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Sturmfluten im Kopf: Das Leiden der Amelie Zachenhuber

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Von: Dieter Priglmeir

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 Hilferuf: Mit diesem Bild machte Amelie Zachenhuber per Instagram auf ihre Krankheit aufmerksam. 
Hilferuf: Mit diesem Bild machte Amelie Zachenhuber per Instagram auf ihre Krankheit aufmerksam.  © Privat

Das Leiden und der Kampf des Reisener Schwimmtalents Amelie Zachenhuber

Reisen/Erlangen – „Können wir das Fenster öffnen? Ganz schön warm hier drin.“ Amelie Zachenhuber rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Es ist nicht ihr erster Redaktionsbesuch, aber diesmal ist er anders. Klar, am Ende des Gesprächs wird sie nachträglich den Pokal erhalten, der ihr als „Sportlerin des Jahres 2019“ gebührt. Doch in den kommenden zwei Stunden geht es nicht um ihre 14 Deutschen Jahrgangsmeister-Titel oder um die beiden Bronzemedaillen beim European Youth Olympic Festival. Die junge Frau, die mit zwölf Jahren schneller schwamm als Britta Steffen und Franziska van Almsick, kämpft seit eineinhalb Jahren gegen eine Krankheit an: Epilepsie.

Wär’s nur ein Stahlbad mit dem Wort „Heilung“ am Ende der Strecke – die heute 17-Jährige wäre eingetaucht und garantiert als Erste angekommen. Aber der Kampf gegen Epilepsie erfordert mehr: das ständige Hinterfragen von Methoden und Medikamenten. „Was ist für eine Leistungssportlerin sinnvoll? Der eine sagt zu mir: Das ist unbedenklich. Der andere wundert sich, dass das noch immer nicht auf der Dopingliste ist“, sagt Rosi Zachenhuber. Sie ist Schwimm-Trainerin, aber auch eine auf der Intensivstation arbeitende Fach-Krankenschwester – und vor allem Amelies Mutter. Seit Jahren bemüht sie sich um bestmögliche Rahmenbedingungen, damit das größte Schwimmtalent, das der Landkreis je hervorgebracht hat, optimal trainieren kann, aber auch gleichzeitig die Schule nicht vernachlässigt.

Der Pokal unserer Sportlerwahl 2019 erscheint wie ein Relikt  aus einer anderen Zeit.
Der Pokal unserer Sportlerwahl 2019 erscheint wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. © Wolfgang Krzizok

Jetzt sitzen Mutter und Tochter gemeinsam in der Redaktion – und sind sich in vielen Dingen nicht einig. Aber in einem schon: Amelie will zurück zu alter Stärke, die Mutter wird ihr dabei helfen. Der Masterplan dazu? „Den gibt’s nicht“, sagt Rosi Zachenhuber, „nennen wir es lieber Umstrukturierungsphase“. Es gebe zu viele Fragen: Wie und wo geht’s weiter? Was macht die Ausbildung? Und vor allem: Was ist, wenn sich die Geschehnisse von jenem Montag im November 2020 wiederholen?

Blenden wir zurück: Amelie trainiert in Erlangen täglich bis zu fünf Stunden und bereitet sich zudem auf die Mittlere Reife an der Eliteschule des Sports in Nürnberg vor. An jenem Montag sitzt sie im Klassenzimmer und erwartet die Note der Mathe-Schulaufgabe. Eine Fünf, „aber ich hatte die beste Arbeit der Klasse“, erzählt sie. Die Schulaufgabe wird später wiederholt, sie wird mit einer Eins abschließen – aber das nur am Rande.

Irgendwie habe sie sich an jenem Morgen sehr müde gefühlt, wie wenn sie alles von außen beobachten kann, war ziemlich durcheinander, erzählt sie heute. Was dann passiert, weiß sie nur von ihren Klassenkameradinnen: Ein Urschrei, sie kippt zur Seite auf den Schoß ihrer Nachbarin, die an einen Scherz denkt. Doch dann dieses Zucken, ein heftiger Krampfanfall. Über fünf Minuten hält er an. Im Krankenwagen kennt sie ihren Nachnamen nicht mehr.

