Volleyball-Schiedsrichter Jens Barschdorf macht das Handzeichen für eine Auszeit.
+
Keine Zeit für Auszeiten: Jens Barschdorf kommt als Schiri in den Bundesligen auf über 20 Einsätze im Jahr.

Volleyball

Bundesliga-Schiedsrichter Jens Barschdorf: Die besten Spieler tanzen nach seiner Pfeife

  • vonPeter Spanrad
    schließen

Jens Barschdorf aus Freising hat sich als Schiedsrichter in den Volleyball-Bundesligen einen Namen gemacht. Auch im Verband und in der Politik ist er engagiert.

Freising – Mannschaftssportarten hat der zweite Lockdown besonders hart getroffen: Die Amateure mussten den Spiel- und Trainingsbetrieb einstellen, nur die Profis dürfen unter strengen Auflagen weitermachen. Betroffen sind auch die Schiedsrichter – und einer davon ist Jens Barschdorf: Der Freisinger ist nicht nur als Unparteiischer in der Bundesliga aktiv, sondern bekleidet beim Bayerischen Volleyball-Verband auch das Amt des Schiedsrichter-Lehrwarts.

Die Profiteams der 1. und 2. Volleyball-Bundesligen trotzen der Corona-Krise. Daher kann Barschdorf seiner Freizeitbeschäftigung weiterhin nachgehen und wird fast jedes Wochenende als Schieds- oder Linienrichter herangezogen. So war er zuletzt etwa bei einem Zweitliga-Match der Frauen des SV Lohhof eingesetzt oder bei der Erstliga-Begegnung der Männer zwischen Herrsching und Friedrichshafen.

Geisterspiel-Atmosphäre und zahlreiche Hygienemaßnahmen

„Aufgrund der Hygieneauflagen und vor allem auch wegen der fehlenden Zuschauer herrscht derzeit eine ganz besondere und außergewöhnliche Atmosphäre bei den Spielen“, erzählt Barschdorf. So müssen sich alle Beteiligten in der Halle vor der Partie einem Corona-Schnelltest unterziehen. Die Schiedsrichter tragen bis kurz vor Spielbeginn Masken. Zudem werden die fünf im Spiel befindlichen Volleybälle laufend desinfiziert. „Und dann fehlt bei einem solchen Geisterspiel natürlich die nötige Stimmung in der Halle“, denkt der 38-Jährige beispielsweise an die Partie in Herrsching. „Dort sorgen die Fans normalerweise für einen Hexenkessel. Doch aktuell ist es sehr still, das Spiel wird per Livestream übertragen – und der Moderator ist bemüht, für Stimmung zu sorgen.“

Barschdorf ist froh, dass zumindest im Profibereich der Punktspielbetrieb aufrechterhalten wird. Trotz hoher Inzidenzen fühlt er sich dank der strengen Hygienevorschriften sehr sicher, wenn er am Wochenende als Schiedsrichter in den Hallen unterwegs ist. Freilich blickt er auch mit ein wenig Sorge in die Zukunft: „Ich bin schon gespannt, wie lange das die Bundesligisten im Volleyball noch durchhalten. Die Einnahmen durch Zuschauer fehlen. Und die ganzen Hygienemaßnahmen und die Schnelltests kosten natürlich viel Geld.“

Genau hingeschaut: Der Freisinger (hinten, r.) ist seit acht Jahren als Schieds- und Linienrichter in den Volleyball-Bundesligen im Einsatz.

Dazu kommt, dass im Volleyball üppige Fernsehgelder fehlen und dementsprechend die Etats der Clubs knapp gestrickt sind. In der 2. Bundesliga, so Barschdorf, müssten die meisten Vereine mit zirka 100 000 Euro auskommen, in der 1. Bundesliga ein Großteil mit rund einer halben Million und die Topteams mit eins bis fünf Millionen. „Wenn ich spekulieren sollte, dann glaube ich, dass einige Volleyballclubs der 1. und 2. Bundesliga zwei Saisonen ohne Zuschauer und im Corona-Modus nicht überstehen würden.“

Sorgen bereitet Barschdorf auch seine zweite ehrenamtliche Tätigkeit. Als Schiedsrichter-Lehrwart beim Bayerischen Volleyball-Verband (BVV) ist er dafür zuständig, was den Unparteiischen gelehrt wird. Er koordiniert zudem die Ausbilder und ist Ansprechpartner für die Referees. Normalerweise bildet der BVV im Jahr 4000 bis 5000 neue Schiris aus. „Davon sind wir heuer weit entfernt“, betont er. „Wir konnten nach dem ersten Lockdown so richtig mit der Ausbildung erst Ende Juni beginnen, dann waren Sommerferien, und jetzt sind wir schon wieder im Lockdown. Ich bin dankbar, dass die Vereine und Schiedsrichterwarte so erfindungsreich waren, sonst hätten wir noch weniger Kurse abhalten können.“ Er hat mit seinem Team, so gut es ging, für die Schiedsrichter Online-Angebote eingerichtet und versucht, sich auf Beachplätzen ein wenig zu behelfen. Aber bei der Ausbildung gehe es nicht nur um Theorie und die Beherrschung der Regeln, sondern die Referees müssten bei Spielen Praxiserfahrungen vermittelt bekommen. „Das war heuer extrem schwierig.“

