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Mit großem Pokal: Der Neuchinger als erstmaliger LigaChampion mit seinem Uni-Team aus Virginia.

Tennis Profi Michael Weindl forciert Karriere

Wenn Erfolge hungrig machen

  • vonOlaf Heid
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Der Neuchinger Tennisprofi Michael Weindl (25) will es noch einmal wissen: Er greift an und investiert noch einmal mehr,  besonders fürs Doppel.

VON OLAF HEID

Neuching – Wenn Michael Weindl in Ismaning die Tennishalle betritt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Der 25-Jährige aus Neuching feilt hier bis zu vier Stunden an seinem Sport. Es sei ein „komisches Gefühl, so ganz alleine in einer großen Halle zu trainieren, wenn alle anderen draußen bleiben müssen“. Trotz des Lockdowns und der Sperren der Tennishallen darf er das – dank einer Ausnahmeregelung: Weindl übt schließlich seinen Beruf als Tennisprofi aus.

Der Rechtshänder aus Neuching bereitet sich derzeit intensiv auf die deutsche Hallenmeisterschaft vor, die ab kommenden Montag im baden-württembergischen Biberach abgehalten werden. Als aktuelle Nummer 69 der nationalen Rangliste (in der Welt: Doppel 1266) ist er fürs Einzel-Hauptfeld zugelassen worden. Dort will Weindl wieder für Furore sorgen und Ranglistenpunkte sammeln. So wie vor kurzem bei seinem internationalen Heimturnier in Ismaning, als er im Doppel erfolgreich war.

Bis vor gut vier Jahren schlug Weindl, der seine ersten Schritte auf dem Platz des inzwischen aufgelösten TC Neuching gemacht hat, noch beim TC Erding auf. In der Kreisstadt gehörte er dort jahrelang dem Aushängeschild, der Herrenmannschaft (zuletzt Bayernliga), an. Nachdem sich die Ausrichtung des Vereins geändert hat, das Team dadurch zerfiel und der 25-jährige aber weiter hochklassig agieren wollte, wechselte er zum TC Ismaning. „In Erding war es mir vom Niveau einfach zu wenig, darum bin ich gegangen“, so Weindl, der nun schon zwei Jahre in der Regionalliga spielen durfte.

Aber nur, wenn er überhaupt vorort sein konnte. Denn der Neuchinger verwirklichte, nachdem er in Erding an der FOS sein Fachabitur gebaut hatte, einen Traum: Studieren und Tennisspielen in den USA. Das Abi war die Voraussetzung dafür. Es verschlug den damals 18-Jährigen – dank eines Sportstipendiums – an die Universität von Old Dominion in Virginia. Hier meisterte er binnen vier Jahren den Bachelor-Studiengang in Business Management.

Vor allem aber konnte er, ausgestattet mit Leistungsklasse 1, während der acht Semester seine Tenniskarriere forcieren. „Das war schon ganz was anders“, kommt Weindl ins Schwärmen. „Das war vom Training her im Vergleich deutlich mehr. In Deutschland war es zwei bis drei Mal die Woche, drüben waren bis zu drei Stunden das tägliche Pensum.“ Sechs Tage die Woche ging es mit der Uni-Mannschaft auf den Court, daneben stand aber auch noch mehr Fitness auf dem Programm. Sport genießt in den USA einen höheren Stellenwert als daheim, das hat er am eigenen Leib festgestellt.

„Nur ein Tag musste sportfrei bleiben, ansonsten waren es schon 20 Stunden wöchentlich“, erläutert Weindl. „Wir waren zu neunt im Team, die von drei Trainern betreut wurden. Dazu hatten wir einen eigenen Physio, Fitnesscoach und auch einen Umkleidebereich.“ Mit seinen Kameraden wohnte Weindl unter einem Dach, in einer großen Tennis-WG. „Ein bunt gemischter Haufen: Amis, Deutsche, Franzosen, Spanier, Italiener, Bosnier.“ Er spielte in der 1. Division, der höchsten Liga in den Staaten, fuhr oder flog an den Wochenenden zu den Spielen. Die Kosten übernahm für alles die Universität.

Die Verhältnisse dort waren traumhaft, doch zurück ändert sich als Profi Vieles für den Neuchinger, der nun sein Leben noch stärker diesem Beruf unterordnen will. „Es ist die Leidenschaft am Sport, die mich reizt.“ Weindl muss für seine Kosten selber aufkommen und sich selber organisieren. Reisen, Unterbringung, Verpflegung, Teilnahmegebühren und nicht zuletzt Training – all das muss finanziert werden. Ein harter Weg, den er aber auch nicht scheut.