„Mein Alter, welcher Tag heute ist – ich wusste nichts mehr. Da habe ich richtig Angst, ja sogar Panik bekommen“, sagt die 17-Jährige. Ihre Mutter eilt aus Erding ins Nürnberger Krankenhaus. Diagnose: ein epileptischer Anfall. Neurologen erklären das als „Sturm oder Gewitter im Kopf“, weil sich Nervenzellen so unnatürlich wie blitzartig entladen. Wahrnehmung, Denken, Verhalten, das Großhirn spielt verrückt – die Symptome reichen von einzelnen Muskelzuckungen bis zum Bewusstseinsverlust.

 Hilferuf: Mit diesem  Text machte Amelie Zachenhuber per Instagram auf ihre Krankheit aufmerksam. 
Hilferuf: Mit diesem Text machte Amelie Zachenhuber per Instagram auf ihre Krankheit aufmerksam.  © privat

Dazu muss man aber auch wissen: Jeder zehnte Deutsche hatte Statistiken zufolge im Laufe seines Lebens mindestens einen solchen Anfall. Erst ab dem zweiten Mal sprechen Experten von Epilepsie.

Das bekommen die Zachenhubers auch zu hören und versuchen den Alltag zu bewältigen. Amelie geht bis zu den Weihnachtsferien nicht zur Schule. Mit dem Training wartet sie nicht so lange – allerdings stets unter Aufsicht von Vater Karl, Mutter Rosi, Schwester Alisa, oder Freundinnen ihres ehemaligen Schwimmvereins SC Prinz Eugen München.

Alle besitzen das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Silber. „Das hat unsere Neurologin zur Auflage gemacht“, sagt Rosi Zachenhuber. Also sitzt immer einer am Beckenrand, passt auf. „Wir haben ihr extra noch eine gut sichtbare rote Badekappe gekauft“, erzählt die Mutter. „Es ist gar nicht so einfach, um sechs Uhr morgens wach zu bleiben, wenn deine Tochter ihre Bahnen schwimmt.“ Aber natürlich tut die Familie alles für Amelie, übernachtet in deren Wohnung, fährt sie von Erlangen aus nach Nürnberg zur Schule – damit man notfalls zur Stelle ist.

Nur einmal nicht. Amelie fährt ihr gewohntes Trainingsprogramm. Sie ist auch dabei, als ihre Trainingsgruppe an Silvester traditionell als letzte Einheit die härteste überhaupt schwimmt: 400 m Schmetterling im Volltempo. „Ich wäre beinahe kollabiert“, erinnert sie sich. Zwei Tage später pflügt sie wieder ihre Bahnen, geht dann zum Krafttraining. Und während Vater Karl für eine Erledigung kurz in die Wohnung zurückradelt, erleidet sie den zweiten Anfall.

„Ich war völlig orientierungslos“, erzählt Amelie. Sie wankt, fällt schließlich in die Arme ihres Trainers Roland Böller und verliert kurz das Bewusstsein. Die nächsten Minuten müssen auch für die Teamkollegen schrecklich gewesen sein, die vor lauter Aufregung die Medikamentenpackung nicht aufbekommen. Vater Karl ist inzwischen zurück. „Kann man dich denn gar nicht allein lassen?“, schimpft er in seiner hilflosen Verzweiflung. Auch wenn der Anfall nicht so heftig gewesen ist wie der erste, ist ihm bewusst: Epilepsie wird vermutlich ein lebenslanger Begleiter seiner Tochter sein – und damit auch für den Rest der Familie, die sofort handelt.

Ein Bild aus dem Jahr 2019: Amelie auf Goldkurs bei den Jahrgangsmeisterschaften.
Ein Bild aus dem Jahr 2019: Amelie auf Goldkurs bei den Jahrgangsmeisterschaften. © Seifert

In unzähligen Gesprächen mit Ärzten lotet Rosi Zachenhuber die Eventualitäten und Möglichkeiten aus. Sie knüpft Kontakt zu einem Professor in Erlangen, der Erfahrung mit Epilepsie bei Leistungssportlern hat und versichert: Im Becken werde Amelie keinen Anfall haben, wenn sie sich selbst sicher fühlt. Auch die Psychologin des Deutschen Schwimmverbands (DSV), Franka Weber, steht Amelie zur Seite, „und mit der Neurologin vom Krankenhaus bin ich inzwischen schon per Du“, berichtet Rosi Zachenhuber.