Rückstau an Aus- und Fortbildungen im Schiedsrichterwesen

Auch die Fortbildungen seien zu kurz gekommen. Normalerweise müssten alle Unparteiischen im Zwei-Jahres-Turnus eine Präsenz-Fortbildung besuchen, um ihre Lizenz behalten zu dürfen. „Das schaffen wir heuer sicherlich nicht“, sagt Barschdorf, fügt jedoch gleich hinzu, dass der Verband keinen Schiedsrichter verlieren möchte. Deswegen biete man Online-Kurse mit Tests an und werde 2021 versuchen, den Rückstau an Aus- und Fortbildungen aufzuholen. Freilich ist sich der Freisinger bewusst, dass dies nur gelingen kann, wenn Corona zumindest ab Frühjahr oder Sommer wieder einen halbwegs normalen Sportbetrieb zulassen wird, was auch mit der Zulassung eines Impfstoffs zusammenhängt.

Bis dahin wird Barschdorf weiterhin in den Bundesligen als Schiedsrichter oder Linienrichter aktiv sein – auf gut 20 bis 25 Einsätze pro Saison kommt er. Der 38-Jährige ist nunmehr seit acht Jahren im Volleyball-Oberhaus als Unparteiischer im Einsatz. Zu der Sportart ist er über Umwege gekommen: Als Kind ist er geschwommen und hat es dann wie fast alle Buben mit Fußball probiert, aber schon bald gemerkt, dass ihm das nicht viel Spaß bereitet. Im Schulsport – Barschdorf ist Absolvent des Dom-Gymnasiums – hat er Bekanntschaft mit Volleyball gemacht – und dann beim SC Freising das Einmaleins des Sports gelernt.

Schiedsrichter zu werden, war dagegen nie sein Plan. Da in den unteren Ligen beim Volleyball an einem Spieltag stets drei Teams zusammenkommen und dabei die spielfreie Mannschaft das Schiedsgericht stellt, ist Barschdorf auch einmal gefragt worden, ob er nicht den Schiedsrichterschein machen könne, um Partien zu pfeifen. „Das Schlüsselerlebnis war 2007 bei einem Heimspiel unserer Bayernliga-Mannschaft gegen Starnberg. Ich war als Zuschauer anwesend. Als dann beide Schiedsrichter nicht kamen, hat man mich gefragt, ob ich nicht einspringen könnte. Anscheinend hab’ ich meinen Job so gut gemacht, dass man mich danach gebeten hat, weitere Prüfungen abzulegen, um auf Dauer höherklassig pfeifen zu können.“

Jens Barschdorf spielt weiterhin beim SC Freising

Nebenbei spielt Barschdorf beim SC Freising selber nach wie vor in der Dritten Mannschaft, die er seit dieser Saison auch trainiert. „Gerade als Ausbilder hilft mir die Praxis aus den niedrigen Ligen bei der Vermittlung von Inhalten, weil wir dort andere Anforderungen haben als in der Bundesliga“, erläutert der 38-Jährige. „Außerdem fördert der Sport die Gesundheit.“

Weil der Sport dem promovierten Historiker nicht reicht, engagiert sich Barschdorf seit seiner Jugend politisch in der FDP. Er kandidierte beispielswiese 2018 für den Landtag und sitzt seit März dieses Jahres als einziger Vertreter der FDP im Freisinger Stadtrat. „Die Arbeit im Stadtrat bereitet mir großen Spaß – auch wenn ich mich noch in viele Bereiche einarbeiten muss“, betont er. „Natürlich setze ich mich – neben anderen Bereichen – für den Sport ein. Aufgrund von Corona gibt es im Haushalt der Stadt allerdings Probleme, sodass wir derzeit nicht alle Projekte umsetzen können. Das ist eine schwierige Situation.“

Und nebenbei geht Jens Barschdorf auch noch einem Fulltimejob nach: Nach dem Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Alte Geschichte, Latein und VWL mit Promotion) wagte er aber einen kompletten Neuanfang. Seit vielen Jahren arbeitet er bei einem Patentanwalt als Patent- und Markenreferent. Außerdem betreut er noch die IT-Sicherheit des Unternehmens. „In meinem Berufsleben fühle ich mich sehr wohl und habe hier einen krisensicheren Job“, sagt Barschdorf und lacht. „Denn Erfindungen werden immer gemacht.“

Ebenfalls interessant: Sport und Corona: BLSV-Kreischef Florian Warmuth: „Ganze Jahrgänge werden wegbrechen“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare