Erschöpft aber glücklich: „Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft“, sagt Tanja Spielberger (Mitte). Unterstützt wurde sie von (v.l.) Marco Preller (Radbeauftragter), Dominik Walter (Navigator und Masseur), Lebensgefährte Tom Freitag (Fahrer des Begleitfahrzeugs) und Mama Rosi Spielberger (zuständig für die Verpflegung)
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Erschöpft aber glücklich: „Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft“, sagt Tanja Spielberger (Mitte). Unterstützt wurde sie von (v.l.) Marco Preller (Radbeauftragter), Dominik Walter (Navigator und Masseur), Lebensgefährte Tom Freitag (Fahrer des Begleitfahrzeugs) und Mama Rosi Spielberger (zuständig für die Verpflegung)

Ultracycling

560 Kilometer und 6500 Höhenmeter - In 22 Stunden quälte sich Tanja Spielberger auf Platz zwei

  • Thomas Benedikt
    vonThomas Benedikt
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Tanja Spielberger wurde Zweite beim Race around Austria. Dabei war es erst ihr Einstieg in die Welt des Ultracyclings.

Fürstenfeldbruck – Weil der Ironman in Hamburg wegen der Corona-Pandemie verschoben worden war, suchte die 29-jährige Bruckerin Tanja Spielberger nach einer Alternativ-Herausforderung. Die Ausdauerspezialistin, die für das Tri-Team Fürstenfeldbruck an den Start geht, wurde fündig: Das Race around Austria, ein Ultracycling-Wettbewerb, der an einem Stück 560 Kilometer durch Österreich führt.

Das Rennen ist allerdings nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch eine logistische. Jeder Teilnehmer ist selbst für die Zusammenstellung eines Unterstützer-Teams zuständig, inklusive Begleitfahrzeug und Ersatzfahrrad. Für Spielberger kein Problem. Ihre Freunde waren nach kurzem Schock sofort bereit zu helfen. „Nach einem ersten ,Du spinnst ja!’ kam sofort ein ,Sag Bescheid wann du mich brauchst, ich bin am Start’“, erzählt die 29-Jährige.

Und so ging es mit drei Männern („um mir in den Hintern zu treten“) und ihrer Mutter („zum Aufpassen“) nach St. Georgen im Attergau. Spielbergers Ziel: „Spaß haben und unter 24 Stunden bleiben. Von einer Platzierung hatte ich nicht mal zu träumen gewagt.“

Spielbergers Eindruck am Start: „Was geht denn hier ab?“

Und am Start schien sich diese Einschätzung zu bestätigen. Spielbergers Konkurrentinnen schossen regelrecht aus der Startzone und schienen auf und davon. Da war auch die erfahrene Ironman-Wettkämpferin baff: „Was geht denn hier ab?“ Und so versuchte sie zunächst einmal, mit dem Feld mitzuhalten.

Die Bedingungen machten es der Athletin nicht unbedingt einfacher. Die brütende Nachmittagshitze – Spielberger war gegen 15 Uhr gestartet – machte der 29-Jährigen nach rund 80 Kilometern zu schaffen. Dann kamen auch noch technische Schwierigkeiten hinzu. Wegen eines Problems mit der Renn-Software musste das Begleitfahrzeug kurz anhalten und verlor Spielberger aus den Augen. Ausgerechnet in dem Moment luden auch Spielbergers Navigationsdaten neu und der Funkkontakt zum Auto brach ab. Prompt verfuhr sich die Bruckerin und düste 500 Meter in die falsche Richtung, ehe sie den Fehler bemerkte und fluchend zur Strecke zurück radelte.

Langsam brach die Abenddämmerung herein. Dadurch sanken zwar die Temperaturen, doch dafür kamen neue Herausforderungen dazu. Von da an musste Spielberger im Lichtkegel ihres Begleitautos fahren, das zur Sicherheit immer hinter ihr blieb und sie so vor dem Straßenverkehr abschirmte.

Spielberger: „Ich habe mich nur gewundert, dass selbst in der Pause keine andere Frau vorbeikam“

Behandlung im Dunkeln: Der Rücken machte Tanja Spielberger lange zu schaffen. Doch sie biss sich durch.

Die Bruckerin gönnte sich zehn Minuten Pause, in denen es neben einer Nudelsuppe auch eine Nackenmassage gab. Dass sie zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei lag, wusste sie da noch nicht. „Ich habe mich nur gewundert, dass selbst in der Pause keine andere Frau vorbeikam“, erzählt Spielberger. Doch schon da merkte die Athletin, dass ihr Rücken langsam zumacht. Für sie war klar: Die restliche Strecke wird heftig und es waren noch rund 300 Kilometer zu fahren.

Die wurden zu einer Tortur. Von den starken Rückenschmerzen wurde Spielberger übel. Sei konnte nichts essen, kaum Flüssigkeit zu sich nehmen. Nach etwa 500 Kilometern und dem Sonnenaufgang war die 29-Jährige eigentlich am Ende ihrer Kräfte. Sie hatte sich wund gerieben und konnte kaum mehr auf dem Sattel sitzen. „Aufstehen ging auch nicht, weil die Handgelenke vom Druck schon taub waren. Auch die Knie taten weh. Durch das ungute Sitzen wurde natürlich auch der Rücken wieder richtig arg“, erzählt die Bruckerin.

Die letzten Kilometer werden zur Tortur

Rettender Liegestuhl: Nach dem Rennen hielt Spielberger nichts mehr auf den Beinen.

Als es zum Attersee hinunter ging, war sie so weit, dass sie hinwerfen wollte: „Wisst ihr was, ich fahr einfach geradeaus in den See und versenke dieses sch… Fahrrad“, schimpfte sie in Richtung Team. Doch der Gedanke, dass sie immer noch 13 Kilometer Vorsprung auf die Dritte hatte, ließ sie weitermachen. Wenn auch unter Schmerzen und Tränen. „So wie in diesem Moment, hatte ich mich selbst noch nie erlebt. Jeder Ironman war Kindergarten dagegen“, sagt Spielberger. Aber sie quälte sich weiter.

Nach 22:04 Stunden überquerte sie die Ziellinie. Als Zweite. Bei ihrem allerersten Ultracycling-Wettkampf. Die Schmerzenstränen wichen den Freudentränen. Endlich konnte sie runter von dem Rad. Endlich konnte sie sich in einen schnell vom Veranstalter organisierten Liegestuhl fallen lassen. „Realisiert, was wir da geleistet hatten, habe ich erst einige Tage später“, sagt Spielberger.

Die Strapazen des Rennens machten sich in den folgenden Tagen bemerkbar. „Kreislaufprobleme, Schmerzen im Fußgelenk und ich habe gefühlt zwei Drittel des Tages geschlafen“, berichtet die Bruckerin. Doch schon zwei Tage später saß sie das erste Mal wieder auf dem Rad. „Da waren alle Schmerzen weg und schon kommen wieder doofe Ideen. Die behalte ich aber lieber erstmal für mich.“

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