Dem SC Wall treu verbunden ist Hansi Estner bis heute. Bei den Fußballern ist er noch immer der erfolgreichste Torschütze aller Zeiten.
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Dem SC Wall treu verbunden ist Hansi Estner bis heute. Bei den Fußballern ist er noch immer der erfolgreichste Torschütze aller Zeiten.

Hansi Estner holte einst erste Staffel-Medaille westdeutscher Biathleten

Hansi Estner wird 70: Ein Waller, der deutsche Sportgeschichte schrieb

  • vonHans-Peter Koller
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Auch mit 70 Jahren wird Hans Estner noch immer Hansi gerufen. Mit diesem Kosenamen sind auch seine großen sportlichen Erfolge beim SC Wall und für den deutschen Biathlon-Sport verbunden.

Wall – „Ois Guade, Hansi“. Der Gratulationsspruch zum Geburtstag weist anhand des Kosenamens eher auf ein Kind hin. Am heutigen Tag aber ist damit ein gestandener Siebziger gemeint. Hansi Estner aus Wall feiert einen Runden. Der Olympiamedaillen-Gewinner von Lake Pacid aus dem Jahr 1980 kann pandemiebedingt nur einen kleinen Kreis um sich scharen. Den Sohn, die beiden Enkel und die Frau.

Das war’s dann auch schon. Aber er hadert nicht. Der ehemalige Biathlon-Vorzeigeathlet geht seinen Ehrentag mit einem Blick für das Wesentliche und für das Mögliche an. Aber diese Einstellung hatte Estner schon seit jeher und in allen Lebenslagen.

„Aufs Alter gesehen bin ich echt zufrieden“, erklärt der rüstige Senior zu seinem Gesundheitszustand. Ein Kreuzbandriss, den er sich beim Fußball zugezogen hatte, zwickt ab und an. Aber das war‘s dann auch. Und wenn die Sprache auf den Fußball kommt, dann mehrt sich der Glanz in seinen Augen. Kicken beim und für den SC Wall. Mit unerreichten 376 Treffern ist er bis heute Rekord-Torschütze des Vereins. Erst mit 53 Lenzen beendete Estner seine aktive Karriere.

Estner ein Spätstarter

Der Begriff Karriere allerdings trifft bei ihm für eine Sportart zu, die mit der Lederkugel so gar nichts gemein hat. Es ist Biathlon. Die Faszination aus Ausdauersport in der Loipe und Präzision mit dem Gewehr. „Maßgeblich beteiligt war der Sepp Kuhn“, erinnert sich Estner an den ersten Wegbereiter. Kuhn, seines Zeichens Fußballtrainer in Wall, schickte seine Burschen in den Wintermonaten in die Loipe, um sie fit zu halten. Hansi Estner und sein Cousin Sepp Estner aber hatten keine Langlauf-, sondern nur Alpinskier. Da galt es erst einmal, Abhilfe zu schaffen.

Sein Talent in der Loipe und viel mehr noch der Wille, permanent die Leistungsgrenze anzusteuern, verhalfen Estner zu einem Platz beim Skizug in Mittenwald, der späteren Sportfördergruppe der Bundeswehr. In einem Zimmer mit Franz Keller. Die Eisschnellauf-Legende war es, die den Waller dazu überredete, nicht nur in der Loipe, sondern auch am Schießstand zu trainieren. „Ich war ein Spätstarter“, erinnert Estner, dass er bei seinem ersten großen Rennen bereits 20 war. Nominiert für die englische Militärmeisterschaft in Scharnitz holte er gleich den Titel. Fortan ging es mit der Biathlon- Karriere von Estner steil bergan.

