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Was für eine Kulisse: Andreas Estner steht mit seinem Formel 4-Renner in der Startaufstellung auf dem Hockenheimring. Keine Stunde vorher ist hier noch die Formel 1 gefahren.

Formel 4 am Hockenheimring

Wenn Rennfahrer zu Fans werden: Estner-Brüder schnuppern Formel 1-Luft

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Was für ein Wochenende: Beim Formel 4-Rennen auf dem Hockenheimring sind die Estner-Brüder aus Wall ihren Vorbildern aus der Formel 1 ganz nahe gekommen. Wir waren mit dabei.

Wall/Hockenheim – Keine Stunde ist es her, dass Sebastian Vettel unter dem Jubel der Fans am Hockenheimring mit seinem Ferrari auf die Pole Position gerast ist. Noch sind die Formel 1-Boliden in der Boxengasse nicht ganz abgekühlt, da stehen schon Andreas und Sebastian Estner in ihren Formel 4-Rennern in der Startaufstellung. Mit Platz 19 und 17 zwar nicht so weit vorne wie erhofft, aber das ist an diesem Wochenende eigentlich zweitrangig.

Denn so nah dran an den Stars der Formel 1 waren die beiden Nachwuchsfahrer aus Wall noch nie. Erstmals fahren sie mit der ADAC Formel 4 im Rahmenprogramm der Königsklasse – ein einmaliges Erlebnis für die rennsportverrückten Brüder. Das weiß auch Mama Margarete. Freudig strahlend beugt sie sich über ihre in den engen Cockpits festgezurrten Söhne. „Viel Spaß“, flüstert sie ihnen zu. Dann heulen die Motoren auf, die Helmvisiere gehen nach unten – das erste Rennen vor den auch am Spätnachmittag noch gut besetzten Tribünen startet.

Im Fahrerlager geht es derweil ungewohnt ruhig zu. Normalerweise würden sich die Fans an den Pavillons für Autos und Mechaniker regelrecht vorbeischieben, erzählt Papa Franz Estner. Wegen der Formel 1 ist alles anders. Ohne Sicherheitsausweis kommt man nicht weit, Zuschauer haben keinen Zutritt zum Paddock-Bereich, nicht mal zu dem der Rahmenserien Formel 4, Porsche Supercup und BOSS GP. Die „heiligen Hallen“ der Formel 1 bleiben sogar für die Nachwuchsfahrer selbst verschlossen. Sie dürfen nur während ihrer eigenen Rennen in die Boxengasse. Hier wird sie also hautnah spürbar, die elitäre Seite der Königsklasse des Motorsports.

Vorfreude: Andreas (l.) und Sebastian (r.) Estner mit Merkur-Redakteur Sebastian Grauvogl.

Zeit für Selfies haben die Estners aber eh nicht. Sie sind zum Rennfahren da. Schon in den beiden Qualifyings am Samstagmorgen wird den Brüdern ihr ganzes Können abverlangt. Ein Regenschauer setzt die Spitzkehre unter Wasser, der Rest der Strecke bleibt fast trocken. Der Reifenpoker beginnt. Andreas Estner schafft es auf Rang zwölf, wird aber wegen eines Teileaustauschs an seinem Wagen von der Rennleitung auf Startplatz 19 zurückversetzt. Sebastian Estner rückt dafür am „grünen Tisch“ von 21 auf 17 vor. Für das zweite Rennen am Sonntagmorgen stellen die Brüder ihre Autos auf die Startplätze 14 (Andreas) und 18 (Sebastian).

Vor allem Andreas hatte sich für seine dritte Saison deutlich mehr vorgenommen (wir berichteten), doch die Technik seines Wagens bremst ihn immer wieder aus. „Er hat oft kein Vertrauen ins Auto“, sagt Margarete Estner, als sie ihre auf feuchter Strecke driftenden Jungs von der Tribüne aus beobachtet. Immerhin kommen sie am Hockenheimring in beiden, jeweils 17 Runden langen Rennen ins Ziel.

Die Überholbilanz am Samstagabend fällt für Andreas Estner positiv aus. Er kassiert drei Konkurrenten, sieht damit als 16. die schwarz-weiß-karierte Flagge. Während die Mechaniker die Sektorenzeiten zur Analyse in den Laptop tippen, geht Andreas mit seinem Fahrercoach Paul Spooner die Videoaufnahmen aus dem Cockpit durch. Der Profi erklärt Estner auf Englisch und mit den Händen, wie er den Windschatten seines Gegners länger ausnutzen und erst in letzter Sekunde wie durch einen Katapulteffekt an ihm vorbeiziehen kann.

Wirklich anwenden kann Andreas Estner die Tricks im zweiten Rennen am Sonntagmorgen nicht. Er kommt auf seinem Startplatz 14 ins Ziel. Dafür lässt diesmal sein jüngerer Bruder sein Können als Neueinsteiger in die Serie aufblitzen und fährt von Rang 18 auf 15 nach vorn.

Als die beiden Jungs aus ihren Autos raus sind, legen sie schnell den Schalter um. Vom Rennfahrer zum Fan. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, die Boxengaragen von Vettel, Lewis Hamilton und Co. aus nächster Nähe zu begutachten. Den Formel 1-Grand Prix verfolgen die beiden Nachwuchsfahrer von der Tribüne aus. Just in der Kurve, in der Vettel seinen Ferrari in Führung liegend in Runde 52 auf feuchter Strecke im Kiesbett versenkt.

Daheim vor dem Fernseher, meint Andreas Estner, wäre er richtig traurig gewesen über den Ausfall des Ferrari-Stars. Auf der Tribüne sieht das anders aus. Hier ist Vettels unfreiwilliges Parkmanöver die große Chance für den 18-Jährigen, dem vierfachen Weltmeister so richtig nahe zu sein. Estner beobachtet nicht nur, wie Vettels kaputter Rennwagen ein paar Armlängen von ihm entfernt auf den Abschlepptruck verladen wird, sondern auch, wie der gescheiterte Held mit hängendem Kopf an ihm vorbei zurück ins Fahrerlager stapft. Und plötzlich wird sie ganz menschlich, die sonst so professionelle Formel 1.

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