Teamarbeit: Gemeinsam kämpften sich die Maloja Pushbikers, hier Paul Taebling (M.) mit der Führungsarbeit für Kapitän Corey Davis, auf Platz neun der Rundfahrt Istrian Spring Trophy in Kroatien. 
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Teamarbeit: Gemeinsam kämpften sich die Maloja Pushbikers, hier Paul Taebling (M.) mit der Führungsarbeit für Kapitän Corey Davis, auf Platz neun der Rundfahrt Istrian Spring Trophy in Kroatien. 

Christian Grasmann und Rupert Hödlmoser erklären die Ambitionen der Maloja Pusbhikers

„Dann haben wir sportlich kein Handicap“

  • Sebastian Schuch
    vonSebastian Schuch
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Mit ambitionierten Zielen sind die Maloja Pushbikers in die neue Radsport-Saison gestartet. Teamchef Christian Grasmann und Sportlicher Leiter Rupert Hödlmoser erklären die Hintergründe.

Holzkirchen – Mit großen Zielen und einem Fünf-Jahres-Plan (wir berichteten) ist das Holzkirchner Radsportteam Maloja Pushbikers in die neue Saison gestartet. Beim Saisonauftakt in Kroatien zeigten die Fahrer von Teamchef Christian Grasmann, der kürzlich seinen 40. Geburtstag gefeiert hat, und Rupert Hödlmoser (33), Sportlicher Leiter Straße, dass die Ambitionen berechtigt sind. Bei zwei Ein-Tages-Rennen sowie der Rundfahrt Istrien Sprint Trophy gelangen Top-Ten-Plätze sowie Rang neun in der Teamwertung. Getrübt wurde die Rundfahrt von einem schweren Sturz von Top-Fahrer Yannik Achterberg, der mittlerweile in der Unfallklinik Murnau liegt.

Im Interview sprechen Grasmann und Hödlmoser über den Fünf-Jahres-Plan, wie sie die gesteckten Ziele erreichen wollen und über die Bedeutung des eigenen Nachwuchses.

Herr Grasmann, Herr Hödlmoser, sportlich war es ein guter Saisonauftakt. Allerdings gab es mit dem Sturz von Yannik Achterberg einen mentalen Rückschlag. Wie hat das Team diesen verkraftet?

Grasmann: Wir hatten mit dem Sturz vom Yannik einen richtig bösen Einschlag, der durchs ganze Team gegangen ist. Aber sie sind eine super Clique. Man merkt, dass sie mental viel gearbeitet haben. Deshalb, das hört sich jetzt blöd an, sind sie imstande, diesen schlimmen Sturz „wegzuignorieren“ und sich trotz allem weiter auf die Rundfahrt zu konzentrieren.
Hödlmoser: Der Sturz hat vieles komplizierter gemacht. Wir arbeiten extrem daran, dass der Spirit passt, dass ein Team zusammenwächst. Daran kann man schwerer weiterarbeiten, wenn jeder den Sturz im Hinterkopf hat. Aber sie haben es gut gemacht, sind mit der Situation professionell umgegangen.

Sportlich hat sich das Team auch gut geschlagen.

Grasmann: Es war hohes Niveau – da sind vier Pro-Team-Mannschaften mitgefahren. Die Bedingungen waren hart, die Rennen total hektisch und die Straßen aufgrund von Regen sehr glatt.

Hödlmoser: Die sportliche Zielsetzung dieses Jahr ist, dass wir regelmäßig in die Top Ten kommen oder knapp dran sind. Wir versuchen, dass sich ein Basis-Level einspielt. Die Top Ten, plus minus zwei, drei Plätze, sind immer möglich. Mikà Heming ist einmal Zehnter geworden, wir waren ein paar Mal in den Top 15. Und in der Gesamtwertung als Neunter bestes deutsches Team.
Grasmann: Unsere Jungs sind deutlich jünger als der Kern einer Pro-Team-Mannschaft. Wenn man dann sieht: Maloja Pushbikers auf Platz neun – dann ist das schon super. Im Grunde ist das ein Vergleich mit dem nächsten Schritt.

