Lena Lipp überspringt eine aus Kleiderstangen gebastelte Hürde
+
Not macht erfinderisch: Weil im Leichtathletik-Stadion in der Nähe ihres Wohnheims in Suwon keine Hürden verfügbar sind, feilt Lena Lipp mit Hilfe von Kleiderstangen an ihrer Überquerungstechnik.

Leichtathletik

Langsprint-Ass Lena Lipp und ihr Südkorea-Abenteuer

Langsprinterin Lena Lipp von der LAG Mittlere Isar studiert und trainiert aktuell in Südkorea. Für 2021 hat sie sich sportlich einiges vorgenommen.

Freising/Suwon – Für Sportinteressierte im Landkreis Freising ist Lena Lipp (21) mit Sicherheit kein unbeschriebenes Blatt. Unter anderem wurde sie 2019 Bayerische Meisterin der Frauen über die 400 Meter. Im Gegensatz zu vielen anderen Leichtathleten im Bundesgebiet lief auch die zurückliegende, von Corona geprägte Freiluftsaison für die Sportlerin des LC Freising ordentlich: Mit einer Zeit von 57,58 Sekunden kam sie am 1. August in München nahe an ihren Hausrekord heran, der zur Zeit bei 57,11 Sekunden steht und aus dem Jahr 2019 datiert. Dies gelang ihr wohlgemerkt trotz der bekannten Einschränkungen im Zuge des Lockdowns im Frühjahr. Etliche Wettkampfgelegenheiten waren flachgefallen.

Obwohl Lipp gut in Form war, konnte sie bei den bayerischen Meisterschaften, die am 26. und 27. September in Erding stattfanden, ihren Titel nicht verteidigen. Der Grund: Seit Anfang August befindet sie sich in einem Auslandssemester in Südkorea. Dort bekommt sie weiterhin die Trainingspläne von ihrem Freisinger Trainer Francisco Munoz. Eine derartige Fernbetreuung ist für die Athletin der LAG Mittlere Isar aber nichts Neues: Seit Oktober 2018 studiert sie in Innsbruck Umwelt-, Verfahrens- und Energietechnik. Freilich, von Asien aus kann sie nicht einfach so für wichtige Trainingseinheiten oder Wettkampftermine spontan in die bayerische Heimat zurückkehren. Das Studium lässt sich ihrer Aussage nach aber gut mit dem Leistungssport vereinbaren: „Bis auf zwei Präsenzkurse findet die Lehre online statt, sodass ich mein Training flexibel gestalten kann“, beschreibt die 21-Jährige ihre fernöstlichen Rahmenbedingungen.

Training nach dem Feinstaub-Check

Lena Lipp wohnt und studiert in Suwon. Die 1,25-Millionen-Einwohner-Stadt liegt etwa eine Autostunde südlich der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. „Nur 100 Meter Luftlinie zu meinem Wohnheim befindet sich ein öffentliches Leichtathletik-Stadion mit einer 400-Meter-Tartanbahn. Darauf darf jeder zu jeder Zeit trainieren“, freut sich ihr Sportlerherz. Dennoch ist einiges für die Freisinger Weltenbummlerin ungewohnt. So gehen viele Südkoreaner auf dem Tartanoval lediglich spazieren oder führen dort ihren Hund aus. Ein kurioses Bild für Lena Lipp, sind doch in Deutschland derartige Anlagen dem Leistungs- und Breitensport vorbehalten. „Die Koreaner sind jedoch von Haus aus eher schüchtern, sodass sie bereitwillig Platz machen, wenn ich sie bei Läufen oder Sprints überhole“, erzählt sie.

In Südkorea sind die Fitnessstudios nicht geschlossen. Hier präsentieren Lena Lipp und ihr französischer Studienkollege ihre frisch aufgebaute Muskulatur.

Während sie in ihrem Heimatstadion in der Savoyer Au in Freising problemlos auf Dinge wie Startblöcke und Hürden zurückgreifen kann, sieht es diesbezüglich an ihrem jetzigen Standort schlecht aus: „Ich habe mir einige Kleiderstangen bestellt und fünf Hürden gebastelt, an denen ich an meiner Überquerungstechnik arbeiten kann“, beweist die Sprinterin eine Menge Improvisationstalent. Auch über die 400 Meter Hürden kann sie übrigens eine beeindruckende Bestleistung von 62,99 Sekunden vorweisen.

