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Beruf und Berufung: Die angehende Ärztin Annabell Babl (25) arbeitet aktuell auf der Anästhesie-Station im Krankenhaus Feldkirch in Vorarlberg.

Lokalsport

„Ohne Umsetzung wären alle Corona-Maßnahmen sinnlos“

  • vonPeter Spanrad
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Medizinstudentin und Jahn-Basketballerin Annabell Babl erzählt von ihren Erfahrungen mit der Corona-Pandemie – und mahnt zu Solidarität.

Freising – Mannschaftssportler leiden in diesem Jahr unter der Corona-Pandemie. Ärzte sind in diesen Zeiten besonders gefordert und arbeiten oft am Limit. Annabell Babl kennt beide Seiten: Sie ist Basketballerin beim TSV Jahn Freising und spielt normalerweise im Ersten Frauenteam. Die 25-Jährige ist jedoch auch angehende Ärztin, in ihrem letzten Studienjahr und arbeitet derzeit auf der Anästhesie-Station im Krankenhaus Feldkirch in Vorarlberg. Das Tagblatt hat mit der Freisingerin über ihre Erfahrungen in der Corona-Krise gesprochen.

Frau Babl, wie geht es Ihnen im zweiten Lockdown? Und wie schätzen Sie Ihren augenblicklichen Fitnesszustand ein?

Mein Alltag hat sich durch den Beginn des Lockdowns, der ja auch in Österreich verhängt wurde, kaum verändert. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich gerade für 16 Wochen ein Praktikum in Feldkirch absolviere. Raus durfte man bisher zum Glück immer. Ich genieße also in meiner Freizeit die Umgebung dort, ich wandere oder fahre Rad, beispielsweise am Rhein entlang oder in die Schweiz. Meine Fitness würde ich als ausbaufähig beschreiben – aber ich tue mein Bestes, um zumindest den aktuellen Zustand aufrechtzuerhalten.

Annabell Babl über ihre Anfänge beim TSV Jahn Freising

Vielleicht vorab ein paar Informationen zu Ihnen. Wie sind Sie zum Basketball gekommen? In welchen Mannschaften haben Sie bislang gespielt? Und wie war Ihr schulischer Werdegang?

Ich habe vor etwa 15 Jahren beim TSV Jahn begonnen und bis zu meinem Schulabschluss im Jahr 2013 am Camerloher-Gymnasium bei dem Verein gespielt und auch Kinder- und Jugendteams trainiert. Nach der Schule war ich eine Zeit im Ausland und habe danach in München beim BC Hellenen gespielt. 2015 habe ich mein Medizinstudium in Wien begonnen – seit vergangener Saison war ich aber wieder in Freising. Dort wurde ich zum Glück auch nach vielen Jahren wieder gut im Team aufgenommen, und wir hatten eine tolle Saison. Bis dann im Frühjahr Corona kam.

Basketball ist für sie mehr als ein Hobby: Annabell Babl, links mit der Nummer 13, spielt im Ersten Frauenteam des TSV Jahn Freising.

Wann stand bei Ihnen fest, dass Sie Medizin studieren wollen? Was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür?

Genau kann ich das gar nicht mehr sagen. Die ersten Gedanken dazu hatte ich, als ich zirka 13 Jahre alt war. Ich habe dann auch mein berufsorientierendes Praktikum in der neunten Klasse in einer Hausarztpraxis gemacht. Ich fand es spannend zu lernen, wie der Mensch funktioniert. Während des Studiums hatte immer wieder Zweifel, ob der Beruf aufgrund der Arbeitsbedingungen und der großen Verantwortung, die man hat, für mich geeignet ist. Aber jetzt freue ich mich auf den baldigen Berufseinstieg.

Sie studieren in Wien Medizin. Wie haben Sie im Februar und März den Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt?

