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Maskenpflicht in der Muckibude: Der gebürtige Echinger Herbert Holzer bereitete sich unter anderem in einem Fitnessstudio auf seinen zweiten Start bei der Challenge Roth vor. Doch dann kam die Ausgangssperre.

Triathlon

Extremsportliches Abenteuer in Fernost

  • Ulrike Wilms
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Herbert Holzer schindete sich in China neben dem Job für die Challenge Roth – doch dann kam Corona. Ein Bericht über Training unter erschwerten Bedingungen.

Eching – Es sind die besonderen Herausforderungen, die den 36-jährigen gebürtigen Echinger Herbert Holzer so stark reizen. Und das gilt beruflich und (extrem-)sportlich, sogar wenn beides zu Zeiten der Corona-Krise zusammenfällt. Vom offiziellen Ausbruch der Seuche in Wuhan bis zum 1. Mai befand sich Holzer durchgehend im chinesischen Shenyang, dem sowohl kulturellen als auch wirtschaftlichen Zentrum Nordostchinas, der früheren Mandschurei.

Fünf Jahre lang war der BMW-Mitarbeiter in der mehr als acht Millionen Einwohner zählenden Industriestadt als Integrationsmodulleiter (IML) Akustik tätig. Nun ist er in die Heimat zurückgekehrt und wird beim Münchner Autohersteller von Deutschland aus die sogenannte Homologation (Zulassung) für den chinesischen Markt betreuen. Seine Rückkehr musste er mehrmals verschieben, da kein geeigneter Nachfolger gefunden werden konnte.

Ebenfalls verschoben – und zwar um ein ganzes Jahr – wurde die Challenge Roth, der weltweit größte Wettkampf auf der Triathlon-Langdistanz, an der Herbert Holzer Anfang Juli nach seinem erfolgreichen Debüt vor fünf Jahren heuer zum zweiten Mal teilnehmen wollte. Bis zur offiziellen Absage konnten den ambitionierten Ausdauersportler bei seiner knallharten Vorbereitung weder das doppelte Handicap, chinesische Verhältnisse und coronabedingte Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen, abschrecken.

Der Beginn einer sportlichen Leidenschaft

Das Kapitel „Ausdauersport“ fing für den Globetrotter 2012 ganz harmlos mit einer Wette an. Der Einsatz lautete, am München-Marathon teilzunehmen und ihn zu finishen. Darauf folgten weitere Marathons in Berlin, Toulouse, Linz und Regensburg sowie ein 24-Stunden-Rennen im Olympiapark zusammen mit drei – ebenfalls laufverrückten – Spezln. Seither lässt Holzer dieser innere Antrieb nicht mehr los, sich mental und physisch ein Maximum abzugewinnen. Und so musste noch eine weitere Steigerung her – die Challenge im mittelfränkischen Roth. Dort stellte er sich den eisenharten Konditionen dieses extremen Ausdauersports mit den drei Disziplinen Schwimmen (3,86 Kilometer), Radfahren (180 Kilometer) und Laufen (42,195 Kilometer). Diese sind identisch mit den Anforderungen der Ironman-Wettbewerbe, dürfen aber in Roth aus marken- und veranstaltungstechnischen Gründen nicht so genannt werden. Egal: Bei dieser Premiere verbuchte er seinen größten sportlichen Triumph, er erreichte nach 11:26 Stunden das Ziel.

Homeoffice mal anders: Herbert Holzer in China auf seinem auf einen Rollentrainer montierten Rennrad.

Heuer nun sollte es also eine Wiederauflage geben – und Holzer wäre nicht Holzer, wenn er dabei nicht auch eine realistische Zeitverbesserung um zirka eine Stunde angepeilt hätte. Dabei stellte sich bei vielen Details heraus, dass die Vorbereitung unter „chinesischen Rahmenbedingungen“ deutlich schwieriger zu bewerkstelligen sein würden als zu Hause: „Ein Training in China für eine Langdistanz ist alles andere als ein Selbstläufer“, erzählt Holzer.

