Arbeit und Lohn: Simon Zachenhuber trainiert mit Conny Mittermeier (l.) und hat bisher alle seine Profikämpfe gewonnen..

Sportlerwahl - die Preisverleihung

Simon Zachenhuber: „I bleib a Erdinger Bua“

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Der Box-Profi trainiert und lebt in Stuttgart. Wir haben ihn besucht, den Pokal zur Sportlerwahl überreicht und uns mal sein Training angesehen.

So also trainiert Simon Zachenhuber. Wir haben dem Boxprofi aus Reisen in Stuttgart besucht und ihm den Pokal zu unserer Sportlerwahl überreicht.

Stuttgart – Wenn die Athleten nicht zu ihren verdienten Pokalen kommen, dann halt anders rum. Das haben wir uns angesichts der coronabedingten Absage unserer Sportlerwahl-Gala vorgenommen. Und da war uns auch der Weg nach Stuttgart nicht zu weit. Dort trainiert Simon Zachenhuber
, seit er sich vor zwei Jahren entschlossen hat, Boxprofi zu werden.

Wir machen uns auf den Weg nach Schwaben, freuen uns auf der Strecke auf den etwas angeranzten nach Schweiß riechenden Keller, in dem die Athleten gegen den Boxsack hauen, im Takt von lauter Rap-Musik Seil springen oder nur ermattet auf dem Stuhl sitzen, während sie der Trainer anbrüllt.

Sorry, zu viele Box-Filme gesehen. Das „Kongsgym“, so heißt Zachenhubers Trainingsstätte“, ist ein lichtdurchfluteter Industriebau in Fellbach, einem Stadtteil im Norden Stuttgarts. Um den Boxring befinden sich weiträumig angeordnet einzelne Trainingsstationen. Ein Gymnastikraum ist extra noch abgeteilt. Und nach Schweiß riecht’s auch nicht, denn es ist Sonntag, und außer dem 22-Jährigen aus Reisen macht hier heute niemand eine Sonderschicht.

Nein, diese Klischees kann Simon Zachenhuber nicht bedienen, aber viele andere. Fangen wir bei seinem Trainer an. Conny Mittermeier, selbst ein Erdinger, einst bester Boxer weit und breit und selbst Deutscher Meister, ist seit vielen Jahren in dem Geschäft, hat viele Talente kommen und gehen sehen. Er spricht nicht viel, aber was er sagt, wirkt wie in Stein gemeißelt. Gut möglich, dass für ihn der Begriff „Klartext“ erfunden wurde.

Seine Anweisungen sind prägnant. Er lässt Zachenhuber mit Bällen jonglieren („Ist gut für die Koordination“). Er hetzt ihn Tennisbälle werfend nach links und rechts, lässt ihn Schattenboxen, fordert ihn beim Pratzentraining und gibt ihm einen Medizinball, den Zachenhuber aus einem Meter gegen die Wand donnert. Damit simuliert dieser seine Schläge. „Rechte Gerade“, sagt Mittermeier, „Linker Aufwärtshaken“ – der Ball donnert gegen die Wand. Nein, das wird kein Spaß für Zachenhubers nächsten Gegner. Und Mittermeier nickt zufrieden. Es läuft mit seinem derzeitigen Schützling. Trainingsfleiß? „Ich muss ihn eher zurückhalten. Manchmal macht Simon a bisserl zu viel.“

Voll im Plan war Simon Zachenhuber im März dieses Jahres, als eigentlich sein elfter Profikampf anstand. „Ich hatte vorher zwölf Wochen auf diesen Kampf hintrainiert. Ich war topfit“, erzählt der Boxer. „Acht Tage vor dem Kampf wurde er wegen Corona abgesagt. Das war total schade.“

Also schwang er sich aus Frust aufs Rennrad und fuhr heim in den Landkreis Erding, nach Reisen. Wär’s ein Film gewesen, man könnte sein zehnstündiges Strampeln – 240 Kilometer, 1600 Höhenmeter – ebenso mit einer Rocky-Hymne hinterlegen, wie seine Arbeiten dann daheim in Reisen: Fliesen legen, Brunnen graben, Hühnerstall bauen – „meine Mutter hat mir gesagt: ,Du bist hier nicht auf Urlaub. Für Kost und Logis kannst du schon ein bisserl was tun.‘ Aber das war ja selbstverständlich.“

Den Kontakt zum Trainer hat er aber nie abreißen lassen. Zachenhuber war ja extra nach Stuttgart gezogen, um mit dem dort schon lange lebenden Mittermeier zu trainieren. „Wir haben dann täglich telefoniert“, erzählt Zachenhuber, „und pro Tag habe ich zwei Trainingseinheiten gemacht. Ich wollte ja fit bleiben. Anfangs wusste ja niemand, wie lange der Lockdown geht.“ Außerdem galt es, Mama feines Essen auch sofort wieder zu verbrennen. „Das war schon alles sehr schmackhaft“, erzählt Zachenhuber, „aber ich habe mich zusammengerissen und kaum Pfunde draufgepackt“.

Disziplin sieht der Reisener als Selbstverständlichkeit an. Deshalb hat sich der ehemalige Schwimmer, Fünfkämpfer und Kickboxer auch innerhalb von zwei Jahren in der Profiszene der Boxer etabliert. Der 22-Jährige gewann bisher alle seine zehn Kämpfe. Auch deswegen wählten ihn die Leser der Heimatzeitung auf Platz vier unserer Sportlerwahl 2019

„Das ist eine große Ehre, wieder unter den Top Fünf zu sein, zumal ich ja meistens in Stuttgart bin“, sagte Zachenhuber bei der Pokalübergabe. Und er fügte hinzu: „Aber im Herzen bleib i a Erdinger Bua.“

Seit einigen Wochen ist er nun zurück in Stuttgart und trainiert – und zwar „sehr intensiv“, wie er selbst sagt. „Wir halten uns bereit. Es könnte ja ein Anruf kommen, dass wir in eine Veranstaltung reinpassen.“

Momentan ist dies nämlich eher schwierig, wie Trainer Mittermeier erklärt. „Wir waren so gut im Fahrwasser. Corona hat uns alles durcheinandergewirbelt.“ Eigentlich hätte sein Schützling bei der Junioren-WM boxen sollen, aber die sei ausgefallen. Allmählich würden die ersten Fights wieder stattfinden. „Aber da geht’s lediglich um die ganz starken Kämpfe, also die Nummer eins gegen die zwei.“ Aufbaukämpfe – in dieser Phase sieht Mittermeier seinen Schützling noch – seien bei den Boxpromotern noch überhaupt kein Thema.

Und doch steht ein Termin schon fest im Kalender. Am 10. Oktober soll Simon Zachenhuber in Karlsruhe in den Ring steigen. Der Gegner steht noch nicht fest, aber der 22-Jährige hat zumindest einen Termin. Für diesen wird er sich weiter täglich mit Medizinbällen schinden, den Boxsack malträtieren oder auch einfach mit Tennisbällen jonglieren – im fernen Stuttgart und immer unter den Augen seines Erdinger Trainers, der auch mal das war, was Simon Zachenhuber noch immer ist: „A Erdinger Bua.“

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