Zudem erhält die Tochter ein Night-Watch-Armband, das die Herzfrequenz im Schlaf registriert. Beim ersten Anzeichen eines Anfalls werden die Eltern über eine App informiert und könnten Rettungskräfte alarmieren. Alles, was in der eigenen Hand liegt, haben die Zachenhubers im Griff.

Anderes können sie nicht beeinflussen. So viele unterschiedliche Epilepsie-Arten es gibt, so viele verschiedene Medikamenten sind auf dem Markt. Welche anschlagen, ist ungewiss. Sicher sind nur die Nebenwirkungen: Stimmungsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Hungergefühle – Amelie kennt alles. Doch aufgeben will sie ihren geliebten Sport keinesfalls. Nach drei Monaten Pause steigt sie wieder ins Wasser. Der Trainingsrückstand, die Gewichtszunahme – sie ist meilenweit von ihren Bestzeiten entfernt. Bei den offenen deutschen Meisterschaften erreicht sie in drei von vier Fällen nicht den Endlauf. „Das war nicht so schlimm“, sagt sie heute. Der Sieg im B-Finale, in das sie gerade noch als Letzte reingerutscht war, habe sie riesig gefreut.

Aber da ist auch dieses Getuschel hinter ihrem Rücken: „Die Zachenhuber schafft es ja nicht mal mehr ins Finale.“ Das habe sie sehr verletzt, sagt sie. Aber auch Amelie ist eben ein Zachenhuber – das heißt: Sie übernimmt die Initiative und macht ihre Krankheit öffentlich, „obwohl ich es eigentlich für mich behalten wollte“. Zuerst postet sie auf ihrer Instagram-Seite, dann öffnet sie sich in der Fachzeitschrift „Swim & More“. Die Reaktionen seien überwältigend gewesen. „Ich bekam von allen Zuspruch.“ Das habe gut getan und ihr gezeigt: Sie ist Teil der Schwimmsport-Community, und das will sie auch bleiben. Dafür arbeitet sie – und inzwischen auch schon wieder sehr hart.

 Die 17-jährige Reisenerin liebt den Leistungssport und arbeitet geduldig daran, an ihre früheren Bestzeiten wieder heranzukommen.
Die 17-jährige Reisenerin liebt den Leistungssport und arbeitet geduldig daran, an ihre früheren Bestzeiten wieder heranzukommen. © Provat

Zwei Monate habe sie auf Sparflamme trainiert, „weil ich Angst hatte, dass wieder was passieren könnte“, sagt Amelie. Jetzt fährt sie das frühere Pensum. Tiefschläge bleiben nicht aus. Sie fällt aus dem Verbandskader, obwohl man ihr versichert habe, dass sie für ein Jahr in einer Art Ergänzungskader bleibt, wie Rosi Zachenhuber erzählt. Das April-Trainingslager in Florida findet ohne sie statt, wie der Trainer erst auf Anfrage kurz mitteilt. Nun greift Plan B: Camp in Slowenien mit Ex-Trainer Elli Mangafic. Das ist das, was Rosi Zachenhuber eingangs mit Umstrukturierungsphase meinte. Neue Wege, neue Ideen -- „und bald mal wieder einen Wettkampf“, sagt die Mutter.

„Nein, ich bin einfach noch nicht so weit.“

„Es muss ja nichts Großes sein.“

„Mama!“

Es kracht derzeit recht oft – das bestätigen beide. Die Schulnoten in der FOS sind nicht mehr so, wie sie in der Realschule waren. Die hat Amelie, die schon als Kind von einem Innenarchitektur-Studium geträumt hat, mit 1,9 abgeschlossen. Aber da hatte sie auch noch nicht mit den Nebenwirkungen von Medikamenten zu kämpfen.

