Auch mit 57 noch im Körper eines Fußballers: Im türkischen Cesme verbringt der Erdinger die meiste Zeit.
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Auch mit 57 noch im Körper eines Fußballers: Im türkischen Cesme verbringt der Erdinger die meiste Zeit.

„Wasche“ wird auch als „Erdings Bob Marley“ bezeichnet

Savas Kepic Karriere: Vom TSV und Türkgücü Erding bis Jamaika

  • vonMayls Majurani
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Savas Kepic Karriere startete beim TSV Erding und ging von Jamaika bis über zur Türkei. Der Stürmer versuchte sein Glück unter anderem beim TSV 1860 München.

Erding – 1987. Savas Kepic, 24 Jahre alt und Fußballer beim damaligen Viertligisten TSV Eching, packt seine Tasche: Ein paar Klamotten, Badehose, Zahnbürste, Fußballschuhe und 3000 US-Dollar. Die anstehende Reise mit der vollgepackten Tasche soll ihn aber nicht in ein Trainingslager oder zu einem womöglich höherklassigeren Verein führen, sondern nach Jamaika. „Es war schon immer mein Traum dahin zu reisen“, erzählt Kepic rückblickend. Wenn man den Fußball nicht auf Erfolge, Trophäen oder Geld reduziert, bleiben im Landkreis nicht viele Namen, die das schöne Spiel so sehr verkörpern wie er. Kepic, auch „Wasche“ genannt, ist so etwas wie Erdings Bob Marley oder George Best – für ihn ging es nie darum, der Beste zu werden, sondern Spaß zu haben, am Fußball und am Leben selbst. „Fußball ist Freiheit“, soll Bob Marley mal gesagt haben. Mit diesem Satz lässt sich auch Kepics Karriere ganz gut zusammenfassen.

Mit vier Jahren kommt Kepic, der 1963 in Istanbul geboren wurde, nach Erding zu seinen Eltern. Sie waren schon zwei Jahre zuvor als Gastarbeiter eingereist. Die Kindheit ist geprägt vom Fußballspielen, wie eben auch die von Reggae-Legende Bob Marley. Auf den Straßen von Erding läuft er tage- und teils auch nächtelang dem Ball hinterher. „Mit neun Jahren kam ich dann zum TSV Erding“ – seine dritte Familie, wie er sagt.

Egal ob mit Kopf oder Fuß: Kepic traf aus allen Situationen heraus. Hier gegen den TSV Isen erinnert er sogar ein bisschen an Maradona und die „Hand Gottes“.

Die erste Familie, das ist seine eigene. Die zweite findet er am Tag seiner Einschulung an der Lodererplatz-Schule: „Ich war ein bisschen zu spät dran, und in der Klasse war nur noch ein Platz frei. Also saß ich mich neben Anton Widmann, und er hat mich dann gleich zum Mittagessen nach Hause eingeladen.“ Daraus entsteht eine lebenslange Freundschaft. Noch immer besucht Kepic die Familie in ihrem Geschäft in der Langen Zeile jedes Mal, wenn er in Erding ist. „Ich war damals fast jeden Tag bei ihnen. Der Familie Widmann habe ich alles zu verdanken, was ich im Leben erreicht habe.“ Ohne diese Hilfe hätte er es schulisch und beruflich nie so weit gebracht, ist der mittlerweile 57-Jährige überzeugt: „Ich war der erste Türke im Landkreis, der die Aufnahmeprüfung im Gymnasium bestanden hat. Das war 1974.“ Als gelungene Integrationsgeschichte will er sein Leben aber nicht beschreiben. „Es hat mich nicht interessiert, ob ich Türke bin, oder Deutscher werde oder sein muss. Ich wollte Savas Kepic sein, und das ist mir gelungen“, sagt er. „Ich hatte immer Spaß im Fußball und im Leben.“

Beim TSV Erding nimmt Kepics fußballerische Entwicklung einen rasanten Lauf: Mit 17 Jahren steht der „Wasche“ mit einer Sondergenehmigung das erste Mal im Herrenbereich auf dem Platz. Er schießt in seiner Debütsaison in der A-Klasse (heutige Kreisliga, Anm. d. Red.) 23 Tore in 26 Spielen. Im gleichen Jahr bekommt er eine Einladung vom TSV 1860 München zum Probetraining über sechs Wochen. Das Problem: Er hat gerade erst eine Lehre bei Sport Gerlspeck in Erding begonnen. „Ich habe gefragt, ob ich früher gehen darf, wenn ich keine Mittagspause mache. Hans Gerlspeck, ein wunderbarer Mensch, hat dann gemeint, ich soll meine Mittagspause machen und zwei Stunden früher gehen“, erinnert sich Kepic. Sein damaliger Chef war ist ein großer Förderer und sehr stolz auf ihn: „Er hat immer die Zeitungsberichte über meine Spiele ausgeschnitten und vor allem den jungen Kundinnen gezeigt. Ich war 17, ich habe mich da total geschämt.“

Torjäger mit Sondergenehmigung: Savas Kepic (M.) spielte schon mit 17 für Erdings Erste und feiert hier einen seiner zahlreichen Treffer mit (v. l.) Dieter Kreuzpointner, Walter Dangl, Gerd Gallistl und Torwart Klaus Pieczonka.

Eine Saison später erhöht er seine Quote beim TSV auf 1,0 Tore pro Spiel. Mit 20 Jahren bekommt er dann ein Angebot vom türkischen Erstligisten Rizespor. „3000 Mark im Monat“, weiß Kepic noch. „Dann habe ich aber auf die Landkarte geschaut – Rize liegt ganz weit im Osten der Türkei, fast schon bei Russland. Da wollte ich dann nicht hin.“ Stattdessen geht er zum SV Türkgücü München in die fünftklassige Bezirksliga, macht 14 Tore in 28 Spielen, steigt ungeschlagen in die Landesliga auf und trifft dort ein bisschen seltener. „Je höher die Klasse wurde, desto weniger Tore habe ich gemacht“, gibt Kepic lachend zu. „Daran sieht man auch: Ein so guter Fußballer war ich nicht.“

Nach einigen Jahren bei TG München kehrt er für eine Saison zum TSV Erding zurück und wechselt dann zum TSV Eching in die viertklassige Landesliga. Die Ambition, Profifußballer zu werden, hat er aber gar nicht: „Ich wollte die Welt sehen.“ Also unterbricht er im besten Fußballeralter mit 24 Jahren seine Karriere und fliegt nach Jamaika. Geplant ist ein Sechs-Wochen-Urlaub. „Nach zwei Wochen habe ich dann aber ein Mädchen kennengelernt, Michelle. Aus den sechs Wochen wurden dreieinhalb Monate“, erzählt er und lacht. Fußball gibt es nur noch sporadisch am Strand, so wie es eben auch Bob Marley macht.

Viermal reist Kepic nach Jamaika, verbringt dort insgesamt drei Jahre. 1990 lebt er sechs Monate lang in Lateinamerika: „Ich war in Mexiko, Guatemala, Honduras, Kuba und Belize. Ich habe da in Hängematten gelebt und...“ Der 57-Jährige stockt, überlegt kurz und sagt nur noch mit einem Augenzwinkern: „Den Rest behalte ich lieber für mich.“

Kepic lässt sich überreden als Spielertrainer bei Türkgücü Erding auszuhelfen

Als er 1991 wieder zurück in Erding ist, geht er zum FC Moosinning, macht die Saisonvorbereitung mit, verletzt sich aber im ersten Testspiel und fällt monatelang aus. In der Winterpause klingelt es an seiner Tür. Adnan Özalan steht da, Vorsitzender von Türkgücü Erding. Eine witzige Situation, die auch Stürmerlegende und Frauenheld George Best hätte erlebt haben können, der mal gesagt haben soll: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Jedenfalls steht Özalan vor der Tür und will rein, „aber ich hatte ein Mädl in der Wohnung.“ Also muss Frauenheld Kepic erstmal seine Verabredung im Wohnzimmer verstecken und den TG-Chef dann in die Küche einladen. Gesprächsthema: „Er wollte, dass ich Spielertrainer werde.“ Kepic selbst will das aber nicht. Türkgücü spielt schließlich in der untersten Liga. „Ich spiele nicht in der C-Klasse“, sagt er. Nach zwei Stunden lässt er sich dann irgendwie überreden, bis Saisonende auszuhelfen – drei Monate maximal. Dann spielt er vier Jahre in der C-Klasse. „Ich hatte am Anfang Vorurteile, vor allem wegen der Liga. Aber es war dann eine sehr schöne Zeit, ich bin zweimal Torschützenkönig geworden und habe immer zwischen 28 und 34 Tore gemacht. Und ich konnte die türkische Kultur kennenlernen. Sonst hatte ich mit den Erdinger Türken ja fast nichts am Hut.“

Mit 33 Jahren beendet „Wasche“ das Kapitel Türkgücü Erding und hängt die Fußballschuhe endgültig an den Nagel. „Der Geist war fit, aber der Körper nicht mehr“, erzählt er. Jetzt ist endgültig Schluss mit Fußball. Ein paar Jahre später heiratet er „die beste Frau der Welt“, seine damalige Lebensgefährtin Birgit. Sie schenkt ihm „die zwei schönsten Kinder der Welt, Dennis und Sophie“, heute 21 und 18 Jahre alt.