Das fehlende Material ist jedoch das deutlich geringere Problem gegenüber der hohen Luftverschmutzung an manchen Tagen in Südkorea. „Anfangs habe ich gedacht, es ist nur diesig. Als mir nach dem Training die Lunge gebrannt hat, wurde ich vorsichtiger“, umschreibt die Athletin ihre erste Erfahrung mit dem Smog. Seit diesem einprägsamen Erlebnis prüft sie vor jeder Trainingseinheit im Internet die Feinstaubwerte in ihrer Region. Sind die entsprechenden Parameter zu hoch, weicht sie auf Treppentraining und die Stufen in ihrem Wohnheim (15 Stockwerke) aus.

Wie in einer fast coronafreien Blase

Während ihre Trainingspartnerinnen in der Heimat momentan unter anderem mit geschlossenen Sportanlagen und Fitnessstudios sowie dem Verbot des Gruppentrainings im Amateursport zu kämpfen haben, beschreibt sie die Corona-Einschränkungen in Südkorea als verhältnismäßig gering. Die viertgrößte Volkswirtschaft in Asien ist bis dato vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen. „Ich fühle mich hier ein bisschen wie in einer fast coronafreien Blase. Bei uns waren sogar die Karaoke-Bars und die Clubs wieder geöffnet“, berichtet die Studentin. Allerdings steigen die Zahlen auch dort. Sie liegen mit deutlich unter 1000 Neuinfektionen pro Tag (bei knapp 52 Millionen Einwohnern) aber noch weit unter den Werten in Europa. Trotzdem setzt die südkoreanische Regierung bereits wieder strenge Maßnahmen um, wie etwa zeitige Restaurantschließungen am Abend.

Treppentraining: Ist die Luft zu schlecht, sportelt die 21-jährige LAG-Athletin kurzerhand im 15-stöckigen Wohnheim.

Ambitionierte Ziele für die neue Saison

Sportveranstaltungen finden aufgrund der Pandemie nicht statt. Wettkämpfe hätte Lena Lipp aber zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin nicht geplant. „Wir befinden uns gerade in einer Grundlagenphase für das Wettkampfjahr 2021“, fasst die Sportlerin ihr Trainingskonzept zusammen. „Zwar habe ich bei Dauerläufen oder im Kraftraum oft Begleitung, doch bei den spezifischen Lauf- und Sprinteinheiten merke ich, dass mir meine LAG-Kameraden fehlen“, betont die 21-Jährige. Sie vermisst ihre Freisinger Trainingspartnerinnen wie ihre Disziplinkolleginnen Marina Tomic und Teresa Teschner.

Kurz vor Weihnachten wird sie sie wiedersehen. Denn dann möchte Lena Lipp in ihre bayerische Heimat zurückkehren. Weil es mit Hallenwettkämpfen in Deutschland schlecht ausschaut, wird sich voraussichtlich erst im Sommer zeigen, wie sich das Langsprint-Ass fit halten konnte. Die ehrgeizige Athletin hat ambitionierte Ziele im Kopf: „2021 wird mein letztes Jahr in der U23-Altersklasse. Wenn alles perfekt läuft, möchte ich gerne ins Finale der deutschen Meisterschaften in meiner Altersklasse einziehen und somit eine Top-8-Platzierung holen“, betont Lipp. Außerdem träumt sie langfristig von einer DM-Teilnahme in der Frauenklasse. Dafür fordert der Deutsche Leichtathletik-Verband eine Zeit von 55,50 Sekunden über 400 Meter respektive 62 Sekunden über 400 Meter Hürden. Weitere gute Gründe, die Rahmenbedingungen in Südkorea bestmöglich zu nutzen.

Zur Person

Lena Lipp hat mit sieben Jahren in Zolling mit der Leichtathletik begonnen. Seit der sechsten Klasse beziehungsweise ihrem zwölften Lebensjahr läuft sie für den LC Freising (LAG Mittlere Isar). Obwohl sie seit zwei Jahren in Innsbruck studiert, hält sie ihrem langjährigen Trainer Francisco Munoz die Treue. In Österreich startet sie für die Turnerschaft Innsbruck und besucht die Trainingseinheiten von Andreas Douven.

Lesen Sie auch: Schauspielerin Lilly Reulein: Leidenschaft für Lansing und den Fußball

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare