Abräumer unter dem Korb: Maxwell Dongmo Temoka (in Rot) hat schon so manch einen gestandenen Basketballer zur Verzweiflung getrieben. Obwohl viele unkten, dass er mit 1,98 Metern zu klein für die Position des Centers sei.
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Abräumer unter dem Korb: Maxwell Dongmo Temoka (in Rot) hat schon so manch einen gestandenen Basketballer zur Verzweiflung getrieben. Obwohl viele unkten, dass er mit 1,98 Metern zu klein für die Position des Centers sei.

Serie: Bühne frei für den Nachwuchs

Der Estinger Maxwell Dongmo Temoka legt eine Blitzkarriere beim FC Bayern hin

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Mit gerade einmal 17 Jahren ist der Estinger Maxwell Dongmo Temoka Stammspieler in der zweiten Mannschaft der FC Bayern Basketballer.

Esting – Wer beim FC Bayern aufwächst, der spürt das. Den Glanz und den Wert der Vereinsfarbe rot. In diesem Punkt unterscheiden sich Basketballer und Fußballer nicht. Unter denen, die jeden Tag diese Mentalität in sich aufsaugen, ist auch ein Estinger. Maxwell Dongmo Temoka steigt beinahe jede Woche hinab in den heiligen wie geheimen Teil des Audi Dome und zieht sein Trikot an. Dort, wo sich sonst die Profis ihr Shirt überziehen. Rot, Nummer 24 – die Zehn, seine Lieblingszahl, war vergeben. Er ist gerade 17 Jahre alt.

In Corona-Zeiten bleibt der Audi Dome leer. Zum Interview wurde der VIP-Bereich geöffnet.

Die Arena mit ihren 7000 Sitzen, auf denen niemand sitzt, und einer VIP-Lounge ohne VIPs ist derzeit das Zentrum des deutschen Basketballs. Es ist ja gerade Pandemie, und da dürfen selbst die Wichtigen der Stadt nicht in den Dome, den die Bayern gerne Wohnzimmer nennen. Das trifft insofern zu, weil es zumindest in der Lounge gepolsterte Bänke und Fernsehschirme und große Kühlschränke und edle Tische gibt. Also alles, was man sich für sein Wohnzimmer daheim wünscht. Wenn gerade nicht Corona die Welt verdreht, sieht man mit etwas Glück Uli Hoeneß, Edmund Stoiber oder Robert Lewandowski im Salon des Spitzenreiters sitzen.

Maxwell Dongmo Temoka rutscht an einen der Tische aus Kirsche oder Zwetschge heran, so genau kann man das im gedimmten Licht nicht sagen. Die Münchner haben ihn zum Interview in den VIP-Bereich bestellt. Wird derzeit nicht gebraucht. Außerdem ist das ein passender Ort, um den Aufstieg des Estingers zu illustrieren: Der 17-Jährige läuft in der dritten Liga im Audi Dome für den FCB auf, zweite Mannschaft. Die spielt ebenfalls dort.

Er pendelt zwischen Audi-Dome und Schulturnhallen

An sich ist die Pro B genau das Gegenteil von Prunk und Promis. Nachbar Oberhaching, die Tropics, tritt in einer Schulturnhalle auf. Nach jeder Partie müssen die Spieler die Stühle selbst aus der Halle tragen. In der dritten Liga, der Pro B, mischt sich Profit mit Passion. Die Klubs paaren Importspieler (meist aus Amerika) mit Deutschen, die nicht selten nebenher noch arbeiten oder studieren. Und dann gibt es noch das Fördermodell der Großen, Frankfurt, Ulm, München, die ihre Talente, 17, 18, 19 Jahre alt, an die Bundesliga heranführen.

Wobei das faktisch nicht ganz richtig ist. Nur ein kleiner Teil kommt wirklich oben an. Realistischer ist es schon, dass die Übriggebliebenen irgendwo zwischen Pro B und Regionalliga unterkommen. Das wissen alle, und deshalb ist die Zukunft von Maxwell Dongmo Temoka auch so unplanbar.

Im Sommer macht Temoka sein Abitur

Im Sommer wird er das Gymnasium mit dem Abitur abschließen, irgendwo im Zweier-Bereich. Er stand auch schon auf Notenschnitt 1,8 und sagt: „Ich muss gucken, ob das möglich ist.“ Das mit der Oberstufe funktioniert einfacher als gedacht. Schule und Basketball – ergänzen sich gut. Was danach kommt: Ein Soziales Jahr? Möglich. Studium in Deutschland? Warum nicht. College-Aufenthalt in den USA? Eine gute Alternative. Basketball-Profi? Wäre schön. „Viel denke ich nicht darüber nach“, sagt der Estinger.

Er gehört nicht zu den Sportlern, die sich den Kopf zermartern. Was kommt, das kommt. Als einige Teamkollegen, mit denen er in der U14 und U16 Deutsche Meistertitel geholt hatte, zum Stadtrivalen IBA München weiterzogen, blieb er bei den Bayern. Er entscheidet lieber für sich alleine, „was ich für das Beste halte“.

Dieses kontemplative Wesen ist gar nicht verkehrt in einer Sportart, in der Exzentriker und Egozentriker allerorts zu finden sind. Das ist nicht zu vermeiden. In keinem anderen Teamsport übt ein Einzelner so viel Macht aus wie im Basketball.