Ich war zu der Zeit in Landshut im Praktikum und habe die Basketballsaison in Freising gespielt. Als die Empfehlungen kamen, den Trainingsbetrieb einzustellen, hat man gemerkt, wie schwer es uns allen fiel. Bei uns standen ja auch noch wichtige Spiele für einen möglichen Aufstieg an. Letztlich haben wir uns gegen das Training entschieden. Und dann kam der Lockdown, und die Saison wurde abgebrochen. Seit Ende Februar war Corona Thema im Krankenhaus – aber für mich war es noch sehr abstrakt. Es gab ja auch noch wenige bekannte Fälle und kaum konkrete Infos. Dann ging es aber plötzlich ganz schnell. Anfang März wurde in Österreich der Lockdown angekündigt – und es hieß von Seiten der Uni, wir sollten unsere Praktika abbrechen und uns in Quarantäne begeben. Kurz darauf kam auch in Deutschland der Lockdown. In Landshut durfte ich das Praktikum hingegen fortsetzen, ich war aber trotzdem erstmal 14 Tage zu Hause. Die Uni hat derweil auf Online-Kurse umgestellt, sodass allen, die ihre Praktika nicht weiter absolvieren konnten, der Abschluss des Semesters ermöglicht wurde. Der Regelbetrieb im Krankenhaus wurde zu dieser Zeit stark reduziert, alle nicht dringlichen Untersuchungen und Behandlungen wurden verschoben. Die Stimmung im Krankenhaus war eigenartig – keiner wusste so richtig, wie es weitergeht.

„So richtig greifbar wurde das Thema für mich erst mit der Zeit.“

Auf welche Art und Weise werden Sie in Ihrer Ausbildung auf die Corona-Pandemie und deren Bekämpfung vorbereitet?

Eigentlich gar nicht. Man lernt zwar im Studium, dass es Pandemien gibt. Aber ich glaube, so richtig greifbar wurde das Thema für mich erst mit der Zeit. Corona hat unser aller Leben plötzlich auf den Kopf gestellt. Ich habe von Anfang an dazu recherchiert und mich mit Kollegen ausgetauscht. Es wurde sehr schnell viel veröffentlicht, es wurden viele Erkenntnisse getroffen oder wieder verworfen. Im Krankenhaus bestand die Vorbereitung im Wesentlichen aus Hygieneschulungen. Von Seiten der Radiologie gab es Demonstrationen der CT-Bilder von Corona-Patienten aus dem Haus. Die fand ich sehr eindrücklich. Bei Patienten mit schweren Verläufen ist häufig fast das komplette Lungengewebe betroffen. Ich glaube allerdings auch, dass man aus medizinischer Sicht nicht langfristig auf ein neues Virus vorbereitet werden kann – jeder Erreger hat seine Eigenheiten. Die Patientenversorgung erfolgt bestmöglich. Die Intensivmedizin kann da echt viel und hat auch die letzten Monate viel dazugelernt.

Wo sehen Sie Probleme?

Die wirklichen Probleme dieser Pandemie kommen, wenn die Patienten zu viele werden, wenn das Personal zu wenig und die Ressourcen knapp werden. Dann müssen zum Beispiel Abteilungen umstrukturiert und mit zusätzlichen Beatmungsgeräten ausgestattet werden. All das ist insgesamt vor allem ein logistisches Problem. Dafür sehe ich nicht primär die Ärzte zuständig, sondern leitende Organe im Krankenhaus, Gesundheitsämter oder auch die Politiker. Auch Virologen und Epidemiologen sind wichtig. Sie müssen die aktuelle Situation und den Verlauf einschätzen. Trügerisch sind dabei die Verzögerungen, mit der die Erkrankten in die Krankenhäuser kommen, und das exponentielle Wachstum. Einzelne Betten für Corona-Patienten zu reservieren, hilft zum Beispiel in meinen Augen wenig, da innerhalb kürzester Zeit sehr viele Patienten ein Intensivbett benötigen können. Darauf muss man sich vorbereiten, dafür braucht es Konzepte, wie man entweder schnell viele zusätzliche Kapazitäten schafft oder wie man die vorhandenen freihält.

„Es sind Situationen entstanden, die ich bei uns so nie für möglich gehalten hätte.“

Wie sehen Sie persönlich die Corona-Pandemie?

Ich finde sie sehr lehrreich. Mich beeindruckt die Dynamik des Virus, in gewisser Weise auch die Ohnmacht, mit der man ihm im Frühjahr gegenübergestanden ist. Plötzlich müssen wirtschaftliche Interessen zurückstehen, und man greift zu simplen und doch enormen Maßnahmen, wie Zuhausebleiben, Händewaschen und etwas später das Tragen der Maske. Einfachste Materialien werden knapp, wie im Frühjahr die Masken oder aktuell, wie von Laboren gemeldet, die Pipettenspitzen, weil weltweit gleichzeitig der Bedarf gesteigert ist. Darauf war ich definitiv nicht vorbereitet. Es sind Situationen entstanden, die ich bei uns so nie für möglich gehalten hätte.

Sie arbeiten ja bereits im Krankenhaus mit. Wie belastend ist die Arbeit in Zeiten von Corona für Sie, aber auch für alle, die in einer Klinik tätig sind?

Die Arbeit im Krankenhaus hat mich selbst nicht direkt belastet. Auf den Stationen, die ich in der Zeit erlebt habe, war der Krankenhausalltag reduziert, aber ansonsten recht „normal“. Gerade zu Beginn war wahrscheinlich die Ungewissheit die größte Belastung für alle. Wie gefährlich ist das Virus? Könnte der Patient mich anstecken? Oder ich den Patienten? Reichen die Maßnahmen aus? Wie viele Patienten kommen? Wie lange wird das gehen? Dazu kam das Aussetzen der Pflegeuntergrenze und der Mangel an Schutzausrüstung – gerade was FFP2- und FFP3-Schutzmasken anging. Auch Testkapazitäten für das Personal wurden erst mit der Zeit ausgebaut. Da haben sich viele allein gelassen gefühlt. Die Abläufe im Krankenhaus sind sehr komplex, sodass man nicht einfach beliebig Personal schnell anlernen und von A nach B verschieben kann.

Hatten Sie selber schon Kontakt mit Infizierten auf einer Intensivstation?

Ich war im Mai auf der Intensivstation, damals war die erste Welle schon am Abklingen. Ich kann mich noch an einen Patienten erinnern, männlich, Mitte 50, der seit acht Wochen auf der Station lag. In den vier Wochen, die ich dort war, wurden ihm beide Unterschenkel, während er noch im künstlichen Koma lag, amputiert. Das Coronavirus verursacht ja unter anderem auch Gefäßverschlüsse. Ich frage mich, wie es ihm heute geht. Wenn hier in Feldkirch positiv auf Corona getestete Patienten operiert werden, sind Studenten nicht bei der Narkose dabei, um die Kontakte zu minimieren.

„Die Notfallversorgung ist durch Corona zum Glück noch nicht betroffen.“

Wie sieht momentan Ihr Alltag auf der Anästhesie-Station im Krankenhaus Feldkirch aus?

Als Studentin begleite ich jeweils einen Anästhesisten, der die Narkosen im OP macht. Jeden Morgen gibt’s eine kurze Besprechung über die aktuelle Lage im Haus und auf der Intensivstation. Dann geht man in seinen OP-Saal. Die Notfallversorgung ist durch Corona zum Glück noch nicht betroffen. Doch der Regelbetrieb wurde wieder stark eingeschränkt.

Reichen Ihrer Ansicht nach die Maßnahmen des zweiten Lockdowns, um das Virus in den Griff zu bekommen?

Ich hoffe es. Ich denke, dass in Deutschland vergleichsweise früh die Entscheidung getroffen wurde, erneute Einschränkungen vorzunehmen. Dadurch können sie vielleicht etwas milder sein – und hoffentlich kann so trotzdem eine Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden. Aber was heißt in den Griff bekommen? Verschwinden wird das Virus dadurch nicht. Die Situation ist sehr dynamisch. Die Ausbreitung soll maximal so hoch sein, dass zumindest jeder behandelt werden kann, der eine Behandlung braucht. Steigen die Zahlen zu schnell, müssen wir rechtzeitig, schon deutlich vor Erreichen der Kapazitätsgrenze, reagieren, also mehr Maßnahmen einführen. Den Effekt der Einschränkungen von Anfang November werden wir erst in diesen Tagen sehen. Noch gibt es starke Schwankungen – aber ich bin zuversichtlich, dass wir mit der Zeit einen guten Weg finden werden. Es läuft ja jetzt schon deutlich besser als im Frühjahr. Was zusätzlich Hoffnung macht, sind die aktuellen Ergebnisse aus der Impfstoffentwicklung. Aber es wird wohl noch einige Monate dauern, bis er tatsächlich einsatzbereit ist – wenn alles gut geht.

