Das Sprachrohr der Weltcup-Asse: Gerhard „Willi“ Willmann kommentiert am Stadion-Mikro die sportlichen Auftritt der deutschen Bobpiloten Nico Walther (l.) und Francesco Friedrich mit ihren Teams.

Bob, Rodeln, Skeleton

Die Stimme im Eiskanal plaudert über Stars

Er ist die Stimme in den Eiskanälen am Königssee, in Winterberg und Oberhof. Der Estinger Gerhard „Willi“ Willmann kommentiert in den dortigen Wintersport-Arenen die Weltcup-Wettbewerbe der Bob- und Rodel-Profis. Hauptberuflich ist der 51-Jährige Radioreporter beim Bayerischen Rundfunk. Die Saison in seinem nebenberuflichen Bereich ist nun beendet. Für das Tagblatt zieht er Bilanz und plaudert in Ich-Form aus dem Nähkästchen über den Umgang mit den Stars

VON GERHARD WILLMANN*

Esting Eine Saison zwischen Seepferdchen, Bohnensuppe und Kristallkugeln. Gegen Bezahlung Menschen anschreien. Das hört sich nach einem Hollywood-Film an, in dem ein unsympathischer Offizier junge Soldaten anbrüllt und zusammenfaltet. Tatsächlich ist das Schreien – oder nennen wir es freundlicher „Laut Sprechen“ – Teil meines Jobs. Als Bahnsprecher begleite ich Bobpiloten, Skeletonis und Rennrodler an drei von vier deutschen Kunsteisbahnen bei ihren Läufen verbal vom Start bis optimaler Weise ins Ziel. Sechs Veranstaltungen liegen hinter mir.

Schauspieler Tom Hanks hat als „Forrest Gump“ diverse Regensorten aufgezählt. Unberücksichtigt blieben von seinen Drehbuchautoren der „Waagrechte Oberhofer Dauerregen“ und der „Wasserfälle schaffende Winterberger Platzregen“. Es hält sich das Gerücht, dass nach dieser ultranassen Saison nur noch Sportler in die Eisbahn dürfen, die die „Seepferdchen“-Prüfung bestanden haben. Es war schon fast unglaublich, was ich da aus meinen trockenen, wohltemperierten Sprecherkabinen kommentieren musste.

Was aber macht diesen Beruf tatsächlich so außergewöhnlich? Was unterscheidet ihn von der Aufgabe der Kollegen, die in Fußballstadien für das Publikum da sind? Es sind die Sportler. Keine selbstherrlichen, überbezahlten Fußballprofis, sondern junge Menschen, die ganz viel Zeit, Energie und Liebe in ihre Randsportarten investieren.

Haben Sie zum Beispiel mitbekommen, dass Francesco Friedrich zum sechsten Mal in Folge Zweierbob-Weltmeister geworden ist? Dass Anna Berreiter in ihrer ersten Weltcup-Saison zwei Mal gewonnen hat oder dass Tina Hermann ihren Weltmeister-Titel im Skeleton verteidigt hat? Die Stars sind ausgesprochen nahbar, in der Regel nett und für ihre Fans da. Star-Allüren sind ihnen eigentlich allen fremd. Mit diesen und für diese Sportler darf ich arbeiten. Wir tauschen uns aber auch privat aus und reden über Dinge, die mit den Kunsteisbahnen dieser Welt so gar nichts zu tun haben. Die Mutter zweier für die Niederlande startenden kroatischen Rennrodlerinnen hat für mich am Königssee Bohnensuppe gekocht.

Das macht meinen Job so außergewöhnlich. Die Tatsache, dass ich mit der besten Rodlerin aller Zeiten, Natalie Geisenberger, befreundet bin, dass Rennrodel-Bundestrainer Norbert Loch regelmäßig zwischen den Läufen zum Plausch bei mir vorbeischaut und dass mir Viererbob-Europameister Johannes Lochner beim Selfie auch mal um den Hals fällt, das macht meinen Winter besonders.

Ich bin ein kleiner, aber eben doch sehr lauter Teil dieser Sportlerfamilien und genieße das bei jedem Einsatz. Während die Bob- und Skeleton-Piloten ihre Weltmeisterschaften im sächsischen Altenberg ausgetragen haben, war ich zuletzt als Sprecher beim Finale der Rennrodler am Königssee im Einsatz.

Stellen Sie sich den schönsten Arbeitsplatz der Welt vor und legen Sie noch mal was drauf. Dann haben Sie den Ausblick vor Augen, den ich dort habe. Ich schaue direkt auf den Königssee, den Kehlstein und den Jenner. Und ganz nebenbei noch auf die große Zielkurve der Bahn, die „Echowand“. Da alle Entscheidungen um die Kristallkugel – den Pokal für die Gesamtweltcup-Gewinner – noch offen waren, war die Zeit, um das Panorama zu genießen, relativ gering.

Ständig zwei Monitore im Blick, Deutsch und Englisch sprechen und auch noch darauf achten, wo eventuell ein paar Tausendstel verloren gegangen sind. Abends bin ich froh, wenn andere reden und ich die Stimme schonen kann. Wobei es Menschen gibt, die der Meinung sind, dass ich eigentlich immer spreche. Es war ein letztes Wochenende, an dem viel gejubelt und gefeiert wurde, an dem aber auch diverse Tränen geflossen sind. Wo ein Sieger ist, sind auch ganz viele, die es nicht nach ganz oben geschafft haben. Was die Disziplinen und vor allem aber die Sportler auszeichnet, ist ein großes Gemeinschaftsgefühl.

Natürlich kracht es in so einem Winter auch mal, aber am letzten Wettkampftag haben sich alle gemeinsam in einem Berchtesgadener Hotel getroffen, getanzt und gelacht bis das Personal hinter der Theke erschöpft war. Und mittendrin der ebenfalls eingeladene Bahnsprecher. Die Saison der Kufensportarten ist vorbei. Einige der Sportler machen noch Testfahrten. Die so genannte Homologierung der Kunsteisbahn für die Olympischen Spiele von Peking 2022 ist allerdings wegen des Coronavirus verschoben worden. Es dauert also vermutlich bis zum Beginn des kommenden Winters, bis dort zum ersten Mal gefahren wird, wo in zwei Jahren Olympiasieger gekürt werden.

Der Vorwortschreiber und der Autor: Georg „Schorsch“ Hackl (r.) und Gernhard „Willi“ Willmann

Und der Bahnsprecher? Was macht er, wenn das Eis in Königssee, Winterberg und Oberhof abgetaut ist? Zum einen geht er dann seinem regulären Job als Hörfunk-Redakteur bei Bayern 1 nach, moderiert diverse Veranstaltungen und hat auch noch ein Buch geschrieben. „Der Familienurlaub – Von Aläffnohklokk bis Zeh Roberto“ ist reine Unterhaltung. Und auch wenn der Titel nicht direkt danach klingt, hat das Buch trotzdem etwas mit meiner Tätigkeit im Winter zu tun: Das Vorwort stammt vom berühmtesten und besten Rennrodler aller Zeiten, vom Hackl Schorsch. Er schreibt: „Ich kenne den Gerhard, den alle nur ,Willi’ nennen, eher schreiend. Wenn man in schreiend an der richtigen Stelle den Buchstaben b einfügt, ändert sich aber alles…“

*Der Autor Gerhard „Willi“ Willmann (51) lebt in Esting, verdient sein Geld als Bühnen-Moderator, Redakteur, Reporter und Autor. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein erstes Buch „Der Familienurlaub – Von Aläffnohklokk bis Zeh Roberto“ erscheint demnächst im Münchner Smart-und- Nett-Verlag.

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