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Amely Stelzer und ihr großer Traum von den Paralympics

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Amely Stelzer am Beckenrand. Sie trägt eine Schwimmbrille und lächelt.
Ganz in ihrem Element: „Wasser ist, seitdem ich auf der Welt bin, meine Leidenschaft“, sagt Amely Stelzer. Das Schwimmen gab ihr die Kraft, nach dem schweren Verkehrsunfall in ein selbstständiges Leben zurückzufinden. © Fischer

Amely Stelzer trotzt ihren Handicaps und kämpfte sich nach einem schweren Verkehrsunfall in den Wettkampfsport zurück. Ihre Erfolge sind bemerkenswert.

Freising – Wettkampfschwimmerin Amely Stelzer aus Freising hat Großes vor. Nach einem schweren Verkehrsunfall im September 2017, nach zahlreichen Operationen und Rehamaßnahmen hat sich die 15-Jährige mit Erfolg aufs Paraschwimmen verlegt. Bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften schwamm sie jüngst über die 100 Meter Freistil, 100 Meter Brust und 50 Meter Rücken drei persönliche Bestzeiten. Aber das Schwimmtalent des TSV Jahn will mehr. Ihr Ziel ist es, irgendwann eine Medaille bei den Paralympics zu gewinnen.

Amely Stelzer schwimmt für ihr Leben gern. Das war schon vor dem Unfall so. Sie galt als vielversprechendes Talent beim TSV Jahn, sie zählte im Verein mit zu den Besten. Kurz vor dem Unglück war sie im Mai 2017 mit ihrer damaligen Trainerin Anna Becker, der Abteilungsleiterin Schwimmen beim Jahn, bei einem Trainingslager im italienischen Badeort Cattolica. Das zeigte Wirkung: Im Juli 2017 beim Neufahrner Pokalschwimmen belegte Amely Stelzer den dritten Platz über 50 Meter Rücken, den vierten über 50 Meter Schmetterling sowie den fünften Rang in der Gesamtwertung. Sie war ganz in ihrem Element, drauf und dran, richtig durchzustarten. „Wasser ist, seitdem ich auf der Welt bin, meine Leidenschaft“, erzählt die Paraschwimmerin. Und auch nach dem Verkehrsunfall, bei dem sie sich lebensgefährliche Verletzungen zuzog, als zu befürchten stand, dass sie an den Rollstuhl gefesselt bleiben würde, war es das Schwimmen, das ihr die Kraft gab, sich zurückzukämpfen.

Volle Unterstützung von der Mama

„Ich habe die Mama gefragt, ob ich jemals wieder einen Wettkampf schwimmen kann. Und sie hat gesagt: ,Wenn du das möchtest, werde ich alles dafür tun, dich zu unterstützen’“, erinnert sich die seit jeher sportbegeisterte 15-Jährige. Neben dem Schwimmen ging Amely vor ihrem Unfall regelmäßig zum Klettern – auch Reiten, Ballett, Eiskunstlauf und Skifahren zählten zu ihren Vorlieben. All das schien in der Schön-Klinik in Vogtareuth bei Rosenheim, wo sie zunächst wieder sprechen, essen und nicht zuletzt laufen lernen musste, in weite Ferne gerückt.

Ihrer Mutter Iris war indes klar: „Wenn Amely etwas zurückholt, dann ist es das Wasser.“ Da das Krankenhaus kein Schwimmbad hatte, nutzte Amely ihren ersten achttägigen Urlaub an Ostern 2018, um jeden Tag mit ihrer Mutter in das alte Hallenbad in Freising zu fahren. So fing sie wieder an mit dem Schwimmen – und sie fühlte sich gut dabei. Wie ein Fisch im Wasser. Und sie machte schnell Fortschritte. Dies blieb auch den Ärzten nicht verborgen. „Wow, was ist denn mit dir passiert in den acht Tagen?“, wunderte sich einer der Mediziner. Amely wusste genau, was geschehen war.

Amely Stelzer sitzt auf einer Schaukel.
Viele Operationen musste die 15-jährige Amely über sich ergehen lassen. Sie trainiert ehrgeizig und zielstrebig – und sogar mit dem Klettern klappt es wieder. © privat

„Ich hatte das Gefühl, wieder ein bisschen selbstständig zu sein. Im Wasser konnte ich mich wieder frei bewegen, da merkt man sein Handicap halt nicht so“, erinnert sich  Amely.  Von  da  an  nutzte sie jede Gelegenheit zum Schwimmen. Mit Unterstützung ihrer Ärzte und Physiotherapeuten arbeitete sie gezielt an ihren Handicaps. Mit Erfolg, auch wenn sie bis heute Probleme mit dem linken Arm und dem linken Bein hat.

