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Ein unermüdlicher Förderer des Frauen-Boxens: Manfred Kaltenhäuser mit den Piccolo-Kämpferinnen Alina Popp (links) und Johanna John (rechts).

Boxen

Funktionärslegende feiert 80. Geburtstag - Ein aufmerksamer Postbote brachte ihn zum BC Piccolo

  • Peter Loder
    vonPeter Loder
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Er hat den Boxsport in der Region geprägt wie kaum ein anderer. Manfred Kaltenhäuser feierte jetzt seinen 80. Geburtstag.

Fürstenfeldbruck/Maisach – Er war gerade einmal sechs Jahre alt, als der BC Piccolo 1946 gegründet wurde und hatte als Kriegskind schon die schwerste Zeit seines Lebens überstanden. 26 Jahre später – im Münchner Olympiajahr 1972 – wurde er zum Boxpräsidenten des Brucker BC Piccolo gewählt. Seitdem ist Manfred Kaltenhäuser nicht mehr von der Spitze des Vereins wegzudenken. Dass der 80. Geburtstag des in Maisach lebenden Urgesteins dieser Tage nur im engsten Familienkreis gefeiert wurde, war so nicht geplant und hat seine Hintergründe in der Corona-Krise.

Als echtes Münchner Kindl in Freimann geboren, wuchs Kaltenhäuser in Göppingen auf. In der schwäbischen Handballhochburg, wo er gleich in unmittelbarer Nachbarschaft des legendären Bernhard Kempa wohnte, kam er zwangsläufig mit dieser Mannschaftssportart in Kontakt. Doch als Achtjähriger wurde Kaltenhäuser von seinem Vater mal zu einer Boxveranstaltung mitgenommen – der Anfang einer Leidenschaft.

Sein Fachwissen hatte er aus Box-Zeitschriften

Das Außergewöhnliche: Als Boxer selbst stand der heute 80-Jährige so gut wie nie im Ring. Doch schon als Jugendlicher hatte er sich dank intensiver Studien von Box-Zeitschriften aus aller Welt ein Fachwissen angeeignet, das ihn zu einem ausgewiesenen Experten in Sachen Faustkämpfe machte.

Nach der Lehre als Bankkaufmann bei der Sparkasse in Göppingen zog Kaltenhäuser am 1. Oktober 1972 nach Fürstenfeldbruck, um in der Nähe seiner in München lebenden Oma zu sein. Schon am dritten Arbeitstag hinterm Schalter der damaligen Sparkassen-Zentrale wurde er von einem Postboten angesprochen – einem Piccolo-Angehörigen, wie sich später herausstellte. Dem war aufgefallen, dass er regelmäßig Box-Lektüre in Kaltenhäusers Briefkasten werfen musste – der Grundstein für eine beispielhafte Funktionärskarriere war gelegt.

Zunächst als Schriftführer und Schatzmeister tätig, trat Kaltenhäuser 1972 die Nachfolge von Jakob Scharlach an. Der Bäckermeister als Gründungspräsident des BC Piccolo war nach 26-jähriger Tätigkeit auf der Suche nach einem Nachfolger.

Kaltenhäuser: „In der Beständigkeit liegt die Kraft unseres Vereins“

Weshalb der BC Piccolo ein in Deutschland so ziemlich einmaliges Alleinstellungsmerkmal hat: In seiner kompletten Vereinsgeschichte hat der Verein erst zwei Cheftrainer (Kaltenhäusers treuer Weggefährte Wolfgang Schwamberger ist auch noch immer an seiner Seite) und zwei Präsidenten „verbraucht“. Eine Bilanz, die so mancher Fußballverein in wenigen Monaten schafft, und die für den Piccolo-Jubilar der Maßstab des Erfolgs ist: „In der Beständigkeit liegt die Kraft unseres Vereins“, sagt Kaltenhäuser.

Sein Fachwissen sowohl auf Finanz- als auch sportlicher Ebene sprach sich herum. So wurden die Funktionäre auf bayerischer und deutscher Verbandsebene auf Kaltenhäuser aufmerksam. In den 1970er-Jahren knüpfte er internationale Kontakte. Bei den von ihm organisierten Länderkämpfen lernte er so ziemlich alle Box-Größen kennen. Mit Kubas Olympiasieger Teofilo Stevenson verband ihn bis zu dessen Tod eine innige Freundschaft. Mit Muhammed Ali traf er sich zum Geschäftsessen im Münchner Ratskeller. Nur den Klitschko-Brüdern ist er noch nie persönlich begegnet. Ansonsten hat Kaltenhäuser alle Nummern von Henry Maske bis Sven Ottke im Handy gespeichert.

1982 leitete der Piccolo-Boss das Organisationsbüro der Box-WM in München und wurde danach in die 25-köpfige Finanzkommission des europäischen Verbandes berufen. Die Reisen führten ihn quer über den Kontinent. So etwa nach St. Petersburg in einer PanAm-Maschine, die damals noch einen Zwischenstopp in Moskau einlegen musste. Als in der russischen Hauptstadt alle anderen Mitreisenden den Jet verließen, hob der Flieger mit Kaltenhäuser als einzigem Passagier zum Weiterflug ab.

Er förderte das Frauen-Boxen wie kaum ein anderer

Untrennbar verbunden ist sein Name mit dem Frauenboxen. Und auch das hatte einen ungewöhnlichen Auftakt. 1998 stand unvermittelt eine Studentin aus Tübingen samt TV-Team vor der Tür und forderte: „Ich will auch Boxen.“ Doch es dauerte noch drei weitere Jahre, ehe Frauenboxen gesellschaftsfähig und ladylike wurde. Dass Kaltenhäuser bereits 2003 die zweite deutsche Meisterschaft in seinem Maisacher Heimatort organisierte, war irgendwie logisch. Mit Cindy Metz, der späteren Kickbox-Weltmeisterin Christine Theiß und der Emmeringer Vize-Europameisterin Katinka Semrau, die jetzt zum Trainerstab des BC Piccolo gehört, hatte der umtriebige Boxfunktionär etliche heiße Eisen im Feuer.

Schon mehrmals hatte Kaltenhäuser angekündigt, die Vereinsführung abgeben zu wollen. Doch stets fehlte es an Kandidaten. Ausgerechnet heuer, als sich tatsächlich ein Nachfolger anbietet, mussten die Neuwahlen corona-bedingt verschoben werden. Im Herbst sollen sie nachgeholt werden. Bis dahin hat der 80-Jährige wie gewohnt die Zügel in der Hand.

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