und ned bloß amoi hi geh und dann wieder amoi ned.“ In Zahlen ausgedrückt heißt das: Seit 1936 gehörte sie der Karnevalsgesellschaft (KG) Dorfen an, über 60 Jahre Sängerin war sie bei der Liedertafel. Und da wäre noch die 80-jährige Mitgliedschaft beim TSV Dorfen, dem sie außerdem lange als Schriftführerin diente.

Aber blenden wir zurück in die Zeit, als die junge Maria Gruber, das ist ihr Geburtsname, in Neuötting aufwächst. 1915 geboren, findet sie früh den Weg in den örtlichen Sportverein – wie viele andere Mädchen auch.

Die Neue aus Neuötting

Beim TV Neuötting begann die Turnsportlerin ihre Karriere.

1933 findet in Dorfen ein Turnfest statt. Mit dabei: Maria Gruber und ihr TSV Neuötting. Ob sie damals schon ahnt, dass dies ihre spätere Heimat wird? Noch ist sie Textilverkäuferin im Hause Kreuzberger, das wiederum verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Schmederer hat. Und die sucht für ihr Kaufhaus in Dorfen eine Mitarbeiterin. Bereits 1934 zieht die junge Frau in die Isenstadt – und schließt sich sofort dem TSV an. Sie will sich integrieren in ihrer neuen Heimat. „Als Auswärtige war es für sie anfangs gar nicht so leicht, in Dorfen akzeptiert zu werden. Das hat sie mir einmal erzählt“, erinnert sich Hermann Rogner. „Es hat schon einige Zeit gedauert. Und da haben ihr die sportlichen Leistungen schon sehr geholfen.“

Dorfens Delegation in Breslau (v. l.): Anderl Grimm, Martin und Maria Eiglsperger sowie Trainer Korbinian Nunberger und Alfred Görz.

Leichtathletik und Gymnastik – da ist Maria Gruber richtig gut. „Der Turnsport von damals war noch etwas anders als heute“, sagt Markus Eiglsperger. Laufen, Springen, Tanz, Keulen schwingen – es sei eben Sport in seiner Gesamtheit gewesen. Und seine Mutter sei richtig gut gewesen. Das fällt auch Trainern und Verband auf. Sie bekommt Einladungen für Turnfeste in Braunau und Nürnberg. „Der Höhepunkt ist aber die Teilnahme am Deutschen Turnfest gewesen“, meint ihr Sohn. Dieses Sportereignis war immer schon ein Riesending. Aber 1938 in Breslau erhält es noch eine ganz andere Dimension: 150 000 Aktive aus zehn Ländern, 150 000 Festzugteilnehmer und 70 000 Mitwirkende bei der Abschlussvorführung. Die Nationalsozialisten machen daraus ein Massenspektakel. Der damals 23-Jährigen geht es freilich nur um den Sport und die Wettkämpfe. In der riesigen Konkurrenz mit internationalen Top-Sportlerinnen kommt sie im gemischten Achtkampf auf Platz 36. Im „volkstümlichen Dreikampf“ der Männer schafft es ein gewisser Martin Eiglsperger auf Rang 23. Die beiden sind schon länger ein Paar und regelmäßig gemeinsam auf Sportwettkämpfen.

Mit Lorbeerkranz kehrte das Dorfener Sportlerpaar aus Breslau zurück.

Die Rückkehr aus Breslau wird ein ganz besonderes Erlebnis. Als der Zug in Dorfen einfährt, säumen die Menschen den Bahnsteig und bereiten den beiden Sportlern mit Lorbeerkränzen einen großen Bahnhof. „Das war für Dorfen schon etwas ganz Außergewöhnliches. Wer kommt denn sonst schon nach Breslau?“, erzählt Hermann Rogner. Die Zugezogene aus Neuötting – jetzt ist sie endgültig angekommen in der Isenstadt. Einen Monat später gewinnt sie übrigens beim Turn- und Sportfest der Kreise Erding, Ebersberg und München-Ost den gemischten Sechskampf.

Das sportlichste Ehepaar der Stadt

1940 heiratet Maria Gruber ihren Martin, den Metzgermeister und begeisterten und erfolgreichen Leichtathleten. „Er war ein starker Läufer, ein hervorragender Kugelstoßer“, sagt heute sein Sohn. Die Leistungen der Eltern zu vergleichen, das sei schwierig. „Aber die Mutti hat schon noch mehr Urkunden nach Hause gebracht“, meint der Junior.

Die Familie: Die Eltern mit Martin und Markus (vorne).

Ihr Talent hat sich auch bei den Oberen der KG Dorfen rumgesprochen. „Sie war eine super Sportlerin. Klar, dass sie gleich gefragt wurde, als die KG ihre erste Faschingsgarde aufstellte“, erzählt ihr Sohn. Bereits 1937 tritt Maria Gruber gemeinsam mit vier anderen Mädchen erstmals mit dem Holde-Hilde-Hofballett auf. Der Name steht übrigens für die Gründerin Hilde Herterich. Das Quintett hat heute Legendenstatus in Dorfen.

Sport und Spaß ist aber bald kein Thema mehr. Die Hoffnung, dass ihr Mann nach der Hochzeit nicht eingezogen werden könnte, muss Maria Eiglsperger schnell begraben. Ein halbes Jahr später muss ihr Mann an die Front. Er kommt erst 1945 zurück.

Mit 90 nochmal ein Gardetanz

Mittlerweile schmeißt Maria Eiglsperger mit ihren Schwiegereltern die Metzgerei. „Wenn i was g‘macht hab, dann richtig.“ Auch hier stimmt’s. Bevor sie ins Geschäft einsteigt, lässt sie sich in Günzburg und Mittenwald von der Textil- zur Fleischwarenfachverkäuferin umschulen. Als ihr Mann aus der US-Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, führen sie die Metzgerei gemeinsam, die sie Ende der 1960er schließen.

Leistungssport ist kein Thema mehr. „Der Sport hat bei uns aber dennoch immer eine Rolle gespielt“, sagt Sohn Markus, der 1957 auf die Welt kommt. Er erzählt von vielen Skiausflügen, die er und sein Bruder Martin mit den Eltern unternommen haben. Die Bretter habe er noch heute gern unter seinen Füßen, aber ansonsten habe er keine großen sportlichen Ambitionen. Er beschäftigt sich lieber mit der Aeronautik, befasst sich mit dem Modellflug, macht den Pilotenschein. Für seine sportiven Eltern sei das nie ein Problem gewesen, sagt der Junior. Der Vater stirbt 1983.

Mit seiner Mutter hat er 1972 während der Olympischen Spiele in München verschiedenen Leichtathletik-Wettbewerbe besucht. „Beim Bodenturnen waren wir in der Olympiahalle. Das Turnen hatte sich nach ihrer Ansicht stark verändert, verglichen mit dem, was sie in ihrer Jugend gemacht hat“, erzählt Markus Eiglsperger.

Über lustige Gesangseinlagen freute sich Maria Eiglsperger auch im hohen Alter noch.

Das ist aber kein Grund für sie, den alten Zeiten nachzutrauern. Maria Eiglsperger bleibt bis ins hohe Alter aktiv. Zum 40. Jubiläum tritt sie nochmal mit dem Holde-Hilde-Hofballett auf. Da ist sie bereits 65 Jahre alt. Zu ihrem 90. Geburtstag holt die KG die Jubilarin aufs Podium am Unteren Markt, und Maria Eiglsperger tanzt mit den Gardemädchen. Wenige Monate vor ihren 100. Geburtstag stirbt sie. Von Breslau hat sie bis zum Schluss gern erzählt.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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