Sandra Abstreiter im Tor der Mannschaft vom Providence College
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Sicherer Rückhalt: Sandra Abstreiter im Tor der Mannschaft vom Providence College.

Eishockey

Von der Verteidigerin zur Nationaltorhüterin

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Die Freisingerin Sandra Abstreiter spielt in den USA und hofft auf Olympia. Ihre Eishockey-Karriere hat einen recht ungewöhnlichen Verlauf genommen.

Landkreis/Providence – Einen recht ungewöhnlichen Verlauf hat die Eishockey-Karriere von Sandra Abstreiter genommen. Die gebürtige Freisingerin, die mittlerweile auch in der Domstadt wohnt, begann beim TSV Erding als Feldspielerin. Als dann jedoch im Schülerteam kein Torwart zur Verfügung stand, stellte sie sich kurzerhand zwischen die Pfosten – und aus diesem „Aushilfsjob“ wurde eine Berufung. Mittlerweile steht die 22-Jährige in den USA beim Team Providence College im Tor und zählt zum erweiterten deutschen Olympia-Kader für 2022 in Peking.

Aufgewachsen ist Sandra Abstreiter mit ihrer Familie in Hallbergmoos, ehe der Umzug nach Erding kam. Sandra und ihr zwei Jahre älterer Bruder Andreas hatten schon früh ihre Liebe fürs Eishockey entdeckt. Sie absolvierten die Laufschule bei Franz Steer und hatten bei den Kleinst- und Kleinschülern die Erdinger Eishockey-Legende Hans Huber als Trainer. Sandra Abstreiter spielte damals in der Verteidigung und fühlte sich auf dieser Position wohl. Bei den Schülern war zunächst Robert Steinmann ihr Trainer, dann Markus Knallinger, der jedoch nach einigen Spielerabgängen einen Torwart-Notstand zu beklagen hatte. Lediglich Jonas Steinmann stand noch zur Verfügung, der aber ab und zu zur Jugend hochspielen musste, weil es auch da nicht genug Torleute gab.

Alte Ausrüstung von Viona Harrer

„Matthias Kreuzer, der damals Jugendleiter war, hat mich dann gefragt, ob ich nicht ins Tor gehen will“, erzählt Sandra Abstreiter. Die Frage kam nicht aus einer Laune heraus. „Wir Mädels haben immer auf unsere Brüder gewartet, bis die mit dem Training fertig waren, und haben in der Zwischenzeit hinter der Halle Streethockey gespielt. Da wollte keiner ins Tor, also bin ich immer reingegangen“, erinnert sie sich. Und hinterließ offenbar Eindruck. Zusammen mit Robert Steinmann sei dann die Entscheidung gefallen, dass sie ab sofort auch beim Eishockey ins Tor geht.

Selbstbewusst: Sandra Abstreiter heute mit 22.

Als „Einstandsgeschenk“ bekam sie die alte Ausrüstung von Viona Harrer, die damals ein erstklassiger Rückhalt im Tor bei den Gladiators war „und die auch viel mit uns Torhütern trainiert hat – das war echt gut“, erinnert sich Sandra Abstreiter. Ab und zu lief sie in der restlichen Saison auch noch als Feldspielerin auf – je nachdem, wo sie gebraucht wurde. „Aber Torwart hat einfach mehr Spaß gemacht – also habe ich mit 16 beschlossen, nur noch Torwart zu sein.“ Trotz Abraten des Nachwuchs-Bundestrainers, der ihr bei einem Bayernauswahl-Lehrgang erklärte, dass die Konkurrenz im Kasten zu groß sei. „Doch irgendwann stand ich dann tatsächlich im Tor der U 18-Nationalmannschaft.“

Im Sommer 2016 folgte ein großer Einschnitt im Leben von Sandra Abstreiter. Sie machte ihr Abitur am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding und flog noch im gleichen Sommer zu einem Trainingscamp nach Kanada. Ihre zwei Jahre jüngere Teamkollegin Tabea Botthof (sie spielt mittlerweile in der NCAA für die Yale University) hatte sie dazu überredet. Unter den Zuschauern war einer der Trainer vom Providence College, der zu ihr sagte, dass sie Potenzial habe und ihr ein Stipendium in Aussicht stellte. „Innerhalb von zwei Wochen habe ich dann beschlossen, dass ich nach Amerika gehe“, sagt die 22-Jährige. Zunächst führte der Weg nach Kanada, zu den HTI-Stars, eine Hockey Academy nur für Mädchen.

