Konkurrenzlos im Werdenfelser Team
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Dem großen Ziel entgegen: Tim Grotian will beweisen, dass es auch Männer aus dem Werdenfelser Land ganz nach oben schaffen können.

Der berühmte nächste Schritt

Grotian peilt nationale Biathlon-Elite an - und hegt ein großes Fernziel

  • vonPatrick Hilmes
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Ehrgeiz braucht es, um erfolgreich zu sein. Eine Eigenschaft, die Tim Grotian mitbringt. Der Biathlet aus Mittenwald setzt sich klare Ziele.

Mittenwald – Aus dem tristen Grau ist ein fröhliches Blau geworden. Der regnerische Juni hat an den zumeist sonnigen Juli übergeben. Und Sonne macht bekanntlich glücklich. Der erhöhten Produktion von Serotonin, dem Glückshormon, sei Dank. Das wirkt auch bei Tim Grotian. Doch das ist nicht alles. Entscheidend für seine gute Laune sind auch seine sportlichen Zukunftsaussichten: Grotian gilt als das vielversprechendste männliche Talent aus der Werdenfelser Biathlon-Mannschaft.

Den Titel „hoffnungsvolles Talent“ haben schon vor ihm viele getragen, manche haben sich den Erwartungen entsprechend entwickelt, einige scheiterten daran. Stichwort „ewiges Talent“. Welcher Kategorie Grotian künftig zugeordnet wird, gilt abzuwarten. Stand jetzt scheinen ihn die Lobpreisungen nicht negativ zu beeinflussen. „Für mich ist das Ansporn“, sagt Grotian. Bisher ist das Werdenfelser Land insbesondere für seine Biathlon-Damen bekannt. Sportlerinnen wie Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier dominierten die letzten Jahre die nationalen wie internationalen Schlagzeilen. Grotian möchte das ändern: „Ich will zeigen, dass Werdenfels nicht nur Frauen hervorbringen kann.“

Grotian mit großen Ziele

Große Ziele und große Worte für einen 20-Jährigen. Doch sie täuschen ein Stück weit. Bei Tim Grotian handelt es sich keinesfalls um jemanden, der große Töne spuckt. Er ist der Typ offen und zugleich schüchtern, zurückhaltend aber auch ambitioniert. „Ich bin keiner, der rumposaunt, nicht der extrovertierte Typ“, beschreibt er sich selbst. Aber er hat eben große Ziele. Wer nichts erreichen will, erreicht auch nichts. Sein Traum ist entsprechend einer aus der ganz großen Kategorie: eine Olympia-Medaille.

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Doch der Weg ist bekanntlich lang, und Grotian hat erst die Startzone verlassen. Seine Premieren-Saison im Herrenbereich steht bevor. Bei den Junioren hat er reichlich Lorbeeren geerntet. Titel wie Vize-Junioren-Weltmeister mit der Staffel und Einzel-Europameister zieren seine Vita. Nun soll der berühmte nächste Schritt folgen.

2007 hat es „Klick gemacht“

Die ersten Schritte hat er derweil ganz woanders getätigt. Eine Karriere im Wintersport war nicht wirklich vorgezeichnet, kommt er doch aus Darmstadt. Aber bereits 2003 zog es die Familie Grotian nach Mittenwald. In Bayern angekommen konkurrierten zunächst mehrere Sportarten um Grotians Gunst. Am Ende stach Biathlon Skilanglauf wie auch Schwimmen und Tennis aus. Es war eine Entscheidung pro seiner Fähigkeiten. „Ich bin eher der Ausdauersportler.“

Bei bestem Wetter mit reichlich Sonnenschein sitzt Grotian auf der Steintribüne im Skistadion von Garmisch-Partenkirchen, kneift die Augen zusammen und blickt hoch zur Sprungschanze. Sich selbst von da oben herunterstürzen? „Das wäre nichts für mich.“ Daher rührt auch die Abkehr vom alpinen Sport. „Da muss man den Kopf ausschalten und sich sagen: ’Scheiß drauf, da fährst du jetzt runter.’ Aber das konnte ich nicht“, erzählt Grotian. Beim Sommer-Biathlon am Isarhorn schaute er einem Schulkameraden zu – „da hat es Klick gemacht“. Das war 2007.

Heute gehört Grotian dem Lehrgangskader 1b an, trainiert mit dem Werdenfelser Tross wie auch seit diesem Jahr wochenweise in Oberhof mit der Gruppe von Bundestrainer Mark Kirchner. Die Chance erhielt er durch Marko Danz, der drei Jahre sein C-Kader-Trainer war und zudem Stützpunkttrainer in Oberhof ist.

Training mit der Elite

Dass er nun auch in Thüringen trainiert, sei keine Entscheidung gegen Werdenfels und Coach Bernhard Kröll gewesen. „Ich habe mich im April mit ’Bernie’ zusammengesetzt und darüber geredet, wie ich mich am besten weiterentwickeln kann.“ Das Problem im Werdenfelser Team: Grotian hat seit dem Abgang von David Zobel – aus dem Perspektivkader herausgefallen – keine männliche Konkurrenz mehr. „Ich kann mich mit keinem messen.“ In Oberhof ist das anders, dort trainiert er mit der Elite.

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Das Ziel für die kommende Saison ist ein internationaler Startplatz. Sechs im Welt- und sechs im IBU-Cup stehen zur Verfügung. Doch die Konkurrenz ist groß. „Ich werde jetzt in den großen Teich geworfen, wo alle drin schwimmen.“ 18 bis 20 Mann kommen laut Grotian für die zwölf Startplätze in Frage.

Was dem 1,83 Meter messenden Mittenwalder noch fehlt, um einer der zwölf Glücklichen zu sein, das weiß er ganz genau. Der Fokus liegt auf dem Schießen, genauer gesagt auf der Schießgeschwindigkeit. „Auf Sieger Max Barchewitz habe ich bei der Junioren-WM 2019 bei vier Schießen fast eine Minute verloren“, erinnert sich Grotian. Um es nach ganz oben zu schaffen, sei alles vonnöten. „Man muss die Null bringen, in der Weltspitze laufen und die Schießzeit muss auch stimmen.“

Noch passt das nicht alles, doch noch hat er Zeit und Rückschläge werfen ihn nicht aus der Bahn. „Ich heule nicht an der Strecke rum und verziehe mich nach einem schlechten Rennen nicht ins Hotelzimmer. Ich weiß, was ich kann“, betont Grotian grinsend. Er hat gute Laune und die rührt eben nicht nur von der Sonne her.

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