Kurze Pause: Susie Falkenstein hat in ihrer Laufbahn alle Strecken von 400 Meter bis Marathon bestritten.
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Kurze Pause: Susie Falkenstein hat in ihrer Laufbahn alle Strecken von 400 Meter bis Marathon bestritten.

Erdings Top 100

Susie Falkenstein: Die Spätzünderin mit dem Turbo-Endspurt

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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29 Jahre ist Susie Falkenstein schon alt, als sie mit Wettkampf-Leichtathletik beginnt. Weltmeisterin wird sie trotzdem, drei Mal.

Erding – Am Tag, an dem Susie Falkenstein Weltmeisterin über 800 Meter werden will, bringt sie erst einmal keinen Fuß vor den anderen. Sie hat kaum geschlafen, jetzt soll sie auch noch spazieren gehen. Bei 35 Grad Celsius. Befehl vom Trainer. Dabei falle ihr schon das Treppensteigen schwer, schreibt sie in ihrem WM-Protokoll. Die Erdingerin rafft sich auf, bringt ihren Kreislauf in Schwung und sitzt punkt 10 Uhr mit Hans Bruckmeier am Frühstückstisch. Das ist ihr langjähriger Coach, der mit ihr die Taktik im WM-Finale durchgeht. Hier, am 9. Juli 2003 in Puerto Rico, soll sie mit Gold in der Altersklasse W 35 ihre Karriere krönen.

Eine Karriere, die erst acht Jahre alt ist, denn Falkenstein stieg erst mit 29 in die Wettkampf-Leichtathletik ein. Sie ist eine Spätzünderin, die es dann aber richtig krachen lässt. Ihre Ausbeute: Gold bei 17 bayerischen, neun deutschen und bis dahin zwei Europameisterschaften.

Wer das hätte ahnen können? Vielleicht irgendjemand aus dem Comenius-Gymnasium in Deggendorf, denn da hält ein gewisser Friedrich Falkenstein lange den Schulrekord über 1000 Meter. „Auf seine 2:52 Minuten war er mächtig stolz“, erzählt Falkenstein. Der Papa ist ein Sportfex, Fußballtrainer der SpVgg Ahorn im Kreis Coburg, evangelischer Pfarrer und Vater von sechs sportbegeisterten Töchtern.

Ballett, Rock‘n‘Roll, Fußball und Turnen

Susie ist die Zweitälteste und von kleinauf ein Bewegungsfan. Mit fünf erhält sie Ballettunterricht. Sie ist beim Kinderturnen, in der Leichtathletik und spielt bis zur vierten Klasse Fußball. Danach – es sind die 1970er – gibt’s in Franken kein Angebot im Mädchenfußball. Da passt es gut, dass eine Lehrerin ein Handballteam gründet. „Das erste Spiel haben wir 0:36 gegen Neustadt verloren, im nächsten Jahr haben wir gegen die schon gewonnen“, erzählt Falkenstein. Handball wird ihre Leidenschaft. „Ich habe an einem Wochenende in der B- und A-Jugend und in der Damenmannschaft gespielt.“ Kein Problem, so lange es nicht mit dem Formationstanz kollidiert, denn mit 15 wird Susie auch noch Rock´n´Rollerin.

Wir sind hier nicht zur Gaudi. Du kannst das Ding gewinnen.

Trainer Hans Bruckmeier zu Susie Falkenstein bei der WM 2003 in Puerto Rico

Fast 25 Jahre später will nun Hans Bruckmeier sie also zu einer Lauf-Weltmeisterin machen. Während sein Schützling vor lauter Aufregung keinen Bissen runterbringt, erklärt er bei Ham and Eggs die Konkurrenz: „Die Südafrikanerin ist nicht zu unterschätzen. Die Engländerinnen haben sich was vorgenommen, und denk an die Puerto Ricanerin!“ Und dann macht er seinem Schützling klar: „Wir sind hier nicht zur Gaudi. Du kannst das Ding gewinnen.“

Susie Falkenstein ist top vorbereitet. Besser jedenfalls als etwa bei ihren Abiturprüfungen 1985, als sie einen Tag vor der Abnahme der Volleyballnoten gegen den Ratschlag des Lehrers noch Handball gespielt und sich prompt den Daumen gebrochen hat. Oder Jahre später bei der Aufnahme fürs Sportstudium, als sie kurz vor ihrer Tanzkür in der Gymnastik bemerkt, dass ihr zur Vorbereitung die Musik mit der falschen Geschwindigkeit übermittelt wurde. „Das war nur halb so schnell. Und ich wäre bei der Prüfung als Erste dran gewesen.“ Die Jury lässt sie als Letzte ran. „In der Zwischenzeit habe ich mir bei den Prüflingen vor mir Takt und Tempo abgeschaut. Dann habe ich es schon hinbekommen.“

Stipendium nach 800-Meter-Rekord

Ihr großer Vorteil: Sie ist einfach ein Sportallrounder (siehe Kasten unten). Ihr USA-Jahr war bei Studiengebühren von 8500 Dollar pro Semester nur möglich, weil sie an der University of Indianapolis über 800 Meter einen neuen Rekord läuft und deshalb ein Stipendium bekommt.

