Ein Skifahrer fährt die Piste hinunter
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Da mussten die Zuschauer zweimal hinschauen beim FIS-Riesenslalom in Sun Valley 2020: Nein, nicht Felix Neureuther rast die Piste hinunter – sondern der junge Hunter Eid.

US-Athlet Hunter Eid trägt das alte Dress seines Idols – bald auch im Weltcup?

Rennanzug von Felix Neureuther als Talisman

Hunter Eid gilt als hoffnungsvolles Talent im amerikanischen Skisport. Der 20-Jährige hat ein Markenzeichen: Er trägt bei Wettkämpfen stets alte Rennanzüge seines Idols Felix Neureuther.

Alaska/Garmisch-Partenkirchen – FIS-Riesenslalom am Mount Alyeska in den USA, genauer gesagt in Alaska. Malerische Kulisse am Ende der Welt. Mitte März 2021. Am Start: Zwei Kanadier, zwei Norweger, ansonsten ausschließlich US-Amerikaner. Nach dem Rennen ganz oben auf dem Stockerl steht ein jubelnder Fahrer, der einen schwarz-weißen Rennanzug trägt, mit Zebramuster. Stopp. Irgendwie kommt einem das doch bekannt vor. Skifahrer, Sieg im Riesenslalom, schwarz-weißer Rennanzug mit Zebramuster? In genau solch einem Dress sind doch immer die deutschen Athleten wie Felix Neureuther gestartet. Richtig. Es ist sogar einer der Rennanzüge des Garmisch-Partenkirchners, der da oben in Alaska auf dem Podest zu sehen ist. Doch es steckt ein anderen Fahrer in ihm: Hunter Eid.

Sechs gewonnene FIS-Rennen in einer Saison

Der 20-Jährige zählt zu den besten Nachwuchs-Skirennläufern der USA. Der Sieg am Mount Alyeska war nicht sein erster in einem FIS-Rennen. In der Saison 2020/21 war es sein fünfter, einen sechsten ließ er noch folgen. Doch wie kommt einer aus Alaska dazu, Neureuthers Rennanzug zu tragen? Dazu muss man zurück in die 1950er Jahre blicken. Denn die Spuren Eids führen zurück ins Werdenfelser Land.

Karl Eid betrieb an der Ludwigstraße in Garmisch-Partenkirchen über 20 Jahre eine Konditorei. Seine sportliche Leidenschaft gehörte dem Skisprung. Bei den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen war Eid als Trainer für das deutsche Team im Einsatz. Vielleicht war es der enge Kontakt mit Sportlern aus aller Welt, der seine Sehnsucht nach der großen weiten Welt geweckt hatte. In den 50er Jahren wanderte er in die USA aus, wo er als Spitzenkonditor schnell Fuß fassen konnte. In der Westküstenmetropole Seattle lernte er seine deutschstämmige Frau Anneliese kennen. Mit ihr kam er 1959 nach Alaska. Auch dort machte sich Eid schnell einen Namen mit seinen Torten. Zusätzlich baute er nahe Anchorage, die größte Stadt des 49. US-Bundesstaats, einen Stützpunkt für Skisprung auf. Zahlreiche Athleten haben auf den drei Schanzen fliegen gelernt, einige von ihnen den Sprung in die Weltelite geschafft.

„Sein Fahrstil ist für mich die perfekte Kombination aus Sportlichkeit und Eleganz“

Hunter Eid über sein Idol Felix Neureuther

Eids größte Aufmerksamkeit galt aber immer der Familie – seiner Frau und Sohn Marc. Dieser lernte später Christine Hütten kennen. Wie es der Zufall will, stammt sie aus Krün. Gemeinsam brachten sie 2001 Hunter zur Welt. Den Opa hat’s besonders gefreut. Und schnell steckte er den Enkel mit seiner Leidenschaft zum Wintersport an. „Seit Hunter drei, vier Jahre alt war, hat der Opa mit ihm auf dem Wohnzimmertisch Skifahren und Skispringen geübt“, erzählt Hütten. Karl Eid war zu diesem Zeitpunkt bereits auf einen Rollstuhl angewiesen. Daher entpuppte sich die Tischhöhe als ideal, um mit dem Enkel die richtigen Renn- und Absprunghaltungen einzustudieren.

