König der Lüfte: Fabian Seidl war auf den Schanzen aller Kontinente zuhause. Seine Lieblingsschanze steht in Sapporo. Seit weitester Sprung gelang ihm mit 142 Metern in Bischofshofen.
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König der Lüfte: Fabian Seidl war auf den Schanzen aller Kontinente zuhause. Seine Lieblingsschanze steht in Sapporo. Seit weitester Sprung gelang ihm mit 142 Metern in Bischofshofen.

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Fabian Seidl: Vom Fernsehsessel auf den Schanzentisch

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Als Zwölfjähriger begann Fabian Seidl mit dem Skispringen, flog um die Welt, holte Titel und mit gerade mal 23 Jahren beendete er seine Karriere.

Auerbach/Ampfing – Da steht er nun, der zwölfjährige Knirps, und soll von der Ruhpoldinger Schanze springen. Ihn wird’s sowieso schmeißen, da ist sich der örtliche Trainer sicher. So sei das schließlich bei fast allen Kindern, die das erste Mal eine Skisprungschanze runterspringen. Und so wird es gewiss auch Fabian Seidl ergehen. Zusammen mit seinen Eltern und Großeltern hat er sich fast jeden Wettkampf im Fernsehen angesehen. Fasziniert von den Weiten beschließt er: „Das will ich auch.“ Also gibt er so lange keine Ruhe, bis ihn die Eltern nach Ruhpolding fahren.

Sein erster Sprung: Fabian Seidl in Ruhpolding.

Es ist der Beginn einer Karriere, die Fabian Seidl in den folgenden zwölf Jahren an Sportstätten aller Kontinente bringen wird. Er wird deutscher Juniorenmeister und drängt als 20-Jähriger in die nationale Spitze. Drei Jahre später wird er aufhören.

Aber blenden wir nochmal zurück auf die 20-Meter-Schanze von Ruhpolding. In der Mitte des Anlaufs liegt ein Balken, auf dem Seidl sitzt. Zehn Meter Anfahrt reichen schon für den Neuling, der jetzt gleich über die Bakken geht und dann stürzen wird. So ist es eigentlich immer – „aber ich habe den Sprung gestanden“, erzählt er.

Die Skinarrischen vom SC Auerbach

Der Ruhpoldinger Trainer ist beeindruckt, bescheinigt dem kleinen Mann großes Talent und redet ihm zu, dass er der Sportart treu bleiben soll. Die Eltern aber winken erst einmal ab. „Die Fahrerei wäre einfach nicht machbar gewesen“, erinnert sich Seidl. Der Mann aus Ruhpolding gibt nicht auf und erzählt dem Vater von der Schanzenanlage im Landkreis Erding. Und schon landet der Sohnemann beim Skiclub Auerbach.

Talentschmiede: Beim SC Auerbach lernte Seidl das Skispringen.

Fabian Seidls erster Eindruck: „Schöne Anlage, aber wo bitte sind denn die Berge?“ Sein zweiter Eindruck: „Mei, sind die Leute hier nett.“ Rudi Heilmaier, Olli Baumgartner und der viel zu früh verstorbene Hans Steinbauer fallen dem heute 23-Jährigen noch heute sofort ein. Es sind Ehrenamtler und Skinarrische, die mit ihrer Art Berge versetzen können – und Fabian sofort begeistern.

Die Auerbacher haben sogar eine 11-Meter-Schanze für die Anfänger. „Aber ich glaube, auf der bin ich nie gesprungen“, erzählt er. Schnell erkennen die Trainer das außergewöhnliche Talent. Steinbauer nimmt den Jungadler unter seine Fittiche. Stürze baut Seidl auch in Auerbach selten, „höchstens auf der Matte, denn die verzeiht es dir nicht, wenn du im Pflug aufkommst“.

