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Anton Lutz: Hopfen und Schmalz

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Von: Dieter Priglmeir

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Die Wartenberger Turnriege (hinten, v.l.): Georg Furtner, Mathias Obermeier, Max Kammerer, Hans Detterböck, Benrhard Fischer, Gerhard Kräh, Josef Allwang, Anton Ostermeier, Ludwig Limmer, Anton Lutz; (vorne, v.l.) Anneliese Gleixner (geb. Gerstner), Anton Lutz’ spätere Ehefrau Sieglinde Lutz (geborene Kammerer), Anni Kroiß, Gertrud Röder, Zilly Bachmaier und Mathilde Harreiner.
Die Wartenberger Turnriege (hinten, v.l.): Georg Furtner, Mathias Obermeier, Max Kammerer, Hans Detterböck, Benrhard Fischer, Gerhard Kräh, Josef Allwang, Anton Ostermeier, Ludwig Limmer, Anton Lutz; (vorne, v.l.) Anneliese Gleixner (geb. Gerstner), Anton Lutz’ spätere Ehefrau Sieglinde Lutz (geborene Kammerer), Anni Kroiß, Gertrud Röder, Zilly Bachmaier und Mathilde Harreiner. © Privat

Der Wartenberger Anton Lutz war ein kraftvoller, eleganter Turner und später ein erfolgreicher Braumeister.

Wartenberg – Der Polizist selbst steht Schmiere, als sich die Wartenberger Burschen ins Sägewerk Hartl schleichen. Sie brauchen Fußbodenbretter. Sepp Schwarz, der Ordnungshüter, beobachtet, wie seine Spezln auf Gratistour gehen. Der Grund: Die jungen Turner wollen nicht mehr auf Lehm trainieren. Wir sind in den 1950ern, in einer Zeit, als Wartenberg noch nicht mal halb so viele Einwohner hat wie 2021, „aber sieben Schneider, sieben Schreiner und sechs Schuster“, wie Mathias Obermeier erzählt. In einer Zeit, in der der Schneider 18 Mark in der Woche verdient, aber ein Anzug 350 Mark kostet. In einer Zeit, in der Schwarz, Obermeier nur zwei der 17 Mann starken Gruppe des TSV Wartenberg sind, die die beste Turnstaffel weit und breit stellt. Das wiederum liegt insbesondere an einem Mann: Anton Lutz, Bayerischer Vizemeister im Siebenkampf im Jahr 1952.

Die vielen Talente des Anton Lutz: Der Wartenberger unterhielt seine Freunde miz der Geige.
Die vielen Talente des Anton Lutz: Der Wartenberger unterhielt seine Freunde miz der Geige. © Privat

„Egal welches Turngerät – er konnte einfach alles“, schwärmt Eduard Ertl. „Und er hat uns immer wieder angetrieben.“ Der heute 95-Jährige erzählt von den Stunden in der Turnhalle beim Reiterbräu in der Unteren Hauptstraße. Aber was heißt hier Halle. „Da hat der Rasthofer Karl seine Salate gezüchtet“, sagt Ertl. Erst wird Sand aufgeschüttet, und dann kommt die Idee mit dem Fußboden. „Das Holz sollte uns der Hartl günstig überlassen“, erzählt Obermeier. Knausrig sei der Sägewerksbesitzer gewesen, meint Ertl. „Jedes Brett hat der zweimal nachgemessen.“ Dafür wird er nun keine Gelegenheit mehr haben. „Weil es keinen Preisnachlass gab, haben wir das Holz kostenlos abgeholt“, sagt Obermeier – „unter Polizeischutz“, denn auch der zweite Wachtmeister habe mitgeholfen.

In diesem Moment wissen es die Burschen noch nicht, aber mit diesen Brettern haben sie die Bühne bereitet für die künftigen Wartenberger Erfolge. Aber zuerst einmal wird fleißig trainiert – „dienstags und freitags“, zählt Obermeier auf. „Und am Sonntag nach der Messe auch noch“, ergänzt Ertl. Als Turnvater tut sich Rasthofer hervor. Der war schon Mitglied der erfolgreichen TSV-Staffel in den 1920ern und kümmert sich jetzt um die nächste Turngeneration. Schon nachmittags heizt er die Halle, damit es am Abend warm genug ist.

