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Einen Schwund an Spaßturnern befürchtet Brigitte Biener. Die Wettkampfkinder sind dagegen noch a lle dabei.  

Turnsport

TSV Erding: Rad schlagen im Wohnzimmer?

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Einblick in die Trainingsarbeit zu Corona-Zeiten: Mehr als Basisübungen sind derzeit nicht drin

Erding – Sie kämpfen mit Online-Aktionen und Livechallenges dagegen an. Aber wie viel lässt sich dadurch von den coronabedingten langen Trainingspausen auffangen? Wir versuchen dies am Beispiel der 500 Mitglieder starken Turnabteilung des TSV Erding zu erläutern.

Brigitte Biener ist hauptverantwortlich für den gesamten Kinder- und Jugendbereich. Zwar betreibe beim TSV niemand Kunstturnen als Leistungssport mit überregionalen Wettkämpfen und Kür statt Pflicht in den Leistungsklassen. Doch gebe es im Breitensport neben dem allgemeinen Spaß-Turnen sehr wohl auch den Wettkampfsport gemäß den vom Deutschen Turnbund (DTB) vorgegebenen Pflichtübungen an den Geräten.

„Leider waren in 2020 bereits keine Wettkämpfe möglich“, bedauert Biener. Auch für 2021 sei die Teilnahme an Wettbewerben im Gau Wendelstein – dazu gehören die Kreise Erding, Ebersberg und Rosenheim – noch sehr fraglich. Der Grund: Es fehle schlicht die Vorbereitung drauf. „Die Kinder müssen die Übungen lernen, sich 30 Sekunden bis eine Minute Elemente und Choreografie drauf schaffen.“ Das sei momentan einfach unrealistisch, sagt Biener mit Hinweis auf die Trainingssituation, die vor dem Lockdown herrschte. Aufgrund der Hygiene- und Abstandsregelungen habe man die Gruppen entzerren müssen. Die Folge: weniger Trainingszeit für alle. „Mit nur zwei Trainingsstunden pro Woche die Choreografie für vier Geräten lernen? Nicht möglich“, sagt Biener, die sich seit rund 30 Jahren um die Belange der Erdinger Nachwuchsturner kümmert. Sie gehe auch persönlich nicht davon aus, dass sich die Trainingssituation, die vor dem Lockdown herrschte, bis zum Sommer ändere.

Besonders bitter findet die 47-Jährige, dass das alle vier Jahre stattfindende Deutsche Turnfest heuer abgesagt wurde. Biener erinnert sich an 2017, als sie mit einigen Erdingerinnen die Veranstaltung in Berlin erleben durfte. Gerne wäre sie mit einer Gruppe an Pfingsten nach Leipzig gefahren. „Es ist immer ein tolles Ereignis mit vielen Erlebnissen rund ums Turnen, Turn-Shows, deutschen Meisterschaften, Street-Live, eigenen Wettkämpfen – und das alles mit Turnbegeisterten aus ganz Deutschland“, schwärmt sie.

Gerade für die älteren Jugendlichen sei es ein tolles Ereignis und ein Grund, länger im Verein zu bleiben. Denn die Fluktuation bei den Teenager sei schon hoch, räumt Biener ein. Die Teilnahme am Turnfest sei erst ab zwölf Jahren erlaubt. „Einmal dabei gewesen zu sein, ist für so manchen ein Motivationsschub, dem Turnen noch treu zu bleiben. „Mit 14 oder 15 kannst du sie damit schon noch für ein, zwei Jahre catchen.“

Und zurzeit? Da sei es schon etwas schwierig mit der Motivation, räumt Biener ein. „Vor Weihnachten haben wir unsere Wettkampfgruppen mit Aufgabenstellungen zum Selber-Fithalten motiviert, zum Beispiel mit dem Turn-Adventskalender“. Aktuell werde über weitere Online-Trainingsangebote diskutiert. „Diese können allerdings nur die Basisübungen, wie Kondition, Balance und Beweglichkeit, abdecken, da die eigentlichen Turngeräte – Schwebebalken, Reck, Sprungtisch – natürlich nicht zur Verfügung stehen.“

