1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport
  4. Landkreis Erding

Zeit für die Zeidler-Spiele

Erstellt:

Von: Dieter Priglmeir

Kommentare

Titelkandidat im Einer: Oliver Zeidler.
Titelkandidat im Einer: Oliver Zeidler. © GEPA pictures/ Christian Walgram via www.imago-images.de

Die Geschwister aus Schwaig läuten die European Championships ein

Schwaig – Und plötzlich saß Oliver Zeidler im Kajak und paddelte über den Olympiasee. Es war ein Riesenspaß für den Ruder-Weltmeister aus Schwaig, als er mit Olympiasieger Max Lemke die Boote tauschte. Das ist inzwischen ein Jahr her und war eine PR-Aktion für die European Championships, die heute beginnen – mit der EM in Rudern und gleich mit doppelter Zeidler-Beteiligung.

Denn neben dem Titelaspiranten im Einer ist auch seine jüngere Schwester Marie-Sophie am Start. Sie wird ab heute im Doppel-Vierer sitzen. Die Erfolgschancen kann die 23-Jährige schwer ein schätzen. Ihr Team wurde erst vor drei Wochen in dieser Zusammensetzung formiert und hatte erst einen gemeinsamen Trainingsblock. „Wir müssen uns noch finden und als Mannschaft entwickeln“, bittet sie um Geduld. Die Chemie unter den Mädels stimme aber.

Acht Doppel-Vierer sind für die EM gemeldet. „Es wäre schon einen Enttäuschung, wenn wir da nicht zu den sechs Booten im Finale gehören würden“, sagt die Landespolizistin (Spitzensport). Medaillenchancen? Prognosen seien unmöglich – zumal auch viele Boote der anderen Nationen neu besetzt worden seien.

Jetzt gilt ihr Blick erstmal dem Vorlauf am heutigen Donnerstag. Als Erstplatzierte würde sich ihr Team direkt fürs Finale am Samstag qualifizieren. Ansonsten droht der Umweg über den Hoffnungslauf am Freitag.

Rudern Mannschaftsfototermin am 13 08 2019 in Muenchen Oberschleissheim Im Marie Sophie Zeidler Da
Im Doppelvierer tritt Marie-Sophie Zeidler an. © EIBNER/Public Address via www.imago-images.de

„Die EM ist das Highlight des Jahres“, sagt Marie-Sophie Zeidler, denn als Teil der European Championships bekomme sie eine ganz andere Wertigkeit in der Öffentlichkeit. Gerne hätte sie sich auch noch weitere Wettkämpfe in den nächsten Tagen angesehen, aber am Dienstag geht’s schon wieder nach Polen in ein Athletiktrainingslager – „ohne Rudertraining“, fügt sie hinzu. Glücklich mache sie diese Terminierung durch die Verbandsoffiziellen nicht.

Was ihr Bruder Oliver von so manchen Entscheidungen des Deutschen Ruder-Verbands (DRV) hält, hat er kürzlich im Münchner Merkur deutlich gemacht. Den Zustand im deutschen Rudersport bezeichnete er als „riesiges Debakel“.

Die Reaktionen darauf seien in der Öffentlichkeit durchwegs positiv gewesen. Sehr berührt hätten ihn die Briefe und Mails von Aktiven, aber auch von Eltern von Nachwuchssportlern. „Sie haben sich dafür bedankt, dass ich die Missstände angesprochen habe und mir bestätigt, dass sie voll und ganz meiner Meinung sind.“

Und der Verband? Bis jetzt habe er noch nichts gehört, meint Zeidler. Bundestrainerin Brigitte Bielig äußerte sich in der Berliner Morgenpost dazu: „In Teilen hat er recht, aber insbesondere den Vorwurf der Unprofessionalität halte ich für viel zu hart. Mit seiner Art der Kritik macht er uns als Verband das Leben nicht leichter.“ Oliver Zeidler würde seinen Standpunkt auch bei einem Verbandsmeeting vertreten – „das aber hoffentlich erst nach den Wettkämpfen stattfindet“. Denn jetzt gilt seine volle Konzentration dem Sport. 21 Boote sind im Einer gemeldet – das ist das größte Teilnehmerfeld der kompletten Regatta. Zeidler will den heutigen Vorlauf gewinnen. Dann wäre er direkt fürs Halbfinale qualifiziert und würde den Hoffnungslauf am Freitag umgehen. „Die Bedingungen werden an diesem Wochenende recht hart sein“, erklärt er. „Wir werden Gegenwind haben, und Oberschleißheim ist sowieso keine schnelle Strecke. Da will sich jeder einen Lauf sparen.“

Und damit meint Zeidler nicht nur die Konkurrenz der vergangenen Jahre wie Olympiasieger Stefanos Ntouskos (Griechenland) und Silbermedaillengewinner Kjetil Borch (Norwegen). Er sieht jene beiden Skuller als härteste Herausforderer, die heuer schon einen Weltcup gewonnen haben. Der Brite Thomas Graeme gewann in Luzern, Melvin Twellaar aus den Niederlanden war in Posen am schnellsten. Beim Weltcup-Auftakt in Belgrad hatte Zeidler selbst triumphiert. Danach gewann er die traditionsreiche Henley-Regatta, ehe er krankheitsbedingt eine zehntägige Zwangspause einlegen musste. Jetzt ist er fit – im Gegensatz zu etlichen weiteren deutschen Skullern, die nun wegen einer Corona-Infektion passen müssen. Zeidler hatte aber aufgrund seines individuellen Trainings keinen Kontakt mit ihnen. Und fehlende Trainingstage dürfte er inzwischen aufgeholt haben. Zuletzt sei er sogar so gute Zeiten gefahren, wie er sie im Standardtraining noch nie geschafft habe.

Zwar steht heuer auch noch die Weltmeisterschaft an, „aber diese EM ist für mich das Highlight des Jahres“, sagt der Student. „Ich fahre auf der Strecke, auf der ich das Rudern gelernt habe. Es ist meine Heim-EM.“ Und es ist schließlich der Ort, wo sein Großvater Hans-Johann Färber vor exakt 50 Jahren mit dem sogenannten „Bullen-Vierer“ olympisches Gold gewonnen hat.

Apropos Olympia: „Das hier ist eine Art Mini-Olympia“, sagt Oliver Zeidler. Die European Championships mit ihren elf verschieden Disziplinen „sind schlichtweg eine super Sache. Ich hoffe, dass dieses Großevent das Sportinteresse weckt, das es ja in Deutschland definitiv gibt, und dass wir die Jugend begeistern können.“

Wenn alles nach seinem Plan läuft, wird Oliver Zeidler am Sonntag um 14 Uhr beim letzten Rennen der diesjährigen Ruder-EM dabei sein – dem Einer-Finale.“ Danach will er sich weitere Wettkämpfe ansehen. „Ich habe Karten für den kommenden Leichtathletik-Dienstag, wenn zum Beispiel die 100-Meter-Finals anstehen“, sagt er. Auch beim Beachvolleyball und bei den Kanu-Wettbewerben werde er vorbei schauen. Der Skuller ist sich sicher: „Es wird überall eine super Stimmung herrschen.“ Die Eindrücke von den vergangenen Trainingstagen in Oberschleißheim bestärken ihn in seiner Meinung. „Hier ist es richtig cool. Alles super familiär und trotzdem hochprofessionell. Und die Verpflegung“, schwärmt er, „die ist besser als bei Olympia.“

Auch interessant

Kommentare