Unschlagbar im Endspurt: Auf der Zielgerade hatte niemand eine Chance.

28 Jahre später geht es also wieder um zwei Stadionrunden. Wieder jenseits des großen Teichs. In Puerto Rico, wo es erst einmal ein Abenteuer ist, überhaupt ins Estadio Roberto Clemente zu kommen. In San Juan ist ein Regenguss runtergegangen. Ein Bus bringt den Verkehr in der Stadt zum erlahmen. Aus der Traum wegen eines Staus? Ein Polizeibeamter eskortiert die deutsche Läuferin ins Stadion. Noch mal gutgegangen. Doch Bruckmeier beruhigt sich bloß äußerlich. Denn in ihm, dem vielfachen Bayerischen Meister auf der Langstrecke, nagt – so schreibt er es nieder – „ein schon vergessenes oder verlorenes oder noch nie da gewesenes Gefühl im Kopf, im Magen oder sonst noch wo“ .

Denn da auf der Bahn steht eine Frau, die er 1995 bei einem Handballspiel entdeckt hat. „Du wärst eine gute Mittelstrecklerin“, sagt er und schlägt der Außenspielerin der SpVgg Altenerding vor: „Ich schreib dir mal einen Trainingsplan.“ Falkenstein schnappt sich den Zettel und ruft ihn wenige Tage später an: „Erledigt, was soll ich jetzt machen?“

Bloß beim Waldlauf nicht verirren

Bruckmeier trainiert in dieser Zeit bei der LAG Mittlere Isar, eine Ansammlung hochambitionierter Athleten, die bayerische und deutsche Meistertitel einfahren. Falkenstein ist stolz, in diesen erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. „Das Hallentraining war super.“ Draußen treibt sie die Angst um, „dass ich die Gruppe beim Waldlauf verliere und mich verirre“. Also heißt es: Ranhalten! Was nicht so einfach ist, wenn die Läufer mit lockerem Dauerlauf eine Vier-Minuten-Kilometer-Zeit meinen. Aber die Gruppe lässt sie nicht hängen. Auch nicht, als sich die Erdingerin im Januar 1996 bei einem Unfall im Fitnessstudio schwer verletzt.

Unschlagbares Team: Susie Falkenstein und Hans Bruckmeier.

Beim Ostertrainingslager in Viareggio ist sie schon wieder dabei – und läuft die 1000-Meter-Serien nicht in 3:20 min. „Ich habe es in 3:15 geschafft – und Brucki hat mich zusammengestaucht. Was ich mir bloß dabei denke, so schnell anzufangen.“ Doch Falkenstein läuft die 3:15 auch beim zweiten und beim dritten Tausender. Erstmals denkt sich der Trainer: „Hey, da ist vielleicht mehr drin.“

Aber das heißt noch lange nicht, dass sie es nun hier auf der Bahn von San Juan forsch angehen soll. „Du machst nichts“ – hat Falkenstein in den Ohren, als der Startschuss zum WM-Endlauf fällt. Die ersten 300 Meter passiert nichts – „bisher ist alles richtig“, notiert sich der Trainer.

Falkenstein ist immer vorn dabei

Eigentlich dürfte ihn das auch nicht überraschen. Hat sich seine Schülerin nicht mustergültig entwickelt? Gerade mal ein Jahr nach dem ersten Trainingsplan läuft sie die 1000 m in Regensburg in 3:10 min und sagt: „Das wäre noch schneller gegangen“, was sie umgehend beweist, als sie in Neustadt erstmals die Drei-Minuten-Marke knackt. Und dann hält sie auch schon die erste Urkunde in der Hand: Völlig überraschend Gold über 1500 m bei der bayerischen Meisterschaft der Aktiven in Eggenfelden in 4:34,56 min. Den Endspurt zieht sie bereits eingangs der letzten Runde an.