Kepic Leben in der Türkei nach frühzeitigem Ruhestand mit 50 Jahren

2000 gründet der einstige Torjäger seine Firma „Kepic Hygiene“. 2007 muss er sie aber verkaufen. Aus gesundheitlichen Gründen kann er längere Zeit nicht arbeiten. Nach einem kurzen Comeback im Berufsleben muss er frühzeitig, mit 50 Jahren, in den Ruhestand. Es stellt sich die Frage: „Wo gehe ich jetzt hin? Costa Rica oder nochmal Jamaika oder Brasilien?“

Schließlich geht der mittlerweile geschiedene Mann in die Türkei. „Ich wollte meine Mutter besuchen“, erzählt er. Nach zweieinhalb Monaten Aufenthalt entscheidet er sich aber zu bleiben und kauft ein Ferienhaus im Urlaubsort Cesme. „Mittlerweile bin ich zehn bis elf Monate im Jahr hier und den Rest in Erding.“

Ganz verschwunden aus Erding ist er aber trotzdem nicht. Es kommt häufig vor, dass Nostalgiker bei Spielen vom FC respektive TSV Erding oder FC Türkgücü Geschichten über ihn erzählen. „Ich war damals ein Kind, aber einen besseren Fußballer habe ich bei uns bis heute nicht gesehen“, erzählt Selcuk Gürel, TGE-Jugendleiter. Doch auch wenn mal keine „Wasche“-Anekdote bei einem Heimspiel erzählt wird, auf einer Werbebande im Erdinger Stadion steht noch immer: „Kepic Hygiene – Großhandel von Hygienegeräten und Papiervertrieb für Industrie, Hotel und Gastronomie.“

ERDINGS 100 GRÖSSTE SPORTLER ALLER ZEITEN

Alle Athleten dieser Serie sind Sieger, die den Platz in dieser Bestenliste des Landkreises verdient haben. Wir haben uns der Herausforderung gestellt, diese Sportler in eine Reihenfolge zu bringen – wohlwissend, dass es bei 100 Platzierungen 100 Meinungen gibt. In unserer Bewertung lassen wir neben sportlichen Erfolgen auch Faktoren einfließen wie Fairness, Ehrgeiz, öffentliches Auftreten, die Konkurrenzsituation in der betreffenden Sportart, aber auch Verdienste für den heimischen Sport und die Vorbildwirkung auf den Nachwuchs. Zudem haben wir viele Fachleute um ihre Meinung befragt. Das Wichtigste bleibt für uns aber, dass wir Ihnen, diese großartigen Athleten näherbringen – in 100 Porträts, die hier in loser Folge erscheinen. (Von Mayls Majurani)

Bisher erschienen:

13. Platz: John Samanski (Eishockeyprofi aus Erding)

15. Platz: Andreas Voglsammer (Bundesliga-Fußballer aus Dorfen, Arminia Bielefeld)

22. Hans Bruckmeier (Leichtathlet aus Altenerding)

23. Horst Soika (Boxer aus Eitting)

24. Sepp Berg (Fußballer des FC Bayern, später BSG Taufkirchen)

25. Annette Zweck (Tennisspielerin aus Erding)

26. Petra Müller (geb. Scharl, Schützin aus Taufkirchen)

27. Susie Falkenstein (Mittelstreckenläuferin aus Erding)

29. Martin Rötzer (Kickboxer aus Erding)

31. Alexandra Engelhardt (Ringerin aus St. Wolfgang)

35. Sebastian Bönig (2. Bundesliga-Fußballer aus Erding)

38. Sebastian Busch (Eishockeyprofi aus Langengeisling)

39. Heidi Schneider (Bundesliga- Volleyballerin und langjährige Förderin des Schulsports)

43. Karl Pfeiffer (Radsportler aus Langengeisling)

44. Alexandra Mitschke (Extremsportlerin aus Erding)

48. Erwin Müller (Tennisspieler aus Erding)

51. Tuan Dang (Gewichtheber aus Erding)

56. Pascal Winter (Schwimmer aus Erding)

59. Valentin Busch (Eishockeyprofi aus Langengeisling)

67. Anton Bönig (Fußballer, u. a. beim FC Moosinning)

73. Günter Krzizok (Motorradrennfahrer aus Erding)

75. Georg Schatz (Ringer aus Aufkirchen)

80. Attila Babos (Ex-Tennisprofi aus Erding)

81. Martin Brandlhuber (Ski-Ass aus St. Wolfgang)

91. Florian Betzl/Sepp Wiesmeier (Motorradfahrer aus Eichenried)

96. Savas Kepic (Fußballer, u. a. beim TSV Erding)

97. Franz Herbst (Eisschwimmer aus Pemmering)

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