Gut, er hat mit der Firma Head einen Sponsor, der ihn mit Schlägern und anderem Equipment (Schuhe, Taschen) fördert, die Saiten bezahlt die Firma Kirschbaum. Doch den Rest muss der 25-Jährige selber aufbringen. Zum Beispiel als Akteur im Punktspielbetrieb (auch im Ausland), als Schlagpartner für Erwachsene oder als Trainer für Kinder. In Neuching organisierte er dazu mit seiner Schwester Verena trotz Corona ein Tenniscamp, beim TC Finsing half er heuer ebenfalls mit.

Aber Michael Weindl ist kein Tagträumer, der blind plant. In der Vorwoche schied er bei einem internationalen Future-Turnier in Bratislava in der Einzel-Qualifikation aus. Ein Sieg im Doppel sorgte aber für zwei Weltranglistenpunkte und den Kontoausgleich. Verdient hatte er aber damit nichts. Das gehört auf diesem Niveau zum harten Alltag. Jede gewonnene Runde zählt.

Doch Weindl schafft sich Absicherungsmöglichkeiten, die er für sein Abenteuer braucht. Natürlich kann er sich auf die Unterstützung seiner tennisbegeisterten Familie verlassen, dazu wird die weitere Ausbildung auch abseits des Tennis nicht vernachlässigt. „Das ist mir wichtig, und ohne würde ich es auch nicht als Profi versuchen.“ An der Fern-Uni in Ismaning studiert er zeitgleich für einen Masters-Abschluss.

Forcieren will Weindl seine Karriere speziell im Doppel. Er will seine Grenzen ausloten, nachdem die Ergebnisse heuer so positiv waren. Weindl hat nach dem Erfolg bei den Wolffkran Open in Ismaning Blut geleckt, als er mit Partner Jakob Schnaitter, obwohl kaum eingespielt, mit Marcel Steebe/Max Rehberg ein hoch gehandeltes deutsches Paar eliminierte und im Viertelfinale nur knapp nach eigenem Matchball im Champions-Tiebreak scheiterte. „Im Einzel ist es für mich zu schwierig und wohl auch zu spät. Aber im Doppel haben wir gesehen, dass wir ohne großes Training mitspielen können.“ Weindl und sein Partner sind sich sicher: Da geht noch mehr. Sie orientieren sich da an Kevin Krawietz und Andreas Mies, den zweifachen French-Open-Champions, die ebenfalls „umgesattelt“ und nun spezialisiert sind.

„Du musst beides spielen, oder eben in einem richtig gut sein“, erklärt Weindl. Für eine Startposition im Doppel-Feld und um an die Fleischtöpfe heranzukommen, zählt jedoch international nicht nur das Doppel-Ranking an sich, sondern auch der Listenplatz im Einzel. „Wenn sich beispielsweise Nadal oder Zwerev kurzfristig bei einem Turnier fürs Doppel anmelden, kriegen sie immer einen Platz. Von daher ist eine hohe Platzierung im Doppel immens wichtig.“

Wenn er, so kurz vor Weihnachten, ein paar Wünsche frei hätte, fällt ihm einer spontan ein: „Mit Roger Federer einmal spielen, das wäre der Wahnsinn.“ Die Schweizer Ausnahme-Erscheinung, unter anderem mit acht Einzel-Titeln Rekord-Sieger in Wimbledon, ist Weindls Vorbild. Er würde aber auch gerne selber einmal bei einem Grand Slam-Turnier, also einem der vier bedeutendsten und am höchsten dotierten Turniere aufschlagen.

Wenn seine Karriere auf dem Platz stocken würde, könnte er sich durchaus vorstellen, „irgendwas mit Tennis“ zu machen. Als hauptamtlicher Coach zu arbeiten, zum Beispiel – in 2021 will er darum den B-Schein machen. Oder auch Sparringpartner eines Top-Spielers der Weltrangliste zu sein.

Oder mit seiner Freundin Adriana Rajkovic (24), eine Kroatin, ebenfalls eine Profi-Spielerin, als Betreuer und Coach durch die Turnierwelt zu tingeln. „Das wäre spannend, da wäre ich sofort dabei“, sagt der 25-Jährige mit einem Leuchten in den Augen. Die Gedanken ans nächste Jahr lassen durchaus – trotz aller derzeitigen Corona-bedingten Hindernisse und Fragezeichen – ein Lächeln über Michael Weindls Gesicht huschen.

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