Sie haben Einblicke in zwei Länder. Unterscheiden sich Deutschland und Österreich, was die Corona-Maßnahmen betrifft und was auch deren Akzeptanz in der Gesellschaft betrifft?

In Österreich wurde im Frühjahr sehr früh die Entscheidung getroffen, in einen Lockdown zu gehen. Deutschland war zunächst zögerlich, hat dann aber doch nachgezogen. Österreich hat über den Sommer einen recht entspannten Umgang mit dem Virus entwickelt. Ich glaube, Deutschland war da ein bisschen vorsichtiger. Ich denke allerdings nicht, dass sich der Verlauf in Deutschland grundsätzlich von dem in Österreich unterscheidet. Deutschland und Österreich haben jetzt Anfang November zeitgleich die neuen Maßnahmen eingeführt, Österreich mit bis zu viermal so hohen Zahlen an Neuinfektionen. Soeben hat Österreich weitere Einschränkungen wie erneute Schulschließungen beschlossen. Das tut natürlich weh. Ich hoffe stark, dass in den nächsten Tagen ein erster Effekt der Maßnahmen sichtbar wird. Dennoch müssen wir vorerst mit steigenden Zahlen in den Krankenhäusern rechnen. Ob sich die Akzeptanz wesentlich unterscheidet, kann ich nicht beurteilen. Man findet überall Gegner, die die Maßnahmen nicht akzeptieren oder sogar das Virus leugnen. Wenn man den Umfragen glaubt, ist die Akzeptanz der Bevölkerung aber in weiten Teilen sehr hoch. Das ist das Wichtigste. Ohne die Umsetzung wären alle Maßnahmen sinnlos.

Lockdown im Sport: „Ich denke, es war und ist der richtige Weg.“

Wie lautet Ihre Einschätzung dazu, dass beim ersten und jetzt auch beim zweiten Lockdown das Basketball-Training und der Punktspielbetrieb eingestellt wurden?

Der Vorstand unserer Basketball-Abteilung hat unter ständig wechselnden Auflagen versucht, Training und Spiele irgendwie zu ermöglichen. So traurig es ist, dass es nun dennoch nicht klappt, insbesondere auch für die Jüngeren: Ich denke, es war und ist der richtige Weg. Eine Pandemie findet nicht ausschließlich in den Krankenhäusern statt, – sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Also muss jeder seinen Teil dazu beitragen.

Welchen Stellenwert hat für Sie der Sport, speziell auch Basketball?

Basketball begleitet mich nun schon den Großteil meines Lebens. Ich habe in meiner Jugend viel Zeit in der Halle verbracht. Auch meine beiden jüngeren Geschwister haben darin ihren Sport gefunden, es ist somit zum Familienhobby geworden. Unsere Eltern waren immer treue Fans – die Wochenenden und Urlaube wurden um unsere Spiele herum geplant. Ich mag besonders die Schnelligkeit des Sports und den Teamgeist in der Mannschaft. Sport generell spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle, er dient als Ausgleich und als Herausforderung. Ich probiere gerne neue Sportarten aus und lasse mich schnell begeistern.

Wie halten Sie sich momentan fit?

Hauptsächlich durch Laufen und ein bisschen Fitness zuhause. Mir fehlen die Motivation in einer Gruppe und die festen Trainingszeiten. Alleine bin ich leider nicht so diszipliniert.

Angenommen, eine gute Fee würde Ihnen drei Wünsche anbieten. Welche wären das?

Ich wünsche mir mehr Solidarität. Dass wir als Gemeinschaft zusammenstehen und unsere eigenen Interessen öfter mal hintanstellen. Dass diejenigen, die wirklich Hilfe benötigen, Hilfe bekommen, ohne dadurch den Neid anderer auf sich zu ziehen. Den zweiten Wunsch hat die gute Fee sicher schon oft gehört: Ich wünsche mir Frieden. Es ist für mich unbegreiflich, dass es immer noch Kriege gibt und Menschen und Länder nicht in der Lage sind, vernünftig miteinander zu kommunizieren. Und für Freising wünsche ich mir eine autofreie Innenstadt und mehr Fahrradwege.

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