„Es fällt Amelie momentan schwer, sich lange zu konzentrieren“, sagt die Mutter, und die Tochter erzählt von den Ups and Downs: „Mal bin ich total erschöpft, dann rufe ich meine Freundinnen an und will sofort in die Trampolinhalle.“ Und dann wäre da noch das Thema Essen. „Es ist halt was anderes, ob du im Hotel Mama bist oder deine eigene Wohnung hast und nach Schule und fünf Stunden Training um 20 Uhr heimkommst, noch keine Hausaufgaben gemacht hast und auch noch was Gesundes kochen sollst.“

Eine große Hilfe war Chiropraktiker Meik Schönberger, der die Reisenerin seither gratis betreut. Auf dem Bild r. ist sie mit ihrem Bruder Simon zu sehen.
Eine große Hilfe war Chiropraktiker Meik Schönberger, der die Reisenerin seither gratis betreut. Auf dem Bild r. ist sie mit ihrem Bruder Simon zu sehen. © Privat

Die Wohnung stellt übrigens der Turnerbund Erlangen. Mietfrei. „Das ist wirklich eine tolle Sache“, sagt Rosi Zachenhuber. Ein Stipendium der Thomas-und-Birgit-Rabe-Stiftung löst die ärgsten finanziellen Probleme, zumal die Förderung der Deutschen Sporthilfe durch das Aus im Bundeskader auslief. Auch die lokalen Sponsoren seien für Amelie weiter da, sagt die Mutter. Die Raiffeisenbank sponserte das Camp in Slowenien, die Stadtwerke Erding ermöglichen Gratistraining im Schwimmbad, und Chiropraktiker Meik Schönberger behandelt sie weiter gratis.

„Doch, doch“, versichert Rosi Zachenhuber, die Solidarität sei groß. Aber es bleibt dennoch Leistungssport, da müssen Zeiten und Titel geliefert werden. Und da braucht es Geduld. Von ihrer Bestzeit über 100  Meter Schmetterling (1:00,01 Minuten) ist Amelie fünf Sekunden entfernt. Zu langsam für ihren Trainer, der immer schon Opfer gefordert hat.

Offene Worte: Im Interview mit EA-Sportchef Dieter Priglmeir sprachen Amelie und Rosi Zachenhuber (v. l.) über die schwierigen Zeiten seit dem ersten Epilepsie-Anfall.
Offene Worte: Im Interview mit EA-Sportchef Dieter Priglmeir sprachen Amelie und Rosi Zachenhuber (v. l.) über die schwierigen Zeiten seit dem ersten Epilepsie-Anfall. © Wolfgang Krzizok

Zum Beispiel vergangenes Jahr, als Amelie bei der Show „Let’s Dance“ eingeladen war, als ihr Bruder Simon seinen größten Auftritt hatte, als er den „Magic Moment“ vertanzte – eine Hommage an die eigene Familie. „Ich durfte nicht nach Köln ins RTL-Studio, weil ich ein Training verpasst hätte“, erzählt Amelie, „ein einziges Training“. Darüber sei sie heute noch sauer. „Aber klar, das ist eben der Leistungssport.“ Und den liebt sie. „Da will ich wieder zurück, aber ich bin einfach noch nicht so weit“, wiederholt Amelie Zachenhuber. Medikamentös fühle sie sich gut eingestellt. Einen Anfall habe sie seit Januar 2020 nicht mehr gehabt, sehr wohl aber kurze Phasen des Gefühls, dass wieder eine Welle anfliegen würde. „Aura“ nennt sie das. „Aber das habe ich im Griff.“

Und jetzt? Mutter und Tochter schauen sich an, beide schmunzeln. Es gibt so viele Fragen. Soll Amelie tatsächlich weiter die langen Strecken trainieren, wie es ihr Trainer wünscht? Oder ist sie vielleicht doch eine Sprinterin, wie ihr gesagt wurde, als sie mal zuhause mit ihren Erdinger Freunden im Becken war? Soll sie in Erlangen bleiben oder heim ins beschauliche Reisen kommen? Wann schwimmt sie an ihre Bestzeiten ran, kommt sie zurück in den Bundeskader?

„Ich werde meine Träume nicht aufgeben“, sagt Amelie Zachenhuber. „Die Wettkämpfe werden wieder kommen. Ich weiß bloß noch nicht wann.“

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