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Ruhender Ball: Viele Landkreis-Vereine wollen angesichts der hohen Auflagen nichts überstürzen.

Fußball

Fußballtraining unter Auflagen: Zwischen Vorfreude und Unverständnis

Die Fußballer dürfen wieder trainieren. Während die Marzlinger in den Startlöchern stehen, kommt aus Gammelsdorf harsche Kritik - und zwar am Profifußball.

Landkreis – Seit dieser Woche wäre unter Berücksichtigung zahlreicher Auflagen bekanntlich kontaktloses Fußballtraining in Kleingruppen möglich. Doch können die Landkreis-Vereine diese Vorgaben überhaupt alle erfüllen? Das FT hat sich in der Kreisklasse und in der A-Klasse umgehört.

FVgg Gammelsdorf

Um es vorwegzunehmen: Mehrheitlich, so wie in Gammelsdorf, ruht der Sportbetrieb weiterhin. „Bei uns geht nichts, weil wir bereits im April die Plätze gesperrt und hergerichtet haben“, sagt FVgg-Abteilungsleiter Erwin Pichlmeier und verdeutlicht, wie wenig er obendrein von der Kleingruppen-Regelung hält. „Training zu viert oder fünft hat mit Fußball nichts zu tun.“

Überhaupt seien die Planungen rund um den Spielbetrieb „eine Frechheit“. Denn: „Wir müssen alle Abstand halten und dürfen ab demnächst nur mit Maske in die Wirtschaft, aber die Millionäre spielen wieder“, zeigt Pichlmeier kein Verständnis für die Sonderregelung beim Profifußball. Er wundert sich, warum „einige Vereine da oben offenbar am Hungertuch nagen, während sich die Dorfvereine das ganze Jahr über den Arsch aufreißen“. Da sehe man mal wieder, wie weit sich die Bundesliga von den Amateuren entfernt habe.

Und weiter: „Wenn der Erstliga-Start jetzt nicht hinhaut, und die das nicht durchziehen können, weil es bei den Profis wieder mehr Corona-Fälle gibt, dann ist es auch für uns ganz schnell vorbei“, befürchtet Gammelsdorfs Noch-Fußballchef. Denn eigentlich hätte Pichlmeier sein Amt niedergelegt und planmäßig an seine Nachfolger übergeben – doch die Abteilungsversammlung der FVgg musste wegen der Corona-Lage verlegt werden.

SV Marzling

Ähnlich geht es seinem Kollegen Jochen Jürgens vom SV Marzling, der ebenfalls vor Ausbruch der Pandemie seinen Rückzug angekündigt hatte. Die Neuwahlen konnten im März allerdings nicht abgehalten werden, sodass Jürgens nun die Rückkehr der Marzlinger Mannschaften auf die Plätze plant. „Mit Bürgermeister und Vorstandschaft ist alles geklärt“, vermeldet Jürgens. „Ab der kommenden Woche sind wir startklar.“

Um auch alle Vorgaben umsetzen zu können, wurden die verfügbaren Sportplätze in durchnummerierte Kleinfelder aufgeteilt. „Die Trainer loten gerade aus, mit wie vielen Teilnehmern beim geplanten Start am Dienstag zu rechnen ist“, erklärt der SVM-Fußballchef. Die Spieler bekämen dann über die teaminterne WhatsApp-Gruppe vorab mitgeteilt, für welches Feld ihre Kleingruppe vorgesehen ist. „Somit vermeiden wir größere Ansammlungen im Eingangsbereich und dokumentieren gleichzeitig, welche Spieler gemeinsam trainieren“, erläutert Jürgens. Am Sportplatz an der Isarstraße hängen bereits alle Vorgaben plakativ aus – außerdem erinnern Aufkleber an die geltenden Abstandsregeln. Bis Dienstag sollen auch die bestellten Desinfektionsmittelspender geliefert und montiert werden. In Marzling kann es also losgehen.