Der sportbegeisterte Bub zeigte für beide Disziplinen Talent und Ehrgeiz. In seiner Freizeit trainierte er sowohl auf der Sprungschanze als auch auf den Skihängen am Mount Alyeska. Das Skiresort, wie sollte es anders sein, wurde geleitet von Chris von Imhof, ebenfalls aus Garmisch-Partenkirchen. Mit zwölf Jahren musste sich Hunter entscheiden: Skispringen oder Skifahren? Seine Wahl für auf letzteres, auch weil Papa Marc als Trainer im Skiclub beschäftigt war. Natürlich stellten US-Skistars wie Ted Ligety große Vorbilder für Hunter dar. Doch sein Idol war schon immer unangefochten Felix Neureuther aus der Heimat seiner Großeltern. „Sein Fahrstil ist für mich die perfekte Kombination aus Sportlichkeit und Eleganz“, sagt Hunter. Seine Eltern haben für den ehrgeizigen Nachwuchssportler Neureuthers Rennen aufgezeichnet. So konnte er ihn studieren und von ihm lernen.

Bei einem Heimaturlaub in Garmisch-Partenkirchen erwähnte seine Mutter gegenüber einer Freundin Hunters Bewunderung für Neureuther. Die ließ ihre Kontakte spielen und organisierte, dass die Eids einige von Neureuthers Rennanzügen bekamen –, ein halbes Dutzend im Laufe der Jahre. „Es ist etwas sehr Schönes, dass wir Rennfahrer einem Jugendlichen durch so etwas eine Freude bereiten können“, betont Neureuther. Hunter war 14 Jahre, als der erste Rennanzug eintraf. Er schlackerte noch ein wenig an ihm herum, doch Hunter war’s egal. „Die Anzüge sahen so viel cooler aus als all die anderen. Zudem brachten sie mir Glück. Von da an fiel mir das Siegen noch leichter. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Hunter verkürzte dank eines enormen Lernpensums sein High-School-Abschlussjahr um sechs Monate, um an Skirennen in ganz Amerika teilzunehmen. Zudem zog er nach Sun Valley (Idaho), weil er im dortigen Skiressort die perfekten Trainingsbedingungen vorfand. Er plant, noch dieses Jahr ein Studium zu beginnen, will sich ab dem Herbst aber wieder voll aufs Skifahren konzentrieren.

Das wäre super, wenn der Bursche mal nach Europa kommen würde und wir uns persönlich treffen könnten.

Felix Neureuther

Bereits vor zwei Jahren konnte er seine ersten Erfahrungen im Weltcup sammeln, als Vorläufer in Beaver Creek. Neureuther hofft darauf, ihn bald im Konzert der Großen fahren sehen zu können: „Das wäre schon witzig, wenn der Bursche in meinem deutschen Rennanzug im Weltcup an den Start gehen würde.“ Durch einen dauerhaften Platz im Weltcup-Team würde Hunter natürlich auch einem Treffen mit seinem großen Idol näherkommen. An Neureuther jedenfalls soll es nicht scheitern. „Das wäre super, wenn der Bursche mal nach Europa kommen würde und wir uns persönlich treffen könnten.“

Sollte er den Sprung in die amerikanische Skinationalmannschaft schaffen, wird Hunter wohl in deren Rennanzüge an den Start gehen müssen. Obwohl: Er besitzt neben der amerikanischen auch eine deutsche Staatsbürgerschaft und spricht fließend deutsch. „Ich habe den bayerischen Biss und die alaskanische Lässigkeit, das ist ein ziemlich guter Mix.“ Zudem sind seine Rennanzüge mit Zebramuster mittlerweile sein Markenzeichen geworden und zugleich natürlich Alleinstellungsmerkmal. Denn wer fährt sonst schon in den Rennanzügen von Felix Neureuther? BRIGITTE VON IMHOF

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