Jochen Gundel steht vor der Nippon Budokan Hall in Tokio, in der die Judo-Wettkämpfe ausgetragen werden, und reckt beide Arme in die Höhe.
+
Mögen die Spiele beginnen: Hier steht Jochen Gundel vor der Nippon Budokan Hall in Tokio, in der die Judo-Wettkämpfe ausgetragen werden.

Noch 100 Tage bis zu den Olympischen Spielen in Tokio

Interview mit Eurosport-Olympia-Chef Jochen Gundel: Neuer Anlauf nach der Vollbremsung

  • Andreas Beschorner
    vonAndreas Beschorner
    schließen

Eurosport-Olympia-Chef Jochen Gundel spricht über die Vorteile der Olympia-Absage im Jahr 2020, die Spiele 2021 – und die Sportproduktion der Zukunft.

Nandlstadt/Tokio – Er ist der Mann, der zu einem ganz wesentlichen Teil dafür verantwortlich ist, dass Sportfans in Deutschland die Olympischen Spiele in Tokio mitverfolgen können: Jochen Gundel, Project Manager Olympics Discovery bei Eurosport Deutschland. Nachdem die Sommerspiele 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt worden waren, startet man nun einen neuen Anlauf – vom 23. Juli bis 8. August sollen sie über die Bühne gehen. Das Freisinger Tagblatt hat mit dem 42-Jährigen aus Nandlstadt gesprochen – über die Absage 2020, den Stand der Dinge für 2021 und auch schon über die Winterspiele 2022.

Herr Gundel, 2020 hätten die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden sollen. Wie weit waren die Vorbereitungen Ihres Senders schon gediehen, als es zu der Absage kam?

Wir lagen mit unseren Olympia-Planungen voll im Soll. Die ersten Vor-Ort-Drehs in Tokio waren abgeschlossen, die Besichtigungen der Olympia- und Produktionsstätten hatten bereits stattgefunden – das grobe Redaktionskonzept stand. Ähnlich wie bei den Athletinnen und Athleten, die sich vier Jahre intensiv auf dieses Highlight vorbereiten, ist es auch bei uns als Rechtehalter und übertragender TV-Sender der Olympischen Spiele.

Was waren damals Ihre ersten Gedanken? Konnten Sie die Entscheidung nachvollziehen?

Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht, dass dieses Ziel, Olympische Spiele 2020, auf das man mit Herzblut so intensiv hinarbeitet, erst einmal in weitere Ferne rückt. Aber die Entscheidung des IOC (Internationales Olympisches Komitee, Anm. der Red.) war natürlich völlig richtig. Sie wurde Ende März 2020 getroffen, als wir erstmalig mit einem kompletten Lockdown konfrontiert  waren,  der  Profi-Sport weltweit total zum Stillstand kam und die Situation im Umgang mit der Pandemie völlig neu war. Es wären bei all den Herausforderungen und Problemen auch einfach keine fairen Spiele im Sinne der Athletinnen und Athleten gewesen.

Jochen Gundel aus Nandlstadt ist Project Manager Olympics Discovery bei Eurosport Deutschland.

Jetzt also für 2021 ein neuer Anlauf. Sind schon erste Schritte und Maßnahmen in die Wege geleitet worden?

Selbstverständlich. Der Startschuss fiel für uns direkt mit der Verschiebung der Spiele. Wieder richtig Fahrt aufgenommen hat die „neue“ Planung mit der Bekanntgabe der neuen Daten: 23. Juli bis 8. August 2021. Nach der ursprünglichen Verschiebung mussten wir allerdings natürlich erst einmal eine Vollbremsung einlegen, eine Bestandsaufnahme machen und vor allem die organisatorischen Herausforderungen angehen, wie Unterkünfte und Reisen zu stornieren. Es folgten viele Telefonate – natürlich wollte das gesamte Team, das während der Spiele für Eurosport gearbeitet hätte, wissen, was Sache ist. Das waren sicherlich über 100 Anrufe in den ersten Tagen nach der Verschiebung. Außerdem war und ist der Dialog mit unseren Partnern und den Verbänden, wie etwa dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund Anm. der Red.), immens wichtig. Denn auch hier traten viele Fragen auf. Was generell immens bedeutend ist, ist Flexibilität bei allen Planungen. Und ich bin wirklich stolz auf unser Team: Jeder, der 2020 zum Team gehörte, hat diese Situation verstanden und war extrem kooperativ.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie die Corona-Pandemie Ihre Planungen verändert hat?

Wir haben bei Eurosport umfassend in Remote-Produktion und in den Ausbau unserer technischen Infrastruktur am Standort München/Unterföhring investiert und damit den Grundstein für unsere Sportproduktion der Zukunft gelegt. Remote-Produktion bedeutet: Im Gegensatz zu früher, als Hunderte Mitarbeiter und das Studio vor Ort im Sendezentrum IBC (International Broadcast Centre, Anm. der Red.) waren, haben wir diese nun in Unterföhring zusammengezogen. Unser Studio wird ein State-of-the-Art Green-Screen-Studio sein – wir werden einiges an Virtual und Augmented Reality einsetzen und so die Olympischen Spiele in Deutschland zeigen, wie man sie noch nie gesehen hat. Dazu kommt unser hochkarätiges Expertenteam mit unter anderem Fabian Hambüchen, Pascal „Pommes“ Hens, Jens Voigt, Thomas Rupprath oder Steffen „Speedy“ Fetzner. So viele Olympioniken im Team – das wird auch für den Zuschauer ein einzigartiges Erlebnis. Wir werden natürlich auch vor Ort in Tokio ein Team haben. Dieses wird sich ganz auf die Geschichten und Interviews mit den Athleten konzentrieren.