FC Neufahrn

Auf einem guten Weg wähnt sich auch der FC Neufahrn, wie Trainer Willi Kalichman versichert. „Wir haben bereits getagt und die Auflagen durchgesprochen“, sagt der Coach. „Wir werden jedoch keinen Schnellschuss machen und vermutlich bis zum 5. Juni warten.“ Immerhin müsse zunächst sichergestellt werden, „dass Trainer und Spieler die Vorgaben im Griff haben“. Natürlich „kribbelt es in den Füßen, und die Spieler wollen zurück auf den Rasen“, wie Kalichman bestätigt. „Aber es hängt so viel Verantwortung dran.“

Willi Kalichman (FC Neufahrn): „Wir werden keinen Schnellschuss machen.“

Wie beim SV Marzling erfolge die Teilnahme am Kleingruppentraining auf freiwilliger Basis. Der sportliche Wert sei ohnehin zweitrangig, aber „Hauptsache, man sieht sich mal wieder“, sagt Kalichman und fragt sich schmunzelnd, „ob wir im September überhaupt noch Kopfbälle und Einwürfe können“. Hintergrund: Im Kleingruppentraining ist das Spielen des Balls nur mit dem Fuß gestattet.

SV Dietersheim

Genau solche Auflagen „machen es schwierig, wieder anzufangen“, meint Mario Spoljaric. Der Abteilungsleiter des SV Dietersheim kritisiert zudem den Zeitpunkt der Bekanntgabe durch den BFV, dass es wieder losgehen könne. „Das war am späten Freitagabend vor einer Woche. Selber habe ich es erst am Samstag durch die ersten Anrufer aus dem Jugendbereich erfahren“, sagt Spoljaric. Gerade die jüngsten Fußballer seien schon voller Vorfreude gewesen, machte ja zunächst hauptsächlich die Überschrift „Fußball ist wieder erlaubt“ die Runde. Nach genauerem Hinsehen musste der Dietersheimer Fußballchef dann den empfohlenen späteren Beginn im Kleinfeldbereich verkünden.

Doch auch für die Herren bietet der SVD vorerst kein Training an. „Stattdessen machen wir mit unserer Lauf-Challenge weiter“, berichtet Spoljaric. Dazu haben sich Dreierteams formiert, in denen die Akteure einzeln laufen und ihre Zeiten und Distanzen miteinander vergleichen. „Das ist ein kleiner Wettbewerb, und die beste Gruppe erhält eine Belohnung“, erzählt der 50-Jährige und verweist zusätzlich auf den ausgesetzten Spielbetrieb. „Was bringt es uns, jetzt irgendwie in Kleingruppen zu trainieren, wenn es frühestens am 1. September wieder losgeht?“

VfR Haag

Beim VfR Haag ruht der Ball ebenfalls noch. „Vor dem 4. Juni wird sich das auch nicht ändern“, bestätigt Spielertrainer Volker Lippcke, der aber ein Befürworter des Kleingruppentrainings ist: „Für den Anfang sehe ich es als leistungsfördernd, sich wenigstens einmal wöchentlich zu treffen“, meint der 44-Jährige. Auf seinem Trainingsplan stünden dann „Passübungen, ein bisschen Koordination und Stabilität sowie etwas Ballarbeit“. Viel brauche es dazu ja nicht an Material. „Um die Reinigung der paar Bälle und Hütchen kümmere ich mich dann – Hauptsache, es tut sich wieder was“, steigt bei Lippcke allmählich die Vorfreude auf den Restart.

Volker Lippcke (VfR Haag): „Um die Reinigung der paar Bälle und Hütchen kümmere ich mich.“

Fazit: Für die Amateurklubs bringt die Umsetzung der Auflagen einen erheblichen Mehraufwand mit sich, der nicht überall geleistet werden kann. „Und im Grunde ist es schade, dass wir uns Gedanken über Fünfergruppen und Platzaufteilungen machen, während in den Großstädten Menschen eng an eng und ungeschützt demonstrieren“, sagt Kalichman.

ft

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