„Ich bin ja erst mit 23 dazu gekommen“, erzählt Ertl, „ich war eigentlich zu alt, um mit dem Turnen zu beginnen“. Die Erfolge habe der TSV anderen zu verdanken: Dem kräftigen Georg Furtner etwa, der zudem ein begnadeter Fußballer war und Eishockey beim EV Landshut spielte. Oder dem klein gewachsenen, aber hochtalentierten Ludwig Limmer, aber vor allem eben Anton Lutz, Sohn des Leiters der Wartenberger Volksschule.

Anton senior stirbt 1950. Mit 19 Jahren steht der Junior mit Schwester und Mutter vor einer ungewissen Zukunft. Der Bräu von Wartenberg, Ferdinand Reiter, ermöglicht ihn die Lehre als Brauer und Mälzer. Es ist der Beginn einer großen beruflichen Laufbahn.

Aber auch im Sport ist er voller Tatendrang und Ehrgeiz. Mit seiner Begeisterung steckt er seine Freunde an. Seine turnerische Klasse ist ohnehin unumstritten. Lutz kommt von den Deutschen Turnfesten in München und Hamburg mit dem Lorbeerkranz zurück. Er ist Mitglied der Bayerischen Turnstaffel und der Oberbayern-Auswahl. Weil er in München studiert, trainiert er beim TSV 1860 mit, lernt viel von Trainern wie Olympiasieger Innozenz Stangl, und das zahlt sich auch für seine Wartenberger Freunde aus. „Er hat immer die neuesten Übungen mitgebracht, und die haben wir dann auch ausprobiert“, erzählt Obermeier.

Allerdings mit Bedacht. Erstens „hat unser Toni immer gewusst, was er wem zumuten kann“, sagt Ertl. Es habe ja nicht jeder das gleiche Potenzial. Und außerdem ist Lutz ein vorsichtiger Mann. Beim Turnen kann schon mal was schiefgehen. Eduard Ertl erzählt, dass sich sein Bruder mal das Becken gebrochen hat, nachdem er im Handstand vom Barren gestürzt war. Lutz kennt solche Risiken und lässt erstmal den Mutigsten und gleichzeitig Talentiertesten der Gruppe ran: „Toni hat die Übungen immer erst einmal vom Wiggerl vormachen lassen, um zu schauen, ob die überhaupt funktionieren“, berichtet Franz Gerstner, ein weiteres Mitglied der Turnjugend.

Mit Wiggerl meint er Ludwig Limmer, später selbst Trainer und mit Preisen ausgezeichneter Turner. „Und dann hat der Toni die Übungen selbst gemacht. Und seine Ausführung war dann immer perfekt.“ Das, so betont Gerstner, sei aber nie lehrmeisterlich gewesen. „Toni hat seine eigenen Erfolge nie in den Vordergrund gestellt“, betont Gerstner. „Ein sehr korrekter Mensch, der alle gleich behandelt hat und überall beliebt war“, fügt Obermeier hinzu.

Anton Lutz führte die Turnstaffel des TSV zu vielen Erfolgen. Hier ist er an den Ringen zu sehen, während Ludwig Limmer am Barren und Georg Furtner am Pferd trainieren.
Anton Lutz führte die Turnstaffel des TSV zu vielen Erfolgen. Hier ist er an den Ringen zu sehen, während Ludwig Limmer am Barren und Georg Furtner am Pferd trainieren. © Privat

Das stimmt nicht ganz. Sieglinde Kammerer und eine Reihe weiterer 13-, 14-jähriger Mädchen haben vor den Männern ihre Turnstunde. „Alle anderen Burschen haben draußen brav gewartet, bis unsere Stunde beendet war. Nur der Krösus ist einfach reinmarschiert, hat uns korrigiert und gesagt, was wir anders machen sollen.“ Das mag nett gemeint sein, die jungen Turnerinnen nervt das. „Jetzt kommt der scho wieder daher“, sei der allgemeine Stoßseufzer gewesen, sagt Sieglinde Kammerer, die seit September 1959 Lutz heißt. „Da sind ja doch noch ein paar Jahr rumgegangen“, sagt sie schmunzelnd. Und ja, der Toni sei damals ein begehrter Junggeselle gewesen. Einer, der mit 28 Jahren schon viel rumgekommen sei, mit dem TSV 1860 und der Bayernriege zum Beispiel in der Schweiz geturnt hat. Und – wie sich dann herausstellen sollte – eben einer, mit dem man durchs Leben gehen kann.