Seine selbstlose Spielweise sichert ihm einen Stammplatz

Temoka gehört allerdings zu den Vasallen auf dem Spielfeld. Einer geschätzten wie gesuchten Gilde der Basketballer. Er arbeitet, statt arbeiten zu lassen. Er erfüllt Ansprüche, statt sie zu stellen. Er hilft dem Team, statt Hilfe einzufordern. Es ist nicht übertrieben, dass genau diese Eigenschaft als Hauptargument für seinen Stammplatz dient. Der Basketballer Temoka fällt nicht auf, wenn man nicht auf ihn achtet. Er erzielt durchschnittlich dreieinhalb Punkte pro Spiel, greift sich vier Rebounds. Zahlen ohne Glanz. Aber er steht fast immer auf dem Feld, wenn es ernst wird für die Bayern.

Er verfügt über Künste, die zwar nicht unsichtbar sind, aber sich auch nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Der Estinger blockt den Weg frei für die Kollegen, er dirigiert sie in der Verteidigung und bewacht die besten Center des Gegners.

Amüsant sieht es schon aus, wie er die gegnerischen 2,10-Meter-Kälber vom Korb weg befördert – so wie Obelix in den Asterix-Comics einen Hinkelstein. Er hat sich anhören müssen, dass er mit 1,98 Metern eigentlich viel zu klein ist für die Center-Position im Profigeschäft. Andererseits ist er bislang auf keinen Gegenspieler getroffen, der ihn fertiggemacht hat.

Brian Butler, einer der Top-Spieler bei Tabellenführer Koblenz, fing irgendwann an, sich beim Schiedsrichter zu beschweren, völlig genervt vom Wachmann aus Esting, der einfach nicht aus dem Weg gehen wollte. „Es kann daran liegen, dass ich erst 17 bin“, sagt Maxwell Dongmo Temoka. Das verkraften die stolzen Profis nicht immer. „Man merkt, dass Erwachsene viel mehr probieren. Man erfährt viel mehr Tricks“, sagt der 17-Jährige. Er hat sich die besten Stilmittel abgeschaut. Es ist eine Kunst, seine Hände und Arme richtig einzusetzen – gerade dann, wenn der Schiedsrichter nicht hinsieht. Mohammed Sillah, der zweite Münchner Center, hat ihm einige Kniffe gezeigt. Sillah sei „der Anstrengendste, gegen den ich bisher gespielt hab’“.

Temoka rück überraschend in die zweite Mannschaft auf

Viel gelernt hat Maxwell Dongmo Temoka (l.) von seinem Münchner Mannschaftskollegen Mohammed Sillah (r.).

Gleichzeitig, so paradox das zunächst klingen mag, hat Sillah ihm den Stammplatz besorgt. Im Sommer zählte Maxwell Dongmo Temoka nicht zum Kaderstamm der Pro B, sondern war in erster Linie für die U19-Bundesliga eingeplant. Erst zwei Wochen vor Saisonstart rief Trainer Andreas Wagner an, sagte: „Wir geben dir eine Pro-B-Lizenz.“ Mohammed Sillah, Nummer eins unter dem Korb, hatte sich verletzt.

Aber Temoka spielte nach Sillahs Rückkehr weiter eine große Rolle (22 Minuten im Schnitt) und sogar noch besser als davor. Gegen Ulm, kurz vor Weihnachten, gelangen ihm zehn Punkte, zum ersten Mal zweistellig in Liga drei. Wie weit das mit Vertrauen reicht: Die Kollegen lassen ihn und seinen Spezl Michael Rataj die Musik zum Aufwärmen auswählen. DJ Temoka spielt viel Rap, französischen, amerikanischen, britischen, auch R’n’B ist dabei. „Zur Abwechslung“, merkt er an. Ihn hat das eh überrascht, wie schnell letztlich alles ging. Vor zwei, drei Jahren saß er noch als Zuschauer im Dome und dachte sich, wie gut die Reserve doch spielt. Jetzt spielt er selbst, und niemand traut sich vorauszusagen, wie gut er noch werden kann.

Erst mit 13 Jahren begann Temoka mit dem Basketball

Bei vielen in seinem Alter lässt sich das abschätzen. Sie spielen lang genug Basketball. Maxwell Dongmo Temoka hat jedoch erst mit 13 Jahren begonnen. Sein Talent ist noch nicht vollends freigelegt. Davor kickte er einige Jahre im Sturm der JFG Amperspitz. „Ich war ziemlich faul.“ Ein Freund nahm ihn zum Basketball nach Gröbenzell mit. Nach einem Jahr Doppelschicht löste sich das Fußballteam auf, und die Trainer des FC Bayern erspähten den Athleten. Auf den ersten Fahrten nach München begleitete ihn sein Vater Ludovic, der ihn schon mit neun zum Gaudi-Fußball mit Älteren mitgenommen hatte. Jetzt steigt Maxwell Dongmo Temoka jeden Tag alleine in die S3, die ihn nach München bringt, sozusagen in die Hochschule der Basketballer, ins Nachwuchsleistungszentrum der Bayern.

Ihm macht das viel Spaß, dieses Leben als Halbtagssportler. Jeden Tag Halle, Kraftraum, Gemeinschaft. Ob ihn das wegführt aus Esting, weg von den drei kleineren Geschwistern, kann jetzt noch keiner sagen. Es gibt noch etwas zu erledigen, also sportlich gesehen, in dieser Saison. Die Bayern wollen in die Playoffs. „Ich bin überzeugt, dass wir jedes Team schlagen können.“ Mit dem jüngsten Team der Pro B. Maxwell Dongmo Temoka ist bei Weitem nicht der Jüngste. Kollege Luis Wulff ist 16.

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