Estner: „Wir waren die Könige“

1973 in die Nationalmannschaft berufen, erkämpfte er drei Winter darauf den Deutschen Meistertitel mit der Staffel und die Vizemeisterschaft im Einzelsprint. Für die Olympischen Spiele 1976 war Estner damit im engsten Kreis. Im finalen Ausscheidungsrennen für einen Startplatz in Innsbruck aber war er krank. Er lief trotzdem und ging über seine Leistungsgrenze hinaus. Im Ziel brach Estner bewusstlos zusammen, kam mit dem Sanka ins Krankenhaus – Quali gescheitert. „Ich war tief enttäuscht und wollte mit dem Leistungssport aufhören“, erklärt der damals 25-Jährige, „aber Trainer und Kollegen haben mir gut zugeredet. Dann blieb ich halt bei der Stange.“

Vom damaligen Vorsitzenden Hans Stumböck erhielt Estner nach seinem Olympia-Erfolg ein Porträt samt Medaille. 

Der Erfolg gab ihm Recht. 1977, bei der Weltmeisterschaft in Lillehammer, eroberte der Waller einen vierten Rang in der von Russen und Athleten des damaligen Ostblocks dominierten Sportart. Ein sensationelles Resultat. Die beste Platzierung eines Mittel-Europäers seit den Aufzeichnungen ab dem Jahr 1928. In Lillehammer waren erstmals die Papierscheiben und Luftballons durch die heute üblichen Klappscheiben ersetzt worden. Bei der WM 1978 in Hochfilzen erkämpfte Estner mit der Staffel Platz drei. Im noch um fünf Bundesländer kleineren Deutschland ein Spitzenresultat.

Dauerhaft erfolgreich wurde der damals 29-Jährige ins Olympia-Team für Lake Pacid berufen und hier in der Staffel aufgestellt. Und auch wenn der Startläufer Franz Bernreiter nur als 13. übergab, lief Estner, als ginge es um sein Leben. Im Schießen fehlerfrei und mit einem Loipenauftritt, der ihm später den Journalistenpreis für die größte kämpferische Leistung einbrachte, klopfte er als Siebter ab. Peter Angerer verbesserte das Team auf Rang drei, und der Schlussläufer Gerd Winkler hielt die auch von den größten Optimisten nie erträumte Bronze-Medaille fest. „Wir waren die Könige. Die erste westdeutsche Olympia-Medaille im Biathlon“, erinnert Estner an Auftritte im Aktuellen Sportstudio, bei Blickpunkt Sport und der Übergabe des Silbernen Lorbeerblattes durch den Bundespräsidenten Carl Karstens. Aber auch in seiner Heimatgemeinde wurde mächtig gefeiert. Für Estner die emotionalste Ehrung.

Estner steht noch immer regelmäßig in seinem Sportgeschäft

Die Autogrammkarte nach den Winterspielen.

Trotz all dieser Superlative legte der Waller nur ein Jahr später Gewehr und Langlauflatten beiseite. Mit nur 30 Jahren beendete er seine Karriere. Der Verband wollte ihn nicht ziehen lassen und trug ihm den Job des Bundetrainers an. Die drei Jahre Sportschule für die A-Lizenz aber ersparte er sich. „Was hätte denn ein Waller in Köln gemacht“, witzelt Estner. Er hatte gerade gebaut, die Frau viel zu lange allein gelassen und den dreijährigen Sohn viel zu selten gesehen. „Biathlon hat mir viel gegeben. Ich habe die ganze Welt gesehen“, fasst der Waller seine Karriere zusammen.

Dank seiner Karriere kann Estner viele Geschichten erzählen. 33 Stunden Anfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn zu einem Rennen. Veranstaltungen in Japan, den USA, Skandinavien und Russland und von Alexander Tichonow, dem seinerzeit weltbesten Biathleten. „Der Tiganov war a wuida Hund. Und sauffn hod der kinna“, erinnert sich Estner. Dass Tiganov mit bürgerlichem Namen Tichonow heißt, geht in den Erzählungen unter.

Dem Leistungssport abgewandt, eröffnete der Waller in Bad Wiessee ein Sportgeschäft, in dem er knapp vier Jahrzehnte später noch immer regelmäßig anzutreffen ist. Viele, die ihn dort besuchen, sprechen ihn mit Hansi an. Auch bei einem 70-Jährigen kein Stilbruch. Denn als Hansi hat die ganze Region Estner kennen und schätzen gelernt.

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