„Die Olympischen Spiele werden nicht das erste Event sein, das wir so produzieren.“

Warum haben Sie diesen Schritt vollzogen?

Die Olympischen Spiele werden nicht das erste Event sein, das wir so produzieren. Bereits die vergangenen drei Tennis-Grand-Slams oder die Vierschanzentournee haben wir so auf die Screens gebracht. Oft war eine Berichterstattung von vor Ort seitens des Ausrichters nicht möglich beziehungsweise nicht sinnvoll – vor allem zum Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter und Menschen vor Ort. Das hat den positiven Nebeneffekt, Reisekosten zu sparen und den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Das Schöne dabei ist: Die Qualität wird dennoch nicht leiden.

Das heißt, dass die Verschiebung der Spiele aus technischer Sicht für Sie sogar Vorteile hat?

Ja. Und: Es wird auch wieder den Eurosport Cube geben. In einer neuen Version, 2.0 sozusagen. Der Cube ist ein weiteres Mixed-Reality-Studio, in das wir Athletinnen und Athleten von überall in der Welt virtuell zum Interview „beamen“ können. Damit steht uns ein großartiges Tool zur Verfügung, das die Zuschauer – hoffentlich – lieben werden. Neben der Innovation steht aber das Storytelling an vorderster Linie. Auch hier haben wir stark in redaktionelle Formate auf dem Weg zu und rund um Olympia investiert. Besonders stolz bin ich – als Olympia-Fan seit Kindheit – darauf, dass wir dem Fan auf unseren Digitalkanälen eine Auswahl an olympischem Livesport geben werden, die es so noch nicht gab. Der Fan kann dort also sein eigener Regisseur sein.

Farbenfrohe Szenerie: Der 634 Meter hohe Tokyo Skytree Tower hat das Zeug zum Wahrzeichen der Spiele.

Wie viele Mitarbeiter sind denn insgesamt mit dem Mammutprojekt Olympia 2021 bei Eurosport betraut?

Das lässt sich schwer in Zahlen ausdrücken. Denn wir sinn mit Eurosport nicht nur Olympiasender, sondern mit Discovery in Europa auch Rechtehalter an den Olympischen Spielen. Das ist ein so komplexes, umfassendes Projekt, das weltweit Kollegen aus den verschiedensten Bereichen involviert. Bei den Winterspielen 2018 waren über 1000 Mitarbeiter rund um die Spiele im Einsatz. Und Sommerspiele sind noch einmal eine andere Dimension. Auch meine Rolle hat sich in den letzten Wochen gewandelt: Denn ich bin nicht mehr nur für die Vorbereitungen der Berichterstattung in Deutschland verantwortlich, sondern auch gesamt-europäisch für redaktionelle Inhalte und deren Koordination. So haben wir etwa die englischen Kollegen Greg Rutherford und Bradley Wiggins unter Vertrag, den französischen Schwimm-Star Alain Bernard oder auch die schwedische Siebenkampf-Legende Carolina Klüft. Alle diese Namen werden auch bei uns im deutschen Programm auftauchen – und damit die Qualität des Programms weiter heben.

„Wir sind bereits mitten in den Planungen für die Olympischen Winterspiele in Peking.“

Haben Sie im Hinterkopf die Angst, dass es wegen Corona auch heuer wieder zu einer Absage kommen könnte? Kann man sich da überhaupt noch voll motivieren?

Natürlich habe ich keine Glaskugel und kann nicht vorhersehen, wie die Weltlage Ende Juli aussieht. Aber das IOC hat erst kürzlich noch einmal bekräftigt, dass nicht das Ob, sondern das Wie die Kernfrage in Bezug auf die Olympischen Spiele in Tokio ist. Nun ist ja zum Beispiel auch klar, dass keine ausländischen Fans in Tokio sein werden. Das ist schade, war aber vorhersehbar und auch die richtige Entscheidung. Die Organisatoren werden entsprechende Maßnahmen ergreifen, um eine sichere Durchführung der Spiele zu gewährleisten. Und die Frage der Motivation stellt sich bei mir nicht: Normalerweise hat man vier Jahre Vorbereitungszeit, und nun sind es eben fünf. Und man darf nicht vergessen: Wir sind bereits mitten in den Planungen für die Olympischen Winterspiele in Peking, die direkt im Februar 2022 anstehen, also nicht einmal sechs Monate nach der Schlussfeier in Tokio. Nach den Spielen ist vor den Spielen.

Lesen Sie auch: Josef Wesan: Vom aktiven Kicker zum Clubchef beim SV Langenbach

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare