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Die Königin des Paracycling: Denise Schindler aus Olching, wo ihr bei der Rückkehr wohl wieder ein triumphaler Empfang der Nachbarschaft bevorsteht.

Rad-Weltmeisterschaft

Gold-Girl noch zweimal versilbert

Nach Gold noch zweimal Silber – die Paracycling-Weltmeisterschaft in Rio ist für Olchings Radsport-Profi Denise Schindler eine Edelmetallschmiede geworden.

Olching/Rio de Janeiro –Der Zeitplan bei nationalen und internationalen Großereignissen ist für gewöhnlich dicht gedrängt. Man bewegt sich weitgehend zwischen Hotel und Wettkampfstätte. Nach ihrem erfüllten Gold-Traum bei den Paracycling-Weltmeisterschaften in Rio und weiteren zwei Silbermedaillen hat sich Denise Schindler aber ein freies Wochenende in der warmen brasilianischen Herbstsonne gegönnt. „Ich hatte schließlich vier Tage das Tageslicht quasi nicht gesehen,“ erklärt das Radsport-Ass aus Olching. Am Dienstag und Mittwoch hatte sie im Velodrom im Olympischen Park in Barra da Tijuca trainiert, Donnerstag waren die Wettkämpfe. Wobei die letzten 48 Stunden mit vier Rennen vollgepackt waren.

Die andere Seite davon ist, dass Denise Schindler auch zwei Tage frei hat. Meist hat die Paracyclerin aus Olching bei internationalen Meisterschaften maximal einen Tag Zeit, um die Metropolen der Welt noch etwas anzuschauen. Bei den Paralympischen Spielen in Rio 2016 war sie gar nicht an einen der Strände gekommen, für den die Stadt am Zuckerhut berühmt ist. So war dann das Wochenende in Rio, an dem die Paracycling-WM zwar noch lief, Schindler aber keine Rennen mehr hatte, ein echtes Highlight. Am Strand sitzen, die Sonne genießen und entspannen.

„Jetzt fliege ich mit Gold und zweimal Silber heim und das ist schon geil. Ich glaube, das sackt jetzt so gerade“, sagt Schindler bei einem Kokosnusswasser an einem Kiosk in Ipanema. Gold holte die 32-Jährige Schindler, der mit sechs Jahren nach einem Straßenbahnunfall der rechte Unterschenkel amputiert wurde, in der Einerverfolgung, Silber jeweils über 500 Meter und im Scratch Race. Und doch spricht sie fast nur über das eine Rennen. Nicht, weil sie sich darin ihren Traum vom Gold in Rio erfüllt hat. Sondern vor allem, weil es „emotional sehr behaftet gewesen war“.

In Jubellaune mit Physiotherapeutin Nancy Burdach und Co-Trainer Jan Ratzke.

Sie zeigt am Strandkiosk das Titelfoto einer Zeitung, auf dem sie mit ihrer Physiotherapeutin und ihrem Co-Trainer jubelt. Es ist das Bild der WM. Denn bei den Paralympischen Spielen in Rio 2016, wo sie als Favoritin gestartet war, wurde sie bereits in der Qualifikation disqualifiziert. „Das hat schon immer an uns genagt. Wir haben so hart darauf hingearbeitet und dann passiert so etwas. Das war einfach eine Verkettung von unglücklichen Umständen.“ Schindler soll bei den Paralympischen Spielen damals zu lange im Windschatten ihrer britischen Gegnerin Megan Giglia gefahren sein.

Bei der aktuellen Paracycling-WM gewann die Olchingerin nun Gold auf dieser Bahn. Und das auch noch gegen Dauerrivalin Giglia, der sie in der vorletzten Runde sogar noch die Höchststrafe verpasst und sie eingeholt hatte. Schindler bekommt immer noch Gänsehaut, wenn sie daran denkt, wie sie anschließend ganz oben auf dem Podest stand und die deutsche Hymne hörte. 2015 hatte die deutsche Paracycling-Mannschaft zuletzt einen WM-Titel gewonnen. Auch damals war es die Olchingerin, die ihn holte. Sie ist mit inzwischen 21 Medaillen eine der erfolgreichsten deutschen Para-Athletinnen und das Covergirl des nationalen Behindertensports. Für Schindler (Spitzname Killerbiene) ist das ein „tolles Kompliment“, so gut auszusehen, dass sie das Titelblatt einer Zeitschrift schmücken könnte.

Denise Schindler hat vor allem eine Botschaft, die sie weitergeben möchte: Nicht auf das zu schauen, was man mit einer Behinderung nicht mehr machen kann, sondern auf das, was man noch machen kann. Bei Schindler, die mit einer technisch ausgefeilten Spezialprothese fährt, die schon von Barack Obama bestaunt wurde, geht das so weit, dass sie Trainingseinheiten mit dem Sprinter-Nationalteam der Nichtbehinderten absolviert. In Ländern wie Brasilien, wo Behinderte am Rande der Gesellschaft oder gar außerhalb leben und manche Denise Schindler anschauen, als wäre sie eine Außerirdische, „da ist das ganz wichtig, dass ich hier so sitze“, mit Prothese und Shorts am Strandkiosk.

Erholung an der Copacabana muss verdientermaßen auch sein.

Denise Schindler vermittelt Selbstverständlichkeit. Allerdings ist das bei ihr auch nicht immer so gewesen, „als Teenager habe ich die Prothese versteckt“. Erst nach dem Abitur, als sie eine Lehre zur Veranstaltungskauffrau gemacht, mit dem Radfahren angefangen und in der Folge die Aussage „Das geht ja nicht“ ein ums andere Mal widerlegt hat, änderte sich alles. Gerade als sie das erzählt, kommt ein Mann im Rollstuhl an den Tisch am Strandcafè. Er will Erdnüsse und Süßigkeiten verkaufen. Als er erfährt, an wen er da geraten ist, möchte er ein Foto machen. Sie erfüllt ihm den Wunsch gerne.

Martina Farmbauer

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