Einzige Deutsche im Providence-Team

Kuriose Geschichte am Rande: Der Präsident der Academy ist Evgeni „Janya“ Feldman. Der 45-Jährige, der die israelische und russische Staatsbürgerschaft besitzt, bestritt in der Saison 1998/99 acht Spiele für den ESC Dorfen in der Bayernliga und schoss dabei fünf Tore. „Das hat er uns einmal erzählt, dass er schon für Dorfen gespielt hat“, erinnert sich Abstreiter.

Der Anfang: Sandra Abstreiter bei den Bambini.

Zwei Monate später meldete sich der Trainer aus Providence wieder und lud sie zu einem „Official Visit“ ein. Dabei werden Eishockey-Spielerinnen auf College-Kosten eingeflogen, und ihnen wird alles rund ums College und das Eishockey gezeigt. Sandra Abstreiter wurde ein Vollstipendium ab 2018 angeboten. Sie sollte aber schon 2017 kommen und ein „Red-Shirt-Year“ absolvieren. „Da bist du überall dabei, stehst aber nicht auf der offiziellen Kaderliste“, erklärt sie. Der Grund dafür, dass sie quasi ein Jahr „geparkt“ wurde: „Man darf nur vier Jahre offiziell am College spielen, und vom Alter her hat es ein Jahr später einfach besser gepasst.“ Das Providence College, etwa eine Autostunde von Boston entfernt, habe einen sehr guten Ruf und liege in der Frauen-Eishockey-Rangliste landesweit etwa auf Platz zehn, weiß Abstreiter, die einzige Deutsche im Eishockey-Team, neben vielen Amerikanerinnen und Kanadierinnen sowie einer Schwedin.

Im Tor für Deutschland: Die Freisingerin gehört zum A-Kader der Nationalmannschaft.

2018/19 war die erste offizielle Saison für die Freisingerin im Kasten von Providence College in der NCAA. „Ich durfte aber nur zweimal spielen“, sagt sie. Im Jahr darauf brachte sie es bereits auf 21 Einsätze, „und in der Saison 2020/21 habe ich bislang alle Spiele gemacht“, berichtet sie stolz. Außerdem erhielt sie eine besondere Auszeichnung – wurde sie doch für November und Dezember zur „Torhüterin des Monats“ in der NCAA gewählt. In der Laudatio heißt es unter anderem, dass Sandra Abstreiter in der bisherigen Saison 207 Schüsse gehalten hat, dabei alleine in den vier Dezember-Begegnungen 87 von 90, die auf ihr Tor gekommen waren. Zudem hat sie in dieser Saison zum Zeitpunkt der Auszeichnung bislang die meisten Siege aller NCAA-Torhüterinnen verzeichnet, bei einem Gegentorschnitt von 1,24 pro Spiel. Des Weiteren ist sie damit als Torhüterin des Jahres nominiert. Ihre aktuelle Fangquote liegt bei 92,8 Prozent.

Erfolgreiche Bachelor-Arbeit

Freizeit gibt es am College kaum. „Es ist schon aufwändig hier“, gibt die 22-Jährige zu. „Wir haben nur einmal in der Woche frei, da sind wir meistens am Strand, der nur rund 20 Minuten entfernt ist.“ Ansonsten heißt es tagtäglich Eistraining und Kraftraum, zusätzlich Torwarttraining – dazu noch Videoanalysen mit der Mannschaft und auch individuell. Urlaub beziehungsweise Semesterferien gibt es zweimal im Jahr. „Im Winter zwei Wochen und im Sommer rund drei Monate, da bin ich dann auch meistens daheim in Freising“, sagt sie.

Dieses Jahr legt die 22-Jährige ihren Bachelor ab, und im kommenden Jahr – das letzte am College – soll der Master im Management folgen. „Das hatte ich eigentlich alles gar nicht auf dem Schirm“, sagt die 22-Jährige lachend. „Aber Finanzen und Wirtschaft gefällt mir, und ich denke, weil ich den Abschluss auf Englisch gemacht habe, dass ich da schon einen Job finden dürfte – am liebsten natürlich in Deutschland.“

Und was die Eishockey-Karriere betrifft, so hofft Sandra Abstreiter, „dass ich weiter im A-Kader dabei bin“. Sollte das der Fall sein, hat sie zwei konkrete Ziele im Visier: „Heuer im Mai die WM in Kanada und nächstes Jahr Olympia in Peking, wobei wir uns da erst noch qualifizieren müssen.“ Und sollte die 22-jährige Freisingerin dann tatsächlich im Team Deutschland dabei sein, dann dürfte es wohl keinen Zweifel mehr daran geben, dass sie – zumindest, was das Eishockey betrifft – alles richtig gemacht hat.

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