+
Sie liebt, was sie tut: Und solange Annika Morgan so viel Spaß am Snowboarden hat, ist ihr Ziel die Profikarriere. Sie hat die Chance, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

Der Bruder ist Annika Morgans großes Vorbild

  • schließen

Von ihrem Bruder hat Snowboarderin Annika Morgan viel gelernt, er ist ihr Vorbild. Jetzt will die 16-jährige Mittenwalderin selbst die Profi-Karriere einschlagen. Ab diesem Wochenende kämpft sie – als Küken im Weltcup – um einen Start bei den Weltmeisterschaften.

Mittenwald – Kaum einen Meter weit sieht Annika Morgan. So sehr schneit’s. Der Schnee kommt waagrecht daher, so sehr stürmt’s am Stubaier Gletscher. Ihre Hände spürt das Mädchen bei der Kälte schon lange nicht mehr. Aber aufhören? In die Hütte gehen? Auf keinen Fall. Die Siebenjährige erlebt einen perfekten Tag. Nur sie und ihr großer Bruder beim Snowboarden. Stundenlang. „Ich hab’ da so viel gelernt“, schwärmt die Mittenwalderin noch heute, neun Jahre später. Es war ihr zweiter Winter als Boarderin, ihr Bruder Ethan zeigte ihr erste Tricks. Das Mädchen wusste: So wie er will sie das auch mal beherrschen. Der heute 27-Jährige schlug die Profi-Karriere ein. Sie ist mit ihren 16 Jahren auf dem besten Weg dorthin.

In der Europacup-Gesamtwertung belegte sie in der vergangenen Saison Platz zwei und sicherte sich einen Startplatz in der ersten Garde. Im Sommer holte sie zudem in Neuseeland den Junioren-Vize-Weltmeistertitel in ihrer Spezialdisziplin Slopestyle. Ihr bislang größter Erfolg, „daran könnte ich mich gewöhnen“, sagt sie und grinst. Das nächste Ziel hat sie schon vor Augen: die Snowboard-Weltmeisterschaften in Park City (USA) von 1. bis 10. Februar. „Das wär’ richtig geil.“ Entscheiden wird sich die Teilnahme bei den Weltcups an diesem Wochenende im österreichischen Kreischberg und im schweizerischen Laax von 16. bis 19. Januar. Einmal Top 8 oder zweimal Top 16 – und Morgan wäre für die WM qualifiziert. Wie realistisch das ist, weiß sie nicht. Sie lässt alles auf sich zukommen, will „einfach hineinschnuppern“ in die Weltcup-Welt. Und dann „mal schauen“.

Nur wenige Athletinnen in ihrem Alter wird sie treffen. Mitte 20 sind die meisten, „ich bin das Küken“. Mit eigenen Vorstellungen.

Schon in der vergangenen Saison wollten die Trainer Morgan im Weltcup starten lassen. Sie aber lehnte ab, fühlte sich noch nicht bereit. Genauso hält sie es bei neuen Tricks. Schlagen die Coaches einen vor, geht sie jede Drehung und Bewegung erst einmal im Kopf durch, wägt auch ab, was schiefgehen könnte. Und stellt sich die Frage: Ist es das Risiko wert, „dass ich mich da jetzt voll reinschmeiß?“ Wenn nein, springt sie nicht, wartet noch, bis der Film im Kopf das richtige Ende zeigt.

Nervosität aber kennt Morgan nicht. Ein Ritual vor jedem Wettbewerb? Ja, sie tanzt am Start mit ihren Mitstreitern. Egal, welche Musik läuft. „Ich tanz’ auf alle Lieder.“ Morgan hat Spaß. Und so lange das so bleibt, will sie weitermachen, professionelle Snowboarderin werden.

Dafür wechselte sie zu diesem Schuljahr an das Sport-Gymnasium nach Berchtesgaden, wo sich Training – dazu gehören nun jede Woche vier Einheiten auf dem Trampolin sowie zwei im Kraftraum, zudem die Tage auf und neben den Pisten sowie im Funpark – und Unterricht ideal verbinden lassen. Am Werdenfels-Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen tat sich Morgan da schwer. Zu viel Stoff verpasste sie durch die Wettkämpfe, Jahr für Jahr wurde es knapp mit dem Vorrücken in die nächste Klasse. Als die Noten nur noch in den Keller rasselten, schritten die Eltern ein. Es galt die Regel: Bringt die Tochter noch eine Fünf nach Hause, ist das Trainingslager gestrichen. Die Fünf in der Prüfung kam, Morgan blieb zu Hause. Jetzt gibt es nur noch ein kleines Problemfach: Mathematik. Da kann der Papa helfen. Bill Morgan, gebürtiger US-Amerikaner, unterrichtet das Fach in der Kaserne. Hat sie eine Frage, ruft sie ihn an.

Ihre Eltern Birgit und Bill, beide leidenschaftliche Sportler, stehen hinter den Plänen der Tochter, unterstützen sie. Wie sie es bei ihren anderen Kindern gemacht haben: bei Ethan (27), bei Sean (23), der bei Oberligist Lindau Eishockey spielt, bei dessen Zwillingsbruder Corey, der hobbymäßig für Mittenwald auf dem Eis steht, und bei Natasha (29), die in London lebt und wie ihre kleine Schwester lange als Eiskunstläuferin aktiv war.

Nur noch Bruder Corey wohnt nach dem Studium wieder zu Hause in Mittenwald. Während der Saison sieht Annika Morgan jedoch auch ihn und ihre Eltern nur selten. Zwei Monate war sie zuletzt unterwegs. Da kommt schon mal Heimweh auf. Dann schreibt sie mit ihren Eltern. Telefoniert wird nur wegen Schulfragen.

Per WhatsApp hat sie ihre Eltern auch über ihren Erfolg bei den Junioren-Weltmeisterschaften informiert. Die zweite Nachricht schickte sie an Bruder Ethan, ihr Vorbild. Und Lehrer, der ihr so viel beigebracht hat. Sie liebt seinen Style. „Den hat sonst keiner.“ Außerdem macht er „extrem verrückte Sachen“. Mittlerweile ist er im Filmgeschäft unterwegs, hat bereits seine ersten eigenen Produktionen veröffentlicht. Im nächsten Projekt – noch top-geheim – soll auch Annika ihren Platz bekommen.

In den Augen der 16-Jährigen hat ihr ältester Bruder etwas geschafft, was sie auch einmal erreichen möchte: Er hat sich in der Szene einen Namen gemacht. Klar, der Olympiasieg wär auch „nice“, sagt sie. Als oberstes Ziel aber fällt ihr spontan ein anderes ein: Einmal anerkannt zu werden für das, was sie mit dem Snowboard zeigt, in ihrem ganz eigenen Stil. „Dass dich alle kennen und auch wertschätzen – das wär’ megacool.“

Auch interessant

Kommentare