Leonie Müller hält einen ihrer Pokale in der Hand.
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Stolze Pokalsammlerin: Leonie Müller vom MSC Freisinger Bär hat bei diversen Meisterschaften ihre Wettkampfhärte bewiesen.

Motocross

„Ich bin halt eine Wilde“: Leonie Müller (17) behauptet sich im Motocross-Zirkus

Motocross-Fahrerin Leonie Müller vom MSC Freisinger Bär hat in jungen Jahren schon viele Erfolge gefeiert, aber auch herbe Rückschläge erlitten.

Freising/Oberding – „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, sang dereinst Schlager-Ikone Udo Jürgens. Durchaus denkbar, dass er dabei an so eine schlanke, grazil wirkende junge Frau wie Leonie Müller gedacht hat. Eine 17-Jährige mit gepflegten, langen und knallroten Fingernägeln. Kaum zu glauben, dass sie zu einer Kampfmaschine wird, sobald sie auf ihr Motocross-Motorrad, eine Husqvarna 125 Kubikzentimeter Zweitakt, steigt und ihre Konkurrenten regelmäßig in Grund und Boden fährt. So geschehen etwa bei der südbayerischen Meisterschaft 2018 in der Lady-Klasse, bei der Leonie Gesamtplatz eins belegte.

An Pokalen mangelt es der Oberdingerin, die bereits seit ihrem sechsten Lebensjahr Motocross fährt, nicht. Inzwischen zählt Leonie, die schon lange für den MSC Freisinger Bär an den Start geht, zum Besten, was die Szene zu bieten hat. Die Liste ihrer Erfolge ist lang. Binnen zehn Jahren hat sie ein gutes Dutzend Top-Ten-PIatzierungen eingefahren. Ein ganzes Haus voller Pokale zeugt davon.

Auf dem Bike wird sie zur Kampfmaschine: Leonie musste in ihrer Karriere aber auch schon zwei schwere Verletzungen einstecken.

Ihre Wettkampfhärte hat sie sich im direkten Vergleich mit Jungs und Männern geholt. Die waren bisweilen richtig baff, als die Rennfahrerin nach der Kurvenhatz den Helm abnahm: „Das ist ja ein Mädchen! Und von der lässt Du Dich abziehen“, hieß es dann oft. Noch heute fährt Leonie gerne bei den Männern mit. „Ich bin halt eine Wilde“, sagt sie und findet, dass die Jungs „entspannter drauf sind“. Aber sie hat natürlich auch Freundinnen im Motocross-Zirkus gefunden. „Frauen, mit denen ich mich gut verstehe“, betont die MSC-Fahrerin.

Aus Spaß wurde Leidenschaft – und manchmal auch schon bitterer Ernst

Geplant war das alles sowieso nicht. Eigentlich wollte der Teenager ja Fußball spielen. „Die Tochter Fußball, der Sohn Motocross“ – so war das laut Vater Andreas Müller (45) einmal angedacht. Doch als Leonie ihren Bruder Elias (15) dann mit seiner Maschine fahren sah, wollte sie das unbedingt auch ausprobieren. „Ich hab’ mich auf das Bike gesetzt und fand das so cool“, erinnert sie sich an ihre Anfänge im Motocross. Von da an war es sozusagen um sie geschehen. Aus Spaß wurde Leidenschaft – und manchmal auch schon bitterer Ernst.

Als Frau ist es schwerer, als Profi Fuß zu fassen.

Leonie Müller über ihren Traum von einer Profi-Karriere

Ihre Mutter Bianca (46) wird heute noch ganz blass, wenn sie an den Unfall beim Nordbayern MX Cup 2018 denkt: Da schied Leonie Müller in Führung liegend nach einem Sturz aus, sie erlitt ein schweres Schädelhirntrauma. Für ihren Papa bis heute unverständlich: „Ich habe ihr noch signalisiert, dass sie es ruhig angehen lassen soll, dass sie uneinholbar vorne liegt, aber sie wollte halt unbedingt alle überholen“, erinnert sich Andreas Müller, der Trainer und Schrauber in einer Person ist. 2019 folgte der nächste Schlag – Schulter kaputt! Leonie entschied sich deshalb, sich frühzeitig von der Rennsaison zu verabschieden, um die Schulter operieren zu lassen.

Aus der Bahn geworfen haben Leonie jedoch weder der schwere Sturz noch die lädierte Schulter. Rücktrittsgedanken? Fehlanzeige. Ganz im Gegenteil: Leonie Müller war nach ihrer Schulter-Operation schon bald wieder auf einem guten Weg. Nach einer Reha hatte sie fleißig trainiert und sich wieder herangearbeitet, ihr Niveau schon fast wieder erreicht. „Ich hatte für die deutsche Meisterschaft 2020 und für die Europameisterschaft den ganzen Winter in Italien und in Tschechien trainiert – und dann kam Corona“, bedauert die 17-jährige Fahrerin. Seitdem ist so ziemlich alles flachgefallen. Leonie ist seither lediglich drei Rennen gefahren. Eines davon war in Tschechien. Dann war die Grenze zu.

„Ich fand das so cool“ – Die 17-Jährige hat früh ihre Liebe zum Motocross entdeckt. Heute fährt sie eine 125er Husqvarna.

Wo die Reise am Ende hingeht? Das steht noch in den Sternen. Eine Profi-Karriere schwebt der begeisterten Motocross-Pilotin zwar vor, das ist aber selbst nach eigener Einschätzung problematisch: „Es war immer schon mein Traum, eine Profi-Karriere zu starten. Aber als Frau ist es schwerer, als Profi Fuß zu fassen. Der Sport ist in Deutschland nicht populär genug. Es ist halt eine Randsportart“, erläutert die Hoffnungsträgerin. Idolen wie Larissa Papenmeier nachzueifern, die aktuell WM-Dritte ist, dürfte hart werden.

Ausbildung an der Fachakademie für Sozialpädagogik

Als Alternative bietet sich laut Leonie Müller auch eine Betreuer-Laufbahn an. Aktuell macht die Absolventin der Oberdinger Realschule eine Ausbildung an der Fachakademie für Sozialpädagogik. Eine zur Ergotherapeutin, die im August startet, soll folgen. „Ich möchte Sportler betreuen und unterstützen“, sagt die junge Frau aus voller Überzeugung. In Bezug auf ihren Sport sowie ihre persönliche Entwicklung sagt sie allerdings auch: „Man muss realistisch denken.“ Auf alle Fälle hat sie sich viel vorgenommen.

Derweil sieht sie sich weiter als Motocross-Fahrerin: „Ich kämpfe, ich tue alles, was ich kann. Mal sehen, wo es mich hinführt.“ Gut möglich also, dass noch zig Paare von Motocross-Handschuhen draufgehen. Denn ihre langen Fingernägel bohren sich beim Gasgeben, Bremsen und Kuppeln regelrecht durchs Leder.

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