Inwiefern?

Grasmann: Wir kämpfen mit ganz anderen Mitteln als eine Pro-Team-Mannschaft. Da stehen pro Auto vier oder fünf Ersatzräder auf dem Dach, bei uns sind es zwei. Solche Teams haben mehr Material und Personal, und das schafft auch Ruhe.

Das klingt suboptimal.

Grasmann: Wir sind so gewachsen, dass man immer wieder ein größeres Fundament bauen muss. Das, was da war, reicht nicht mehr.
Hödlmoser: Und das in kürzester Zeit, quasi im Monatsrhythmus.
Grasmann: Wir müssen nicht nur am Sportlichen arbeiten, sondern auch an der gesamten Infrastruktur des Teams. Das geht Hand in Hand. Wenn wir mit der Infrastruktur besser werden, haben wir sportlich ganz andere Möglichkeiten, weil die Offensivität auf einmal da ist.

Und hier setzt der Fünf-Jahres-Plan an.

Grasmann: Da geht es auch um Kommunikation. Wenn ich jetzt sage, ich baue mit den Partnern einen Fünf-Jahres-Plan auf, dann haben sie auch Planungssicherheit. Sie können an der Entwicklung mitwirken und davon partizipieren. Wenn ein Partner sagt: „Jungs, das werd’ ich nie im Gnack haben“, dann kann er das entsprechend sagen. Insgesamt versuchen wir, mit unseren Partnern zu wachsen. Wenn das eine Basis hat, haben wir sportlich überhaupt kein Handicap.

Heißt konkret?

Grasmann: Dass man sagt, wir haben immer die notwendigen Ressourcen und das entsprechende Ersatzmaterial dabei. Ein Beispiel: Die Corona-Krise wirkt sich auch auf unsere Materialplanung aus. Man bekommt fast einen Herzinfarkt, weil wieder was kaputt ist. Wir wissen aber, dass nur wenig Ersatzmaterial vorhanden ist und noch drei Renntage anstehen.
Hödlmoser: Du weißt schon, bevor das Rennen aus ist, dass Du in der aktuellen Situation bei Stürzen in eine Drucksituation kommst. Das löst wiederum Druck aufs Team aus. Und das soll auf Dauer nicht so sein.

Deshalb standen Sie jetzt vor der Entscheidung: Entweder richtig professionell oder Hobbyschiene.

Hödlmoser: Richtig. Weltweit gibt es etwa 20 World-Teams, 15 Pro-Teams und 400 Kontinental-Teams wie uns. Für uns liegt das Augenmerk jetzt auf der Europe Tour, dort wollen wir in die Top Drei. So bekommen wir leichter Einladungen, die wir für jedes Rennen brauchen. Das bringt uns mehr UCI-Punkte und damit näher ans Ziel Pro-Team.

Wie viele Rennen sind für diese Saison geplant?

Hödlmoser: Es wird darauf hinauslaufen, dass internationale Profi-Veranstaltungen am ehestens stattfinden. Wir haben es blockweise geplant. Der Fokus war auf Istrien, dann sind zwei Wochen frei, dann geht es nach Griechenland. Es können gut Renntage zusammenkommen. Für das Team in Summe etwa 50 – Stand jetzt.
Grasmann: Darüber hinaus wird jeder noch zehn bis 15 Rennen individuell fahren, die nicht teammäßig geplant sind.

Einmal fuhr Mikà Heming in Kroatien unter die besten Zehn und sammelte seine ersten UCI-Punkte.

Die Pushbikers sind aber nicht das einzige Kontinental-Team mit ehrgeizigen Zielen?

Hödlmoser: Es ist so, dass viele andere Teams diese Schritte schon gesetzt haben. Wenn einer damit anfängt, schaukelt es sich nach oben. Wir haben mit vier Betreuern aktuell das Minimale. Vor zwei Jahren war es noch so: Hast du drei, bist du voll super.

Also auch eine Frage des Geldes.