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Spätestens jetzt weiß Bruckmeier um das Potenzial seiner Spätstarterin. Er fördert und fordert sie. „Manchmal hat er bei den Meldezeiten getrickst, damit ich bei internationalen Sportfesten reinkomme“, erzählt sie. Die starke Konkurrenz beflügelt die Erdingerin. In Basel läuft sie die 1500 m in 4:26,7 min – „gegen Konkurrentinnen, die fast meine Töchter sein könnten“, erzählt sie. 1999 wird Falkenstein erstmals deutsche Seniorenmeisterin über 800 m. Ab jetzt ist sie nicht mehr aufzuhalten. Sie ist 36, als sie bei den Frauen bei bayerischen und süddeutschen Meisterschaften sechsmal auf dem Podest steht. Von 1500 und 3000 Meter sowie als Mitglied der Cross- und Zehn-Kilometer-Straßenmannschaft – Falkenstein ist immer vorn dabei. In Potsdam schließlich wird sie Europameisterin über 800 und 1500 Meter in der Altersklasse W 35. „Damals war Brucki gar nicht dabei“, erzählt Falkenstein, „aber wir haben jeden Abend telefoniert, um die Taktik zu besprechen“.

Nach Puerto Rico hat der Trainer sie nicht allein fahren lassen. „Ich trainiere dich so lange, wie du läufst“, hat er gesagt, nachdem er seine weitere Tätigkeit als Leichtathletiktrainer beendet hat. Nun steht er hier im Estadio Roberto Clemente und sieht das Bummeltempo in der ersten Runde. „Langsame Fahrt – macht nix“, schreibt er auf. Dann aber – nach 500 Metern – fährt die Südafrikanerin Rene Odendaal eine Attacke. „50 Meter Bedenken“, schreibt Bruckmeier auf. Hat sie’s wirklich drauf?

Lauftraining mit Fußballprofi

Einmal in all den Jahren ist er wirklich sauer geworen. Falkenstein hatte gegen seinen Rat weiter Handball gespielt. „Meine Tore habe ich auf andere schreiben lassen“, erzählt sie. „Aber dann stand sie halt mal als mehrfache Torschützin in der Zeitung.“ Bruckmeier ließ ihr die Wahl: nur Leichtathletik oder Laufen und Handball, „dann aber nur hobbymäßig und ohne mich“.

Startnummern und Trikots erinnern an die WM von Puerto Rico.

Fortan gibt’s nur noch Spikes statt Hallenschuhe. Für ein Rennen fährt sie schon mal kurz nach Frankfurt oder gar nach Belgien, wenn das Teilnehmerfeld stimmt oder um eine Quali zu laufen. In der Vorbereitung auf die WM trainiert sie mit Fußballprofi Philipp Bönig. Falkenstein läuft erst die 400 Meter in 60 Sekunden, sprintet dann zehn Mal jeweils 100 Meter in Sphären von 13,5 bis 14 sec mit nur 60 Sekunden Trabpause und läuft dann nochmal eine Stadionrunde unter 60 Sekunden. Mit anderen Worten – sie ist bestens vorbereitet für dieses WM-Finale. Auch taktisch.

Deshalb lässt sie auch jetzt die Lücke zur Südafrikanerin nicht zu groß werden. Fünf Meter wären schon zuviel. Also schließt Falkenstein auf. Nach 550 m schreibt Bruckmeier: „Wieder alles richtig.“ Nach 600 m: „Erst recht alles richtig.“ Nach 650 m: „Noch mehr alles richtig.“

2004 war der Druck größer

Denn 200 Meter vor dem Ziel geht Falkenstein richtig los, geht an Odendaal vorbei, damit sie in der letzten Kurve in der Innenbahn ist. Die Südafrikanerin kann nicht kontern, die restliche Konkurrenz aus Venezuela, Puerto Rico und Großbritannien sowieso nicht. Falkenstein stürmt über die Ziellinie. „Gigantisch“, schreibt Bruckmeier, mit zwei Ausrufezeichen.

Über 1500 m holt Falkenstein wenige Tage später Silber. „Und es fuchst mich noch immer, dass ich damals nicht den Mut gehabt habe, die Top-Favoritin aus Belgien zu attackieren“, erinnert sich Falkenstein heute. Aber sie lächelt dabei, denn die WM von Puerto Rico endet mit der 4 x 400-Meter-Staffel des DLV. „Schon dass ich da dabei sein durfte, war eine Ehre. Und dann auch noch als Schlussläuferin.“ Mit drei 800- und zwei 1500-Meter-Rennen in den Knochen läuft sie als Erste über die Ziellinie. Teamgold – „für mich als ehemalige Mannschaftsportlerin war das der emotionalste Moment überhaupt“.

Anders ist die Situation ein Jahr später bei der Hallen-WM in Sindelfingen. Falkenstein kommt als Weltmeisterin und hat einen riesigen Fanclub dabei, den sie nicht enttäuschen will. „Ja, der Druck war 2004 deutlich größer“, gesteht sie heute. Aber auf den 800 Metern im Glaspalast von Sindelfingen offenbart sie das, was Bruckmeier als ihre größte Stärke ansieht: „Sie hat eine brutale Willen-Stoß-Kraft. Auf der Zielgeraden schlägt sie jeden.“ In der Tat liefert sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen – und bleibt am Ende Sieger. WM-Gold Nummer drei.

Starthilfe gibt die heute 54-Jährige als Lehrerin und Trainerin.

Mit 37 beendet Susie Falkenstein ihre Karriere, nachdem sie alle klassischen Strecken von 400 Meter bis zum Marathon gelaufen ist. Sie ist aber auch tief mit ihrer Heimat verwurzelt. Sie ist Sportlehrerin mit Leib und Seele, hat die Jugend trainiert, bildet nun für die Bayerische Sportjugend die Übungsleiter aus und wird zum Beispiel dieses Wochenende als Kampfrichterin bei den bayerischen Meisterschaften in Erding mithelfen. Energie hat sie weiterhin ohne Ende. „Ich brauche nur wenige Stunden Schlaf“, sagt sie. Und wenn mal ganz viel Zeit ist, schaut sie sie sich auch mal die alten Zeitungsartikel von San Juan an. Mit Hans Bruckmeier, der längst zu ihrem Lebensgefährten geworden ist.

Dieter Priglmeir

Musikerin, Badminton-Ass, Judoka, Trainerin und Familienmensch

Die Aufgaben waren genau verteilt in der Familie Falkenstein. „Meine Mutter war neben dem Sport für die musikalische Ausbildung zuständig. Wir sechs Mädchen beherrschen alle mindestens ein Blechblasinstrument, Gabi und Kathrin spielten auch Geige“, erzählt Susie Falkenstein. Vom Vater kommt die Sportbegeisterung. Dass zeitweise vier Falkenstein-Mädels zusammenspielen, kommentiert er so: „Wenn ich schon keine Fußballmannschaft zusammengebracht habe, dann eben ein Handballteam.“

Aus dem einen Studienjahr in den USA hätte durchaus eine längere Zeit werden können. Falkenstein fühlte sich wohl in den Staaten. Ihr Freund Chuck hatte ihr bereits drei Heiratsanträge gemacht, doch dann bekam sie Besuch aus der Heimat: Ihre damals erst neunjährige Schwester Conny war allein nach Amerika geflogen. „Da wusste ich: Ich will wieder heim.“

Boxen ist die einzige Sportart, mit der sich Susie Falkenstein nichts anfangen kann. „Ich weiß, welche Herausforderung das allein schon koordinativ ist, aber ich kann damit nichts anfangen, wenn zwei Leute auf sich einhauen.“ Das bedeute nicht, dass sie ein Problem mit Kampfsport habe. 1989 war sie als Assistant Teacher im Norden Schottlands, wo sie es in einem Jahr als Judo-Anfänger bis zum Blau-Gurt brachte. „Ich war die einzige Frau, und es war mir ein bisschen unangenehm, gegen die Schüler zu kämpfen, erzählt sie.“ Zumal ein Schwarzgurtträger nach einer Niederlage gegen sie zu weinen begann.

Anfängerin war Falkenstein auch im Badminton, als sie an der US-Uni ihre Lehrerin triezt: „Wer gegen mich im Badminton punktet, kriegt eine A+“. Das war unmöglich gegen Amerikas zweitbeste Spielerin, „aber mein Ehrgeiz war angespornt, ich bin in einen Verein eingetreten und habe bei den Panamerican Games das Doppel gespielt.“

Mit dem TSV Milbertshofen und der SpVgg Altenerding spielte Susie Falkenstein Handball in der Bayern- und Landesliga. Als Läuferin war sie für die LAG Mittlere Isar und später für Domspitz Regensburg auf Bahn, Straße und Gelände unterwegs. Sie probierte alle Strecken aus, lief auch zweimal den Marathon in Wien (3:03 und 3:04 h). Die Straße ist aber „definitiv nicht mein Belag“, sagt sie. Die Achillessehne werde da zu sehr belastet.

Längst gibt Falkenstein ihr Wissen an den Nachwuchs weiter. Sie ist Sport- und Englisch-Lehrerin im Korbinian-Aigner-Gymnasium, hat schon bei ihrer ersten Lehrerstelle in Dorfen eine Fußballmädelmannschaft aufgebaut. Und sie hat ein Auge für Talente wie Fußballer Fritzi Bönig, Mehrkämpferi Peter Kapustin und Patrick Dogue, der im Modernen Fünfkampf bei den Olympischen Spielen in Rio knapp eine Medaille verpasst hat. pir

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