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Eine abgespeckte Variante der Videobeweistechnologie soll für sämtliche Spielklassen ermöglicht werden.

FIFA konkretisiert Pläne

VAR light im Amateurfußball: Der Charme der Gerechtigkeit

Die FIFA denkt über einen Videobeweis für alle Spielklassen nach. Trainer, Spieler und Schiedsrichter aus dem Landkreis Freising sind allerdings skeptisch.

Landkreis – Kalibrierte Abseitslinien, Zeitlupen, automatisierte Torlinientechnik: Der Profifußball von heute ist voller digitaler Hilfsmittel. In der 1. Bundesliga wurde der „Video Assistant Referee“ – kurz VAR – in der Saison 2017/18 eingeführt. Ganz zum Missfallen mancher Fußballpuristen, denen als letzte Bastion der Amateurbereich geblieben ist. Dort spielt der VAR höchstens indirekt eine Rolle, wenn ein Kicker eine umstrittene Entscheidung kritisiert, indem er vielsagend ein Viereck in die Luft zeichnet.

Doch auch daran könnte in Zukunft gerüttelt werden. Vor kurzem beriet sich die FIFA-Arbeitsgruppe für Innovation – und auf der Tagesordnung stand eines weit oben: ein sogenannter „VAR light“, eine abgespeckte Variante der Videobeweistechnologie, die für sämtliche Spielklassen ermöglicht werden soll. Kostengünstigere Systeme sollen auch abseits des Profigeschäfts erwerblich sein. Gestützt auf Tests des asiatischen, französischen und europäischen Verbands will die FIFA eine Empfehlung für die nächsten Schritte zur Umsetzung des Konzepts vorlegen. Der Zeitpunkt ist allerdings noch unklar. Im Raum steht das Jahr 2022.

„Das System müsste die Arbeit von fünf Personen übernehmen.“

Noch darf spekuliert werden, welche Technologien der VAR light beinhalten könnte. Da die Arbeitsgruppe jedoch auch über eine Überarbeitung der Abseitstechnologie berät, liegt nahe, dass an einer automatischen Abseitserkennung gefeilt wird. Das wäre zumindest Michael Kopp vom Kreisklassisten FC Neufahrn recht: „Es gibt schon ärgerliche Abseitsentscheidungen. Da würde man sich Hilfe für die Unparteiischen wünschen“, sagt der Mittelfeldspieler. Das Problem, berichtet Schiedsrichter Jochen Jürgens vom SV Marzling: „Die Mannschaften spielen mit Ketten, und häufig lauern die Stoßstürmer an der Abseitslinie. Hier die richtige Entscheidung zu treffen, ist wahnsinnig schwer.“

Michael Kopp (Spieler des FC Neufahrn): „Es gibt schon ärgerliche Abseitsentscheidungen. Da würde man sich Hilfe für die Unparteiischen wünschen.“

Kann die Technik da entlasten? Jürgens ist skeptisch: Zunächst mal müssten die technischen Voraussetzungen stimmen. Viele Plätze seien nicht komplett ausgeleuchtet, müssten aber für einen Videobeweis vollständig sichtbar sein. Dann gelte es, eine gute Kameraposition zu finden. Damit nicht genug: „In der Bundesliga sind am Prozess der Entscheidungsfindung sechs Personen beteiligt, die sich beraten können. Wir Schiris in den unteren Ligen sind alleine. Das System müsste die Arbeit von fünf Personen übernehmen.“

Willi Kalichman, der Trainer des FC Neufahrn, sieht das ähnlich: „Auch in der Bundesliga haben wir trotz VAR immer wieder Fehlentscheidungen. Ich möchte nicht wissen, wie das auf unserem Niveau aussähe.“ Außerdem müssten die Geräte auch bedient werden: „Manche Schiedsrichter sind schon älter und fremdeln dann vielleicht ein bisschen mit der Technik.“ Auch Jürgens befürchtet, dass zahlreiche Schulungen und eine Menge Überzeugungsarbeit nötig wären, um die Unparteiischen davon zu überzeugen.

Kalichman plädiert stattdessen dafür, den VAR light nur bei einfachen Dingen einzusetzen: „Ich finde, unkomplexe Entscheidungen könnte ein System übernehmen – zum Beispiel in der Frage Tor oder kein Tor.“ Auch Jürgens sagt: „Wenn sich die Torlinientechnik bei uns machen lässt, wäre ich ein absoluter Befürworter.“ Er wäre zudem froh, per Videobeweis Schwalbenkönige entlarven zu können: „Sie sind inzwischen geschickt darin, sich einzudrehen, um einen Elfmeter zu provozieren. Das zu korrigieren, würde das Spiel fairer machen.“

Jochen Jürgens (Schiedsrichter): „Wenn sich die Torlinientechnik bei uns machen lässt, dann wäre ich ein absoluter Befürworter.“

Gegen eine Einführung des Videobeweises ist Christian Hobmeier, Coach des Kreisklassisten TSV Au: „In der Bundesliga finde ich den Videobeweis grundsätzlich gut. Aber wir im Amateursport verdienen nichts mit dem Fußball, es geht bei uns nicht um Existenzen. Ob wir in Au in der Kreisliga oder in der Kreisklasse spielen, ist nicht kriegsentscheidend.“ Stattdessen fordert Hobmeier mehr Mut zur Lücke: „So wie wir manchmal einen Ball nicht stoppen können, sind unsere Schiedsrichter natürlich auch nicht auf Bundesliga-Niveau – und das ist total okay.“

Mehr Akzeptanz für die Unparteiischen?

Nur in einem Punkt sähe Hobmeier einen großen Vorteil: So könnte durch den Videobeweis die Akzeptanz für die Unparteiischen steigen. Auch FCN-Fußballer Michael Kopp sieht das so: „Wir Spieler würden uns ja vermutlich seltener aufregen, wenn wir wüssten, dass da technische Hilfe dahinter steht.“ Jürgens befürchtet dagegen eher einen gegenteiligen Effekt: „Wenn man alle zwei Minuten rauslaufen muss, um sich eine Szene anzuschauen, wirkt das unsicher. Das könnte dazu führen, dass man letztlich eher an Akzeptanz verliert.“

Christian Hobmeier (Trainer des TSV Au): „So wie wir manchmal einen Ball nicht stoppen können, sind unsere Schiedsrichter natürlich auch nicht auf Bundesliga-Niveau.“

Es sind also noch allerlei Fragen zu beantworten, wie sich die FIFA eine Umsetzung vorstellt. Bei einem sind sich Spieler und Trainer jedoch einig: Es würde sicher ein wenig Charme verloren gehen. Jürgens sieht das pragmatischer: „Bei meinem ersten Auto hatten wir auch noch keine technische Hilfe – und heute sind wir froh um eine Einparkhilfe. Die Technik kann uns helfen, besser zu werden. Doch dafür muss alles funktionieren.“ Viel wichtiger sei aber die Einstellung, findet Kalichman: „Im Leben muss man lernen, Entscheidungen zu akzeptieren – egal, ob vom Chef, von der Ehefrau oder halt vom Schiedsrichter.“

Sebastian Bergsteiner

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