Zurück zum Turnen. Dass er Mitglied der Oberbayern-Auswahl und Teil der Bayerischen Turnstaffel ist, muss Lutz nie groß erwähnen. Das weiß man in Wartenberg, und seine Expertise ist geschätzt. Einmal überfordert er die TSV-Vereinsmitglieder. Bei der Jahreshauptversammlung regt er an, die Geräteausstattung aufzumöbeln. „Wir brauchen unbedingt ein Pferd“, sagt er. Worauf Franz Billmayer besorgt fragt: „Wo bringen wir das denn unter? Und wer füttert das?“

Letztlich habe der TSV über alle Turngeräte verfügt, sagt Gerstner. Ringe, Barren, Reck, Pferd – alles ist vorhanden. Zuschüsse von der Gemeinde? Fehlanzeige. „Das haben wir uns alles von den Geschäftsleuten erbettelt. Und unsere Sommerfeste mit Tanz haben auch immer ein bisserl Geld eingebracht.“

Die TSV-Turnstaffel ist in den 1950ern eine Attraktion. Am Tag, als Deutschland Fußballweltmeister wird, treten die Wartenberger auf dem Tennisplatz der Kuranstalt, der heutigen Klinik Wartenberg, auf. Obermeier erinnert sich zudem, wie bei seiner Hochzeit, als die Musi die Gäste in die Wirtschaft spielte, alle Turner im Handstand reinkommen. Und als die Gemeinde ihr 800-jähriges Bestehen feiert, ist das Festzelt proppenvoll, weil Lutz und die anderen tollkühnen Turner ihre Salti und Flicflacs machen.

Die Wartenberger lassen auch keine Gelegenheit aus, sich bei Turnfesten zu beweisen. Lutz holt sich bei den Deutschen Turnfesten in Hamburg und München den Lorbeerkranz. Mit seinen Freunden ist er in ganz Bayern unterwegs. Zum Beispiel in Augsburg, wo die Wartenberger Bekanntschaft mit drei Schwestern machen. „Wir haben ein Treffen auf dem Oktoberfest vereinbart. Aber das haben wahrscheinlich die Eltern dann verboten“, erzählt Ertl lachend.

Trostberg, Marktl – überall fahren die Wartenberger mit ihrem DKW-Bus hin. „Da-täng-täng-täng-täng“ – das Geräusch des ächzenden Gefährts hat Franz Gerstner heute noch im Ohr. Die Gau-, Bezirks oder Landesmeisterschaften sind oft mehrtägig und die Sportler privat untergebracht. „Einmal haben wir in einem Keller auf Stroh geschlafen“, erinnert sich Obermeier. Aber dann ist da noch dieses Turnfest im schwäbischen Bisingen, der Heimat von Maria Kammerer, Ehefrau vom Turner Max Kammerer. „Sie stammte aus einer Metzgerei“, erzählt Obermeier. Die Wartenberger brachten als Geschenk ein Fassl Bier mit. „Und dann wurden wir im Wohnzimmer mit einem prall gedeckten Tisch empfangen.“ Obermeier kann sich noch an die Worte des Gastgebers erinnern: „Wurst könnt Ihr essen, soviel Ihr wollt. Brot muss ich kaufen.“ Wie schon erwähnt: das sind die 1950er, die goldene Ära der Wartenberger Turner – die schon noch etwas herablassend auf die Fußballer schauen, als diese 1957 auf die Idee kommen, eine Mannschaft im Punktspielbetrieb zu stellen. Gerstner gehört zu den Fußballpionieren. Und er kann sich noch gut an Lutz’ Worte erinnern: „Was wollt Ihr Fußballer denn? In zwei Jahren wird’s euch nicht mehr geben.“

Da hat er sich getäuscht, der beste Turner den der TSV je hatte. Aber Gerstner und alle anderen Kicker sind ihm nicht gram. Im Gegenteil: 1960 machen sie Lutz sogar zu ihrem Trainer.

Hatte er überhaupt Ahnung vom Fußball? „Nicht die geringste“, meint Gerstner lachend. „Aber wir waren bei ihm immer körperlich topfit. Toni hat uns sauber umanandlass’n.“ Und nach dem Training habe er den Fußballern auch immer was ausgegeben. „Toni war einfach ein geselliger Typ.“ Unvergessen sind Gerstner auch die Skifahrten. „Wir saßen immer zu viert in seinem BMW. Einmal bei der Fahrt zum Arlberg haben wir gleich zwei Platt’n gefahren“, erzählt er.