Grasmann: Budgetär braucht man für die Pro-Team-Lizenz mindestens drei Millionen Euro. Mit unseren großen und langjährigen Partnern, wie Maloja oder L‘Osteria, sind wir gut aufgestellt und sie stehen voll dahinter. Aber wir müssen ihnen, den Fahrern, dem Personal und allen im Umfeld die Möglichkeit geben, mit zu wachsen und das Vertrauen aufzubauen.
Hödlmoser: Und dann hast du nur die Lizenz, bist eigentlich das Gleiche wie jetzt, nur in einer anderen Liga.
Grasmann: Genau. Für das Ziel musst du in der unteren Liga so viel besser sein als der Durchschnitt, damit du in die nächste kommst und dann wieder der Schlechteste bist. Im Endeffekt läufst du wie ein Skitourengeher, bei dem die Felle falsch rum sind. Du läufst und läufst und für zwei Schritte vorwärts rutschst du einen zurück.

Außerdem bräuchten Sie 20 Fahrer. Welchen Anteil kann daran der Nachwuchs aus dem süddeutschen Raum und vom RSV Irschenberg haben?

Hödlmoser: Das ist eine schöne Vision. Du kämpfst gegen weltweite Konkurrenz, die sich die besten Radsportler holt. Du kannst darauf hinarbeiten, Sportler aus der Region zu entwickeln. Man muss aber auch international denken, um national die Athleten zu entwickeln.
Grasmann: Unsere eigene Nachwuchsförderung ist grundsätzlich immer die Basis gewesen. Man muss auch damit rechnen, dass die Eltern hier nicht sagen: Radlfahren über alles. Da heißt’s: Erst mal die Schule, Radlfahren kannst am Wochenende. Ein Thema, das andere Sportarten aber auch haben.

Mit Laurin von Stetten hat es jetzt aber ein Fahrer aus dem eigenen Nachwuchs ins Team geschafft.

Grasmann: Ich bin superhappy mit Laurin.
Hödlmoser: Stimmt. Wir haben einen Fahrer gebraucht, der von sich behauptet, er ist Bergfahrer. Das ist selten. Laurin ist einer, der die Statur dazu hat, jung ist. Er passt also als Langzeitprojekt super, und er kennt das Ganze schon.
Grasmann: Als Team braucht man einen Bergfahrer, denn der wird dir langfristig die Erfolge bei Rundfahrten einfahren.

Steht die Professionalisierung nicht im Konflikt mit dem Community-Gedanken, den Sie immer wieder betonen?

Hödlmoser: Der Radsport ist eine der fünf Sportarten, die jeder auf der Welt kennt.
Grasmann: Und es ist ein Transportmittel der Zukunft. Radfahren ist ein Lifestyle, eine Leidenschaft und auch für Quereinsteiger die Möglichkeit, Neues zu entdecken.

Wie kommt da der Community-Aspekt zum Tragen?

Grasmann: Wir haben ein breites Netzwerk an regionalen Radsport-Begeisterten, nicht zuletzt auch über den Laden in Holzkirchen. Und dann gilt es für die Pushbikers im Rahmen unseres Vereins, den Nachwuchs für den Sport begeistern. Der Zulauf im Verein ist schon extrem: Wir haben jetzt über 100 Kinder – mit Lizenz.

So entspannt wie im Holzkirchner Shop waren Christian Grasmann (l.) und Rupert Hödlmoser in den vergangenen Monaten nicht immer.

Und davon soll ein Teil für das Team abfallen?

Grasmann: Wenn bei uns zwei ankommen, dann hat der Lichti (Nachwuchstrainer Christian Lichtenberg, d. Red.) alles richtig gemacht.
Hödlmoser: Aber es ist auch so super. Die Kinder haben einen Zugang zum Radlfahren gehabt und werden irgendwann wieder zurückkommen. Sportler haben gute Voraussetzungen, können zum Beispiel ein Firmenchef – oder Redakteur (schmunzelt) – werden und den Gedanken weitertragen.
Grasmann: Dann ist auch die Freizeitradler-Thematik angesprochen. Als Sportler kann man noch andere Dinge lernen: Sicherheit auf der Straße und im Umgang mit den Wegen, Verantwortung und Respekt. Dann hast du auch wieder die Öffnung, dass die Eltern sagen, ihre Kinder sind auf der Straße sicher.
Hödlmoser: Außerdem sind der Radsport und die Rennen für mich das wahre Leben in Extremen. Du hast komprimiert auf zwei Wochen alles, was du in deinem Leben haben wirst. Du hast Extremsituationen und im Umkehrschluss Freundschaften und Gruppen, die zusammenarbeiten. Irgendwann erreicht man mehr Leute damit.
Grasmann: Und wie nahbar Radsport ist. Im Fußball kommst du an keinen Sportler im Pro-Bereich ran. Bei uns stellt der Seb (Team-Mechaniker Sebastian Wilson, d. Red.) genauso Räder für Kunden ein, nicht nur für die Rennfahrer.

Haben Sie trotz Corona Aktionen in Planung?

Grasmann: Wir haben letztes Jahr das Projekt „Ride our Routes“ angefangen, in Zusammenarbeit mit den ausgewählten Cafés im Landkreis. Ziel ist es, die schönsten Routen abseits großer Straßen zu teilen. Das weiten wir mit unserem Partner, der Molkerei Berchtesgadener Land, in die Landkreise Traunstein und Berchtesgaden aus. In dieser Zeit ist das superwichtig, die Betriebe zu unterstützen. An diesem Freitag findet die Auftakt-Aktion mit dem Wiggerl 17 in Traunstein statt, bei der unsere Fahrer den Lieferdienst übernehmen und so Spenden für die sozialen Förderprogramme der Stiftung Laureus Sport for Good generieren. Außerdem haben wir unsere Frauen-Mannschaft, die Fems wieder aktiviert.

Gutes Stichwort. Gerade im Nachwuchs haben Sie viele erfolgreiche Frauen. Welche Chancen haben die bei Ihnen?

Grasmann: Als Profis wäre der direkte Einstieg nur im Mountainbike-Team möglich, das ist zweigeteilt: drei Mädels, drei Jungs. Momentan sind unsere jungen Kaderathletinnen auf der Bahn und der Straße aktiv. Für die Bahn tun wir uns mittlerweile extrem schwer, weil man eine komplett neue Infrastruktur aufstellen müsste. Auf der anderen Seite sind sie mit der Nationalmannschaft unterwegs. Das heißt, da haben wir keinen Einfluss, da können wir nicht reinpfuschen. Da würde die Leistung rapide nach unten gehen. Von daher ist die Kaderstruktur das, was unsere jungen Frauen im Moment trägt.

Wäre ein Damen-Team auf Sicht denkbar?

Grasmann: Ein Problem beim Radsport ist: Wir haben einmal eine Vereinsstruktur und dann haben wir eine Profistruktur. Heißt: Eigentlich haben wir Fußball und Biathlon in einem Verband. Es gibt halt nur diese Spitze ganz oben – und drunter ganz wenig. Das macht es so schwer, in diesen Disziplinen eine Mannschaft zu formen, weil es zu wenig Rennen gibt.
Hödlmoser: Das fängt auch erst ein Level höher an. Ab Pro-Team gibt es Teams, die Männer- und Frauen-Mannschaften haben. Das wäre dann wieder Profi-Bereich, wo die Frauen auch ihre Rennen haben. Es ist super, dass die Fems bei uns ein Team etabliert haben. Und was sich in weiterer Folge daraus ergeben kann: Sag niemals nie. Der Fokus liegt erst einmal auf der Entwicklung der Fahrerinnen.

Zum Abschluss: Herr Grasmann, wie steht es um den Traum einer Bahn in Irschenberg?

Grasmann: Der ist für den Moment vertagt. Der Fokus liegt derzeit ganz wo anders.

Aber endgültig begraben ist er nicht?

Grasmann: Nein. Auf gar keinen Fall!

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