Inzwischen hat Amely neben dem regelmäßigen Training im fresch auch wieder im Kletterzentrum des Alpenvereins begonnen. Viermal in der Woche Schwimmen, einmal pro Woche Klettern, das ist der Plan. Amely genießt es, zusammen mit ihrem Trainer Moritz Zubek und der aus Hessen stammenden Eliteschwimmerin Ann-Katrin Gerullis im Team an Fitness und Technik zu feilen. Obwohl sie die einzige Paraschwimmerin in ihrer Gruppe ist, findet sie das „cool“ – „da haben wir immer total viel Spaß“. Sehr dankbar ist Amely vor allem ihrem Haupttrainer Moritz Zubek, der sie immer auf ihre Wettkämpfe begleitet.

Sämtliche Rückschläge überwunden

Klarer Fall, aktuell ist die Montessori-Schülerin auf einem guten Weg. Das war nicht immer so. Mutter Iris erinnert sich, dass es für ihre Tochter anfangs schwer war, „die anderen wegschwimmen zu sehen, das war psychisch nicht einfach“. Auch Rückschläge und Tiefs wie zwei große Bein-Operationen galt es zu überwinden. Viel geholfen haben ihr Workshops am Landesstützpunkt des Bayerischen Schwimmverbands in Nürnberg, wo Landestrainer Christian Balaun die 15-Jährige unter seine Fittiche genommen hat. Im Oktober 2019 war sie zum ersten Mal in Nürnberg zu einem Sichtungstraining. Seither gehört sie zum Talentkader Bayern im Paraschwimmen. Im Zuge dessen kam es zu ihrem ersten Wettkampf im Februar 2020 bei der offenen süddeutschen Meisterschaft in Darmstadt.

Ein Schlüsselerlebnis. Amely holte zusammen mit dem Team Bayern auf Anhieb den Gesamtsieg. In ihrer Klasse belegte sie den vierten Rang. Und es kam sogar noch besser: Co-Bundesnachwuchstrainerin Susanne Jedamsky wurde auf die Paraschwimmerin aus Freising aufmerksam. Jedamsky sei begeistert gewesen und habe zu ihr gesagt: „Amely, ich habe dich schwimmen sehen und möchte dich gerne einladen, mit mir in der Sporthochschule in Frankfurt zu trainieren. Zusammen mit anderen. Ich möchte dich gerne kennenlernen.“ Worte aus berufenem Munde: Jedamsky ist Ansprechpartnerin für junge Talente – und Amely konnte ihr Glück kaum fassen: „Ich wollte sofort mit“, erzählt sie. Und auch Mama Iris wird diesen Moment so schnell nicht vergessen: „Wir waren total überrascht, Amely hat daraus Energie, Kraft und Selbstbewusstsein geschöpft“, ist sie sich sicher. Klar: Die fünf Tage im Internat des Deutschen Sportverbands haben Paraschwimmerin Amely Stelzer noch einen zusätzlichen Kick gegeben.

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Die gute Punktzahl bei der süddeutschen Meisterschaft in Darmstadt hat es Amely ermöglicht, im November dieses Jahres an den deutschen Kurzbahnmeisterschaften in Remscheid teilzunehmen. Die nötige Punktzahl für den Landeskader konnte sie dort zwar noch nicht erreichen, aber sie schwamm gleich drei persönliche Bestzeiten. „Das war mein Ziel, auf dem ich nun aufbauen kann“, sagt die B-Jugend-Hoffnungsträgerin, die sich über 50 Meter Rücken um vier Sekunden, über die 100 Meter Brust um acht und über 100 Meter Freistil sogar um 20 Sekunden verbessern konnte.

Amely will es in den Landeskader schaffen

Leistungen, die Ansporn sind, um das nächste Etappenziel, die Aufnahme in den Bayerischen Landeskader, zu erreichen. Dafür sind 250 Punkte notwendig. 179 hat Amely in ihrer stärksten Lage, die 50 Meter Rücken, bereits geschafft – das Vorhaben scheint also zum Greifen nahe. An Ehrgeiz und Trainingsfleiß mangelt es der Paraschwimmerin jedenfalls nicht. Trainerin Ann-Katrin Gerullis sagt über ihren Schützling: „Ich betreue Amely jetzt seit September. Sie hat seither sehr große Fortschritte gemacht. Wenn sie weiter so fleißig trainiert, weiter so zielstrebig ist und vielleicht noch ein paar Einheiten die Woche dranhängt, traue ich es ihr durchaus zu, dass sie sich sogar ihren ganz großen Wunsch, an den Paralympics teilzunehmen, erfüllen kann.“ Es ist noch ein langer Weg. Aber einem Kämpferherz, wie Amely Stelzer es hat, ist alles zuzutrauen.

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