1960 war er Wartenbergs erster Faschingsprinz  nach dem Krieg. Hier wird er eingerahmt von Peter Völkl (l.) und Emil Ammer.
1960 war er Wartenbergs erster Faschingsprinz nach dem Krieg. Hier wird er eingerahmt von Peter Völkl (l.) und Emil Ammer. © Privat

Zwei Jahre ist Lutz Fußballtrainer. Das ist aber noch längst nicht sein letztes Amt. 1960 wird er Faschingsprinz – ein Vierteljahr nach seiner Hochzeit mit Sieglinde, die nicht Prinzessin werden durfte. „So waren die Statuen“, sagt sie und meint lachend: „Aber ich war ja als Hofdame dabei.“ Sie schwärmt von einer „wunderschönen Zeit. Es war die erste richtige Faschingssaison nach dem Krieg. Alle haben das genossen.“

Und auch beim TSV passiert noch etwas, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann: eine Kampfabstimmung um den Vorstandsposten. Josef Kammerer hat diesen bereits von 1927 bis zur Gleichschaltung im Dritten Reich und dann wieder seit 1949 bis 1960 inne. „Das war lange genug“, findet Gerstner. Deshalb hätten er und weitere Mitglieder Lutz als Nachfolger vorgeschlagen. Tatsächlich gewinnt dieser die Wahl und bleibt Vorsitzender bis er aus beruflichen Gründen wegzieht.

Schon 1958 hat Lutz die Schloßbrauerei Haag an der Amper als verantwortlicher Braumeister übernommen. „Biergartenfreunde kennen sicher die Haager Schloßallee“, erklärt sein Sohn Toni. Eine Reihe Kastanien auf der rechten Seite habe sein Vater damals mit eingepflanzt. 1960 kehrt er zur Brauerei Reiter zurück. Aber dann geht es ins Schwäbische, und damit heißt es: Abschied nehmen von Wartenberg. 1963 zieht Lutz mit seiner Sieglinde und den Kindern Toni und Sigrun nach Unterbaar im Landkreis Neuburg/Donau. „Da bleib ich kein Jahr“, hat er seiner Frau anfangs angekündigt. Es werden 34 Jahre, denn in dieser Zeit hebt er die Schloßbrauerei Unterbaar auf ein neues Niveau. Der Inhaber, ein Baron, habe ihrem Mann freie Hand gelassen, erzählt Sieglinde Lutz, „und er hat seinen Betrieb geliebt“. Und das Brauereiwesen allgemein. Als die beiden 1996 nach der Pensionierung ins niederbayerische Hebertsfelden ziehen, kommt Anton Lutz schnell mit einem Mann ins Gespräch, der wenige Kilometer entfernt für den häuslichen Gebrauch braut. Er konnte es halt nicht lassen.

Im Sport sei das anders gewesen, sagt Sieglinde Lutz. Nachdem er für Wartenberg, 1860 sowie die Turnvereine in Freising und Landshut aktiv gewesen ist, will ihr Mann in seiner neuen Heimat zumindest mal trainieren. Also fragt er beim TSV Rain nach, die ihm dafür die Turnhalle aufsperrt: „Aber was will ich denn da so ganz allein?“, fragt er seine Frau. Mit Sport verbindet Anton Lutz zeitlebens auch die Geselligkeit. Jene Geselligkeit, von der seine alten Kameraden noch heute schwärmen und die sie auch viele Jahre nach ihren Wettkämpfen noch gepflegt haben, wie die Bilder beweisen, die Obermeier im Fotoalbum hat. Immer mittendrin Anton Lutz, der Meisterturner.

Am 5. Februar 2011 verstirbt Anton Lutz nach kurzer Krankheit, und ganz Wartenberg ist auf den Beinen. Seine Urne wird im Grab des Vaters beigesetzt. Sohn Toni – inzwischen gibt es übrigens auch einen Anton in der vierten Generation – sagt in seiner Grabrede: Vom Friedhof aus habe der Vater einen wunderbaren Blick auf das alte Schulhaus auf den Schulberg, dort, wo er am 28. Dezember 1931 geboren wurde.

Erdings Top 100

In unserer Serie „Erdings 100 größte Sportler aller Zeiten“ belegt Anton Lutz Platz 76.

Quellen: Jubiläumsheft 100 Jahre TSV Wartenberg, Mitteilungsblatt „Der Weihenstephaner“.

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