Letzter Aufschlag: Ab sofort ist auch kein Tennis-Einzel mehr erlaubt.
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Letzter Aufschlag: Ab sofort ist auch kein Tennis-Einzel mehr erlaubt.

Vorübergehendes Aus für den Individualsport

„Das ist nicht nachvollziehbar“

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Das ging voll nach hinten los.

Landkreis – Der Betreiber eines Fitnessstudios in hatte gegen den Regierungsbeschluss geklagt, dass Fitnesscenter bayernweit schließen müssen, während Individualsportarten wie Tennis, Squash, Badminton und Tanzen erlaubt bleiben. Das sei eine Ungleichbehandlung. Das Bayerische Verwaltungsgericht gab dem Kläger am Donnerstag Recht. Nur wenige Stunden später reagierte die Staatsregierung und hat nun auch Individualsportarten mit sofortiger Wirkung untersagt. Damit sei die Gleichbehandlung wieder hergestellt – sehr zum Leidwesen vieler Sportler.

Stocksauer über die komplette Schließung ist Erhard Schloderer. „Der Volldepp, der das Verfahren angestrengt hat, der bräuchte ein paar Watschn“, wettert der Inhaber des Sportparks Schollbach, der nicht nur ein Fitnessstudio betreibt, sondern auch Tennis, Badminton und Squash anbietet.

„Bisher ist es super gut bei uns gelaufen, die Leute haben sich an die Vorschriften gehalten, und mit den Ballsportsachen haben wir einen guten Umsatz gemacht“, erzählt Schloderer. „Dass jetzt alles geschlossen ist, ist mehr als traurig.“ Er frage sich, was der Kläger damit bezwecken wollten. „Dann wäre ja auch nur individuelles Training möglich gewesen, ein Trainer und eine Person, wie bei den Ballsportarten auch“, stellt Schloderer fest. „Aber das rentiert sich doch nie. Also ich verstehe das nicht.“ Vielleicht hätte man ja nächste Woche ohnehin die individuellen Ballsportarten komplett verboten, meint er. Aber es sei jetzt überflüssig, darüber nachzudenken. Sein Fazit: „Es nervt.“

Bei Alex Dittrich läutete das Telefon am Freitag fast pausenlos. Der Tennis-Chef des FC Forstern ist beim Bayerischen Tennisverband (BTV) im Geschäftsbereich Sport beschäftigt. „Viele Hallenbetreiber und Vereine haben mir ihr Leid und auch ihr Unverständnis über die Entscheidung geklagt“, erzählt er. „Für uns als Verein ist es jetzt nicht ganz so schlimm, aber für die Hallenbetreiber eine Katastrophe und nicht nachvollziehbar.“ Dittrich findet die komplette Schließung schade. „Ein Platz ist 50 Meter lang, eine Halle zehn Meter hoch, was soll da passieren“, fragt Dittrich. Er findet, dass die Hallenbetreiber es bislang gut hingekriegt hätten „und mit den Einzelbuchungen gut ausgelastet waren“. Aber letztlich sei es im Moment müßig, darüber zu diskutieren.

Auch Alexander von Gerichten sieht in einer weitläufigen Tennishalle nur wenig Infektionsirisiko, „allerdings bin ich kein Fachmann“, bekennt der Präsident des TC Erding. Er versteht auch das Problem der Gleichbehandlung. „Aber das ist nicht das Thema“, betont er. „Was mich ärgert, ist, dass alle Entscheidungen mit heißer Nadel gestrickt werden. Also entweder die Zahlen gehen runter oder hoch, und die Wahrscheinlichkeit war ja eher, dass sie hochgehen.“ Er habe das Gefühl, „dass man sich auf die Option steigende Zahlen nicht vorbereitet hat und darum jetzt alle Entscheidung kurzfristig gefällt werden“. Er vermisst einen Plan: „Warum hat man sich nicht vorher überlegt: Wenn das und das passiert, dann machen wir das und das.“ Von Gerichten ist sich sicher, dass man alles „ein bisschen cleverer hätte machen können, um dann finale Entscheidungen zu treffen“.

Als Verantwortlicher beim TC Erding sei er natürlich „emotional angegriffen und verärgert, aber nicht wegen die Schließung an sich, sondern weil das ewige Hin und Her auf unseren Schultern ausgetragen wird“. Alle Verantwortlichen hätten viel Zeit investiert, um alles umzusetzen, umzuplanen und individuelle Lösungen zu finden. „Das ist ein wahnsinniger Aufwand.“ Gerade habe alles einigermaßen geklappt, schon sei alles wieder anders. „Das ist einfach nur frustrierend, dass alle Bemühungen jetzt wieder vollkommen sinnlos waren“, schimpft von Gerichten.

Was ihn am meisten aufregt: „Gestern Abend hat die Staatsregierung eine Entscheidung getroffen und erwartet von uns als Ehrenamtler, dass wir sie heute gleich umsetzen. Wir haben aber alle noch einen Hauptberuf.“ Sein Resümee: „Das führt alles nicht dazu, dass man die Entscheidung wirklich gutheißen und nachvollziehen kann.“

Auch Ute Attenberger, Vorsitzende des TC Oberding, empfindet die Entscheidung der Staatsregierung als „unverhältnismäßig“. Sie nehme allen Erwachsenen und Kindern komplett die Möglichkeit zu spielen. „Die Situation ist schwierig.“ Man müsse die Bereiche und Sportarten schon differenzierter betrachten und nicht alle über einen Kamm scheren. „Das versteht doch keiner, warum man sich nicht den Ball auf 20 Meter Entfernung zuspielen darf“, schimpft Attenberger und fragt: „Warum haben wir dann so intensiv seit dem Frühjahr Hygienekonzepte initiiert und umgesetzt?“

Beim TC Dorfen waren bislang noch zwei Plätze und die Ballwand offen – jetzt ist alles zu. „Grundsätzlich sind einige beschlossene Maßnahmen bei über 23 000 neuen Infizierten am Tag verständlich“, sagt TCD-Vorsitzender Klaus Huber. Die neuen Einschränkungen für Tennis als Individualsport seien nur aufgrund der erfolgreichen Klage eines Fitnesscenterbetreibers ergangen. Was Huber nicht versteht: „Warum nimmt die Staatsregierung nun alle Sportvereine in Sippenhaft? Dafür haben wir kein Verständnis mehr. Schließlich haben wir uns als Verein mit Hygienekonzepten für das Training unser Kinder viel Arbeit gemacht.“

Der Großteil der Kinder und Jugendlichen sei für ein Wintertraining eingeteilt, „und auch diese aufwendige Arbeit war wohl umsonst“. Dorfens Tennis-Chef weiß: „Am meisten leiden die Kinder und Jugendlichen darunter, dass sie keinen Sport mehr betreiben können.“

Weil keine Ballsportarten mehr erlaubt sind, setzt der Sportpark Schollbach wieder mehr auf Online-Kurse. „Das haben wir beim ersten Lockdown schon gemacht, das lief eigentlich ganz gut“, sagt Schloderer. „Das machen wir live zu vorgegebenen Zeiten, da sind immer so 15 bis 20 Leute dabei, Anmeldungen sind über die Homepage möglich.“ Und genervt fügt er an: „Wahrscheinlich verbieten sie uns das auch noch irgendwann.“

wk

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