Tanja Schlosser  präsentiert zwei ihrer Trophäen.
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Stolze Titelträgerin: Die Unterhaindlfingerin holte 2019 die German Cross Country-Meisterschaft.

Motorsport

„Supercross-Königin von Kiel“ ist nur einer ihrer Titel

Tanja Schlosser vom MSC Freisinger Bär kann mit 18 schon auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Seit einem schweren Rennunfall fährt sie „zweigleisig“.

Wolfersdorf – Sie ist die Allrounderin in der Riege der deutschen Top-Motocross-Fahrerinnen: Tanja Schlosser (18), die seit zwei Jahren für den MSC Freisinger Bär startet, hat nach einem bösen Sturz ihre Liebe zur German Cross Country-Serie (GCC) und zum Endurofahren entdeckt. Mit großem Erfolg: Trotz eines Oberarmkopfbruchs 2018 hat sie im selben Jahr noch den Vize-Meistertitel im Cross-Country und eine Saison später sogar die Meisterschaft in der Damenklasse gewonnen. Damit nicht genug: 2020 hat die amtierende GCC-Meisterin den Sprung in die Supercross-Klasse gewagt und sich in der Halle den Titel „Supercross-Königin von Kiel“ geholt. Im Fokus der in Unterhaindlfing lebenden Motorsportlerin steht aktuell ganz klar der Enduro-Bereich.

Vom Fahrrad mit Stützen direkt aufs Kindermotorrad

Dass Tanja Schlosser Benzin im Blut hat, kommt nicht von ungefähr. Vater Peter (53) ist passionierter Motorradfahrer, BMW-Fan und Kfz-Berufsschullehrer in Freising, und Mutter Monika (52) hat eine Ausbildung zur Maschinenbautechnikerin gemacht. Nicht umsonst thront über der Eingangstür im Haus der Schlossers ein Oldtimer-Motorrad. Kein Wunder also, dass die Töchter Tanja und Nina (20) in die Fußstapfen der Eltern, sprich in die Fußrasten, traten. Beide entdeckten in jungen Jahren ihre Vorliebe für Motocross. Im Alter von drei und vier Jahren ließen sie die Stützen ihrer Fahrräder weg – und stiegen gleich auf ihre ersten Kindermotorräder um.

Vollgas über Stock und Stein: Tanja Schlosser ist im Motocross- sowie im Enduro-Bereich unterwegs.

Fortan machten sie die Gegend unsicher. Im Fall von Tanja bedeutete dies, dass sie mit ihrer Yamaha PW50 auf den umliegenden Wiesen ihr Talent erkundete – und das nicht zu knapp. Beide fahren bis heute Motocross, sie haben wie verrückt trainiert. Zunächst beim MSC Eichenried, bei dem Peter Schlosser bis heute Jugendleiter ist, und später auf dem Trainingsgelände des MSC Freisinger Bär am Flughafen. Nina fährt eher aus Spaß an der Freud, Tanja dagegen entwickelte den Ehrgeiz, zu den Besten der Besten zu gehören. Dass ihr das gelungen ist, davon zeugen eine Reihe von Spitzenplätzen in den verschiedensten Kategorien.

In der Klasse bis 250 Kubikzentimeter zählte Tanja schon bald zu den Besten

Eine Entwicklung, die nicht unbedingt absehbar war, als Tanja mit sechs Jahren ihr erstes Rennen im Motocross bestritten hat. Sie erinnert sich noch sehr gut daran: „Ich bin Zwölfte von 13 Teilnehmern geworden. Also nicht Letzte, das war voll toll“, kommentiert die 18-Jährige ihren damaligen Einstieg in den Rennzirkus. Mit 16 sah das schon ganz anders aus – da hat Tanja mit ihrer 125-Kubikmaschine bei den Männern den Sieg eingefahren: Sie war die einzige junge Frau beim Chiemgau-Cross-Cup 2018 – wohlgemerkt in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter. Die Erfolgsgeschichte ging weiter. In besagter Klasse bis 250 Kubikzentimeter zählte sie schon bald zu den Besten, ihre Karriere nahm Fahrt auf. Mittlerweile war man an den Wochenenden ständig unterwegs, im Wohnmobil, mit einer mobilen Werkstatt, zu den Rennstrecken im ganzen Land.

2018 gab’s aber auch einen Rückschlag: Bei einem Rennen war die Strecke gefroren, Tanja geriet am Seitenrand in eine Rille, stürzte – und brach sich den Oberarmkopf. „An das Meiste kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt sie und fügt an, dass sie erst im Krankenhaus wieder zu sich gekommen sei. Aus heutiger Sicht sagt sie aber auch: „Schmerzen vergehen.“ Die Lust aufs Rennenfahren verging jedoch nie. „Ich hatte bald wieder Bock darauf – auf jeden Fall“, versichert Schlosser.

Benzin im Blut: Tanja mit ihrem Vater Peter, der sich als Jugendleiter beim MSC Eichenried engagiert.

Aber die Sache hatte auch ihr Gutes. „Ich bin irgendwie auch froh um den Sturz“, resümiert die junge Frau, die nach einer Auszeit damals den Enduro-Sport für sich entdeckt hat: Sie fand heraus, dass die Langstrecke, meist zwischen 80 bis 100 Kilometer pro Tag, ihr in Sachen Ausdauer entgegenkommt. Außerdem bot ihr die Tatsache, dass man in dieser Klasse die Piste nicht kennt und immer mit Überraschungen rechnen muss, einen besonderen Anreiz. Ihre Erfolge blieben nicht verborgen: „Es sind wichtige Leute auf mich aufmerksam geworden“, sagt Tanja Schlosser. Sponsoren haben sich gemeldet, mit deren Hilfe es bis nach Chile zu den International Six Days of Enduro ging – ein absolutes Highlight für die junge Fahrerin. Schließlich war sie eine von drei deutschen Frauen, die in den Genuss kamen, an diesem großen Event teilzunehmen. Und plötzlich sah sie sich als 16-Jährige mit dem Straßenverkehr in Südamerika konfrontiert. Fast wäre sie dabei „verloren gegangen“. Sie hatte die Abfahrt eines Autobahnkreuzes verpasst – und nicht mehr ganz so leicht zurück in die Spur gefunden.

Der Mix aus Spaß und Erfolg macht’s aus

Wo die Reise nun hingehen soll? Für Tanja Schlosser ist das sonnenklar. Sie will „zweigleisig fahren“, wie sie erklärt. Also Motocross und Enduro. „Ich will jetzt einfach bei beidem Spaß haben und was lernen“, sagt die German-Cross-Country-Meisterin 2019. Dabei zieht es sie vorzugsweise nach Österreich und Norddeutschland. Dort finden aus ihrer Sicht die attraktiveren Rennen statt. An die Alpenrepublik hat sie beste Erinnerungen. 2020 gewann sie dort beim Österreichischen Endurocup zwei von vier Läufen.

Trotzdem ist eine Profi-Karriere eher unwahrscheinlich. Dazu seien Frauen-Motocross und Enduro-Sport hierzulande nicht populär genug. Tanjas Ziel ist es, eine vernünftige Sportförderung zu bekommen. Ihr Wunsch, zur Polizei zu gehen, ließe sich vielleicht mit ihren sportlichen Ambitionen verbinden. Ansonsten hat sie vor, nächstes Jahr zu studieren. „Was Technisches“, verrät sie. Was sonst, bei diesen Genen und diesem Talent.

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