Nur Wellinger und Geiger besser

Seidls Stärke ist der Absprung. „Ich hatte schon immer gute Kraftwerte“, sagt er. Die Fähigkeit, richtig viel Energie vom Schanzentisch mitzunehmen, beschert ihm schnell tolle Weiten – und erste Erfolge. Zweimal die Woche fährt er zur Anlage vor den Toren Wartenbergs und trainiert beim SCA. Mit 15 wechselt er aufs Berchtesgadener Sportinternat. Die Auerbacher sind mächtig stolz auf ihr Talent, das in der Saison 2014/15 allen zeigt, was in ihm steckt. Er wird beim Springen in Lauscha (Thüringen) deutscher Jugendmeister. Es ist der bis dahin größte Erfolg für Seidl, der inzwischen von Wettbewerb zu Wettbewerb fährt und Siege und Podestplätze einholt.

2017 steht Seidl schließlich auf der Fichtelbergschanze in Oberwiesenthal und misst sich bei der deutschen Meisterschaft mit den ganz Großen des Landes. Andreas Wellinger, damals der Superstar der Szene, haut Sprünge über 105,5 und 106,5 Meter raus. Dahinter landet ein gewisser Karl Geiger (102,0 und 99,5 Meter/255,5 Punkte). Seidl springt 98,5 und 100,5 Meter weit, erhält dafür 247,5 Punkte – und die Bronzemedaille. Eine dicke Überraschung und ein Mega-Erfolg. Seidl freut sich, ärgert sich aber – ganz der Perfektionist – dass er Silber verpasst hat. „Ich bin beim Absprung etwas schief rausgekommen“, sagt er danach. Natürlich sei er stolz auf die Medaille. Aber es gebe immer was zu verbessern. „Ich habe viel Kraft in den Beinen. Meine Werte zählen zu den besten in Deutschland. Der Absprungübergang ist schon ganz gut“, meint er. „Aber gerade an der Flugphase, an der Plan-Stellung der Skier, habe ich noch viel zu feilen.“

Seidl ist zu dieser Zeit Mitglied im B*-Nationalkader und damit auf dem Sprung in den B-Kader. Und natürlich träumt er vom A-Kader. Dafür zieht er extra nach Berchtesgaden, wo er mit seinem Trainer Christian Leitner in der Regel zweimal pro Woche auf der Schanze steht. Dreimal die Woche kommt noch Krafttraining dazu. Möglich ist dies, weil Seidl in der Spitzensport-Gruppe der Bayerischen Polizei ist. Von Ende März an drückt der Auerbacher vier Monate lang die Bank in der Polizeischule für den mittleren Dienst. Den Rest des Jahres verbringt er auf den Schanzen. Zu dieser Zeit ist das Talent aus Auerbach auf der ganzen Welt unterwegs. Er schwärmt von der Naturanlage in Bischofshofen, weil sie mit ihrem besonders langen Anlauf ganz anders als alle anderen ist. Der Radius sei eben nicht so wie üblich. Und dennoch schaffte er dort seinen weitesten Satz mit: 142 Meter.

Lieblingsschanze steht in Japan

Seine Lieblingsschanze aber steht in Japan. „Sapporo liegt am Meer. Die Luft ist saudick und trägt dich besser. Das sind ganz andere Kräfte am Start“, schwärmt der Polizeimeister. Japan, Kanada, USA („Da ist Skispringen nicht sehr populär. Das gibt’s dort nur im Bezahlfernsehen“), Russland, Kasachstan, Finnland, Norwegen – Seidl ist auf allen Schanzen der Welt unterwegs. In Norwegen gewinnt er zweimal im FIS-Cup, das ist quasi die 3. Liga der Skispringer-Welt. Im Continentalcup (COC), eins unter den Weltcups, schafft er mehrere Top-Fünfzehn-Plätze. Sein bestes Ergebnis im COC ist ein fünfter Platz.

Heimvorteil: Eine Schanze Marke Eigenbau.

„Von den Ländern und ihrer Kultur selbst siehst du wenig“, bedauert der Polizist. Lange sei ja der Aufenthalt nie. Und da komme es schon mal vor, dass man auch mit wenig Schlaf auf die Schanze geht. Strapazen eben, die jeder Skispringer kennt und ebenso einkalkulieren muss wie das Risiko eines Sturzes.

„Natürlich hat es auch mich öfters geschmissen“, erzählt der 23-Jährige. „Es ist aber immer glimpflich abgegangen.“ Bis auf das eine Mal in Baiersbronn, als es ihn nach der Landung stauchte und er sich die Skibrille ins Gesicht rammte. „Dabei wurde mir die Pupille entrundet. Das muss wie ein Katzenauge ausgesehen haben“, erzählt er. Hat’s geschmerzt? „Weiß ich nicht, ich war ja ein paar Minuten ohnmächtig.“

Die Pupille entrundet

Die Pupille ist längst wieder rund. Aber Seidl gesteht, dass er in anderer Hinsicht manchmal das Augenmaß verliert. „Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, verkrampfe ich, und dann geht bei mir gar nichts mehr.“ Er erzählt von Ausscheidungswettkämpfen, die er total verpatzt habe.

Und dann kommt die Vier-Schanzen-Tournee 2019/20. Seidl gewann zuvor den Fis-Cup in Notodden (Norwegen) und holte sich bei Wettkampf in Oberwiesenthal den Quotenplatz für den Continentalcup. Für die Tournee ist er zwar nicht gesetzt, jedoch bekommt er aus dem Kreis der Trainer gesagt: „Halte dich bereit! Falls einer ausfällt, bist du der nächste.“ Weil Richard Freitag in Oberstdorf seiner Form hinterherspringt, scherzt Seidl mit seinen Trainern: „Wenn Freitag jetzt aussteigt, dann bin ich beim Weltcup dabei.“ Und tatsächlich hört Seidl im Radio die Nachricht von Freitags Rückzug. Prompt folgt der Anruf vom DSV-Trainerteam – aber: „Mir wurde mitgeteilt, dass man sich gegen mich entschieden hat.“ Der Traum von der Vier-Schanzen-Tournee – geplatzt.

Es sei nicht die erste Entscheidung gewesen, die gegen ihn getroffen wurde, sagt er und erzählt von seinem Dilemma. „Wenn ich der beste Skispringer aller Zeiten gewesen wäre, dann hätte niemand an mir vorbei können. Aber wenn es läuft und man nicht hochgehalten wird, ist es vor allem in so einer sensiblen Sportart schwierig, sein Können zu zeigen.“ Deshalb zieht Seidl Anfang 2020 seine Konsequenzen und beendet die Karriere. Er zieht zurück nach Ampfing, ist jetzt nicht mehr in der Sportfördergruppe der Polizei, sondern schiebt ganz normal Dienst und Nachtschichten. Er spielt nun Fußball beim TSV Ampfing und hat sich ein Rennkart zugelegt. „Momentan bin ich ganz froh über den Abstand“, sagt er in Richtung Skispringen.

Neues Hobby: Seidl (hinten) mit Rennkart.

Bereut er den Aufwand, den er als Leistungssportler betrieben hat? „Keinesfalls“, sagt er sofort. „Es war eine schöne Zeit. Und Skispringen finde ich noch immer geil.“ Und dann schwärmt er von diesem „Glücksgefühl, wenn du vom Tisch abspringst, über den Vorbau fliegst und du das Gefühl hast, dass du nochmal vom Hang wegsteigst“.

Dieter Priglmeir

Fabian Seidl über ...

Polen: „Nirgends ist Skispringen so populär wie in Polen. Die Leute dort flippen völlig aus. Das ist noch eine ganz andere Nummer als bei uns.“

Idole: „Ich weiß, dass ich früher mal Simon Amman als Idol hatte. Aber eigentlich haben mich immer die Besten des Sports begeistert. Ich fand es faszinierend, dass sie Woche für Woche beständig ihre Leistung bringen konnten.“

Diäten: „Das Gewicht war für mich nie ein Problem. Ich habe gute Anlagen. Aber natürlich habe ich mich bewusst ernährt und mir am Abend zum Beispiel keine Nudeln reingepfiffen.“

den besten Skispringer: „Das ist Kamil Stoch. Er hat das stabilste System. Er ist konstant stark und ein Dauerkandidat für Weltcup-Siege.“ pir

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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