Zum Verständnis: Im normalen Trainingsablauf nehmen die Basisübungen höchstens eine Viertelstunde in Anspruch – sehr zur Freude der Athleten, denn Basics – das sagt nun schon mal der Name – sind mal nicht die Highlights einer Sportstunde. Um so mehr freue sie sich, wenn ihre Turnerinnen selbst aktiv werden und sich zum Beispiel für Balanceübungen einen Balken ins Wohnzimmer legen. Aber das gehe natürlich nicht überall – und natürlich mit vorheriger Rücksprache mit den Eltern, meint sie lachend. Und für turnerische Vorübungen wie Handstand oder Rad schlagen sei schließlich nicht in jeder Wohnung Platz.

Aufgeben sei aber keine Alternative. „Auf jeden Fall werden wir versuchen, mit einem Trainingsprogramm – egal ob online mit einem Plan zur Eigenregie, die Kinder und Jugendlichen fit zu halten.“

Inwieweit das Fehlen der Geräte langfristig Auswirkungen auf den Turnsport haben wird, „werden wir erst absehen können, wenn das Training und vor allem der Wettkampfbetrieb wieder anläuft“, meint Biener. „Wachsen – auch in ihren Fähigkeiten – tun die Turnkinder meist auch in einer trainingsfreien Zeit. Aber ob diese nun zu lang ist, wird man erst später sehen.“

Bisher habe sich noch keines der Wettkampfkinder abgemeldet. „In den Gruppen unseres Spaß-Turnens mussten wir hingegen schon nach den Sommerferien einen leichten Abmelde-Schub verzeichnen. Je länger dieser Lockdown noch anhält, befürchten wir hier weitere Abmeldungen.“ Sie befürchtet ein Schwund von zehn Prozent der Mitglieder dieser Gruppen, die sich aus eher unregelmäßigen Teilnehmern zusammensetzen. Aufgrund dieser Unregelmäßigkeit sei es natürlich auch schwieriger, die Buben und Mädchen in Zeiten des Lockdowns zu Hause zum Trainieren zu motivieren. Biener: „Die Gruppendynamik fehlt, und verständlicherweise ist es dadurch auch schwieriger, sich hier als Trainer für ein Ferntraining zu motivieren.“

Margit Schulte kümmert sich bei den TSV-Turnern um die Erwachsenen und den Gesundheitssport. Sie spricht noch einen weiteren Punkt an. „Die Korrektur bei den Übungen fehlt – gerade bei meinen Teilnehmern, die doch die eine oder andere gesundheitliche Problemstelle haben.“ Man solle auf jeden Fall zu Hause trainieren, um einfach am Ball zu bleiben, rät die 54-Jährige. „Das häusliche Training ist gut, wird meiner Meinung nach aber nie das Training in der Gruppe ersetzen können.“

Persönlich stehe sie zwar hinter der Lockdown-Entscheidung der Landesregierung, trotzdem sei es „einfach Mist“, dass der Breitensport eingefroren werde. „Für Kinder, Jugendliche bis hin zu den Senioren hat der Sport nicht nur einen gesundheitlichen Aspekt, sondern auch einen Gruppeneffekt, der für die Psyche sehr wichtig ist. Schulte ist sich sicher: „Je länger der Lockdown andauert desto mehr verliert der Breitensport an Mitgliedern. Er hat somit immer mehr finanzielle Einbußen.“ Abgesehen davon sei in den Vereinen seit langem ein sinkendes Engagement im Ehrenamt zu erkennen. „Der lange Lockdown ist da auch nicht gerade förderlich.“

Gibt’s doch irgendetwas Positives am Lockdown? Die ehrenamtlichen Übungsleiter haben angesichts ausfallender Sunden mehr Zeit für andere Dinge. „Das stimmt“, meint Brigitte Biener. Was sie damit macht? „Ich betreibe jetzt selber wieder mehr Sport – oder ich schreibe Fernübungsblätter für meine Sportlerinnen.“

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