Marc Rademacher sitzt mit einem Akku-Schrauber in der Hand neben einem Bob.
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Zeit zum Schrauben hat er nun genug: Ein Außenbandriss durchkreuzte die Comeback-Pläne des 30-Jährigen.

Wintersport

Bob-Anschieber Marc Rademacher: Der weite Weg nach Peking

  • Michael Leitner
    vonMichael Leitner
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Erst Knie-OP, jetzt Außenbandriss: Bob-Anschieber Marc Rademacher bleibt vom Pech verfolgt. Doch der frühere Freisinger gibt seinen Olympia-Traum nicht auf.

Landkreis – Den 4. März 2019 hat Marc Rademacher noch in guter Erinnerung. Zum einen, weil er an diesem Tag bei der WM im kanadischen Whistler die Goldmedaille im Teamwettbewerb der Bob- und Skeleton-Piloten geholt hat. Und zum anderen, weil es sein letzter Wettkampf war – und vorerst auch bleiben wird.

Die Weltcup-Saison 2019/20 war für den 30-jährigen, früheren Freisinger aufgrund eines Knorpelschadens im rechten Knie flachgefallen – und auch heuer bleibt er vom Verletzungspech verfolgt: Rademacher hat sich im Training das Außenband gerissen, die Saison ist für ihn damit erneut vorzeitig beendet. Nun muss er sich abermals mühsam zurückkämpfen. Zurück auf ein Niveau, das ihm als Anschieber im Vierer von Johannes Lochner das Ticket zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking sichern soll.

Knie-OP vor einem Jahr war der Beginn einer langen Geduldsprobe

Der Weg dorthin ist weit, beschwerlich – und schmerzhaft. Marc Rademacher hatte sich im Herbst 2019 im Training eine Verletzung zugezogen: Er spürte einen Stich im Knie, das Gelenk schwoll an. Alle Hoffnungen, dass es mit einer konservativen Behandlung getan sein könnte, hatten sich bald zerschlagen. Der 30-Jährige musste auf den OP-Tisch. Am 13. Dezember, vor fast genau einem Jahr, hatte er den Eingriff, alles lief gut. Trotzdem war es der Beginn einer langen Geduldsprobe.

„Für einen Leistungssportler kommt so eine Verletzungsgeschichte einem Ausnahmezustand gleich“, beschreibt Rademacher die folgenden Wochen und Monate. „Ich musste lange daheim herumliegen und konnte nur mit Krücken gehen, da ich das Knie nur mit 20 Kilo belasten durfte. Das ist bei meiner Größe von 1,92 Metern und meinem Gewicht von 110 Kilo so gut wie gar nichts.“ Die Folge: „Die Muskulatur am rechten Bein ging komplett weg, ich konnte die Hautfalten wegziehen. Zu der Zeit war der Sport für mich so fern – und irgendwie gewöhnt man sich sogar an dieses ganze Herumgammeln.“

Doch die vielen kleinen Erfolge, die sich einstellten, gaben Rademacher den nötigen mentalen Schub. Ende Februar bei seiner Reha im Medical Park am Chiemsee sei er zwar noch „meilenweit von ordentlichem Krafttraining“ entfernt gewesen, aber immerhin waren wieder leichte Kniebeugen drin. „Die Reha war ungemein wichtig. Als Sportler tendiert man ja dazu, zu früh zu viel zu wollen. Ich hätte die Krücken vermutlich schon eher weggeworfen.“

Im Team stark: Marc Rademacher (im Bob 2. v. l.) hat im Vierer von Johannes Lochner schon zahlreiche Erfolge gefeiert. In dieser Wintersaison werden allerdings keine weiteren hinzukommen.

Das Schwerste stand ihm allerdings noch bevor. Rademacher erinnert sich noch gut an jenen Moment, als er im Rahmen des Aufbautrainings erstmals nach der OP Sprünge auf einem Bein versuchen sollte: „Ich habe früher Kampfsport wie Boxen und Mixed Martial Arts gemacht und bin alles andere als wehleidig. Aber diese Schmerzen waren der Wahnsinn, das Knie schwoll sofort wieder an – und ich musste erneut eine Woche pausieren.“ So ging es weiter, „ich musste mich jedes Mal neu überwinden“. Doch es ging aufwärts – Schritt für Schritt, Sprung für Sprung.

Im November sah sich Marc Rademacher „bei einer Kraftleistung von 90 Prozent und bei einer Sprintleistung von 70 Prozent“. Das wäre aber noch nicht genug gewesen, um Ansprüche auf einen Startplatz im Lochner-Vierer zu erheben. Ob er eine Chance gehabt hätte, sich für die Weltcup-Rennen zu empfehlen, hätte der Anschubtest am 23. Dezember zeigen sollen. „Es wäre super, wenn ich es schaffen würde, zumindest als Ersatzmann ins Team reinzurutschen“, lautete seine Zielsetzung.

Diese Schmerzen waren der Wahnsinn, das Knie schwoll sofort wieder an.

Marc Rademacher über seine erste Sprungübung nach der OP

Dieser Plan ist jetzt freilich erneut über den Haufen geworfen: Rademacher hat sich am 26. November im Training einen Außenbandriss zugezogen – beim Aufwärmen, diesmal am anderen Knie. „Damit ist nun wieder Reha angesagt“, berichtet der 30-Jährige. „Ich muss jetzt acht Wochen eine Schiene tragen, aber glücklicherweise nicht operiert werden.“ Daher werfe ihn die Verletzung nicht so weit zurück: „Das Außenband ist in meinem Sport nicht so wichtig wie im Fußball. Ich halte an meinen Zielen im Hinblick auf Olympia fest.“ Die aktuelle Wintersaison kann er – so viel ist sicher – jedoch abhaken.

Bitter, denn Marc Rademacher hatte sich im Herbst Tag für Tag für sein Comeback geschunden. Er drillte sich am Olympia-Stützpunkt in München am Anschubgerät, befand sich dort coronabedingt in einer Trainingsblase: „Ich war in einem Team aus sieben Sportlern und einem Physiotherapeuten“, erzählt Rademacher. „Wenn die Gruppe vor uns fertig war, wurde erst fünf Minuten durchgelüftet und alles desinfiziert, ehe wir reindurften. Der Verband überlässt da nichts dem Zufall.“ Auch privat versuche er, das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Dennoch schaute er nach den Einheiten in München öfters in Freising vorbei, um seine Mutter und seinen Bruder zu besuchen. „Und ich gehe hier zum Friseur. Gerade in Corona-Zeiten ist es mir wichtig, die lokalen Betriebe zu unterstützen.“

Zweites Standbein: Marc Rademacher hat seine Polizei-Ausbildung mit Erfolg abgeschlossen.

Apropos Pandemie: Auch Marc Rademacher wurde im Frühjahr während des ersten Lockdowns ins Homeoffice geschickt. Der 30-Jährige befand sich zu dieser Zeit auf der Zielgeraden seiner Polizei-Ausbildung und ackerte neben Aufbautraining und Physiotherapieterminen für seine Prüfungen. Und er hat es geschafft: „Ich bin jetzt Polizeimeister“, berichtet er stolz. „Es war eine starke Abschlussklasse – aber ich bin von den Resultaten her 108. von insgesamt 795 Teilnehmern geworden.“

Die WM-Medaille soll nicht die letzte gewesen sein

Bis März 2021 ist er weiter für den Sport – und für die erneute Reha – vom Dienst freigestellt. „Das Sportförderprogramm der Bayerischen Polizei ist einfach perfekt. Doch ich werde nicht ewig Sportler sein – es ist wichtig, dass ich ein zweites Standbein habe.“ Wie seine berufliche Zukunft aussieht, kann er noch nicht sagen. „Ob es für die gehobene Laufbahn reicht, werden die Beurteilungen zeigen. Auf alle Fälle möchte ich bei der Polizei bleiben.“ Nach der Wintersaison werde er erstmal ein Praktikum auf einer Dienststelle absolvieren, „und dann sehen wir weiter“.

Klar ist auch: Der gute Wintersportler wird im Sommer gemacht. „Ich habe mit dem Spitzensport noch lange nicht abgeschlossen“, sagt Rademacher. Außenbandriss hin oder her: „Ich bin motiviert und davon überzeugt, dass ich als Anschieber im Viererbob noch eine Menge erreichen kann.“ Die Medaille in Whistler bei der WM, sie soll nicht die letzte gewesen sein.

Zur Person

Marc Rademacher zog im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Paunzhausen und dann mit 17 nach Freising. Seit fünf Jahren lebt der Anschieber, der für den BC Bad Feilnbach und das Bob- Team von Johannes Lochner startet, in München. Rademacher wird im Spitzensport-Programm der Bayerischen Polizei gefördert und hat mittlerweile seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Seine größten Erfolge sind der Sieg bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2015, die EM-Titel 2018 und 2019, der Weltcupgesamtsieg 2018 im Viererbob von Johannes Lochner sowie Gold mit der Teamstaffel 2019 bei der WM in Whistler.

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