„Je härter die Umstände wurden, desto höher war meine Motivation.“

Das habe bereits bei der Ernährung angefangen, die nicht so reichhaltig und nährstoffreich zur Auswahl stand. Und auch wenn man Corona ausklammere, seien die Trainingsbedingungen – gemessen an den heimischen Standards – alles andere als ideal. Radfahren und Laufen unter freiem Himmel könne man in der Millionenstadt prinzipiell schon, das sei aber vor allem im Winter wegen der Luftverschmutzung und Kälte mit anhaltenden Minusgraden (minus 20 Grad) undurchführbar. Freiwasserschwimmen im Fluss sei zwar nicht verboten, aber aus gesundheitlichen Gründen keine Option. Und auch das Schwimmbecken im Fitnesscenter empfindet Holzer nach „europäischen Maßstäben“ als grenzwertig: Zwar habe er regelmäßig „eine chinesische Muckibude“ genutzt, aber speziell die einzigen beiden Rad-Ergometer dort „sind weit entfernt von der Performance und Ergonomie eines Rennrads“. Seine Laufstrecke, nach jeweiliger Prüfung der Luftqualität, bestand aus einer zirka ein Kilometer langen Runde durchs Wohnviertel.

Noch einmal härter wurde es, als die Ausgangssperren verhängt und die Fitnesscenter geschlossen wurden. Doch auch diese Widrigkeiten konnten Holzer nicht entmutigen – er hatte sein Ziel fest vor Augen: „Was soll ich sagen, je härter die Umstände wurden, desto höher war meine Motivation“, beschreibt er seine Gefühlslage.

Das Wohnzimmer wird zum Fitnessstudio

Nun war natürlich Erfindungsgeist gefragt, um durch Ersatzübungen auf die nötigen Umfänge zu kommen. „Training läuft, wenn auch etwas freestyle“ – so charakterisiert er seinen individuell und kreativ zusammengestellten Trainingsplan: In der Tiefgarage beispielsweise absolvierte er Battle Rope – ein Workout mit Seil – und auch Seilspringen. Sein Wohnzimmer baute er zu einem improvisierten Fitnessstudio um und installierte nach einigen Mühen und dank Unterstützung von Kollegen ein importiertes Rennrad auf einem in China organisierten Rollentrainer. Das Schwimm- und Krafttraining erfolgte als Trockentraining mit an der Türklinke befestigten Therabändern, mit denen beispielsweise der Kraularmzug simuliert werden konnte.

Corona macht erfinderisch: Mit Trockenübungen simulierte der 36-Jährige den Kraularmzug beim Schwimmen.

Einen überaus herben Dämpfer für den ambitionierten Triathleten bedeutete die endgültige Absage der Challenge Roth. „Es ist unfassbar schade, dass ich meine erarbeitete Leistung dieses Jahr dort nicht prüfen kann“, sagt der 36-Jährige. Ein schwacher Trost: Die bittere Enttäuschung im Hinblick auf Wettkampf-Absagen teilt er mit Zigtausend weiteren Breiten- und Leistungssportlern. Doch Holzers Blick ist bereits nach vorne gerichtet: „Trotzdem, nichts ist umsonst. Ich bleibe dran. Nächstes Jahr dann.“ Diese Worte drücken seine Motivation aus, nicht nachzulassen und sich auf ein neues, altes Ziel zu fokussieren.

Ein Heimflug der speziellen Art

Wie so vieles in Zeiten von Corona, war auch der Rückflug für Herbert Holzer eine eher grenzwertige Erfahrung, auf die er gut hätte verzichten können: „Nach über 26 Stunden habe ich wieder Hausarrest (Vorschrift für häusliche Quarantäne nach dem Flug aus China) in good old Germany. Es war ein Sonderflug, 335 Sitze und nur 28 Passagiere. Alle vier Stunden wurde die Temperatur gecheckt, und es gab nur eine Mahlzeit“, beschreibt er seine Heimreise und bezeichnet sie nicht ohne Galgenhumor als „perfektes Ende für ein besonderes Abenteuer“.

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