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Plötzlich ein Team: Statt gegeneinander legten (v.l.) Hannes Hinterseer und Joey Kelly die letzten Etappen der Challenge gemeinsam zurück. 

„Ich gebe erst auf, wenn etwas bricht“

Hinterseer von Joey Kelly Survival Challenge zurück

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860 Kilometer von der Ostsee bis zur Zugspitze: Hannes Hinterseer aus Schliersee hat die Joey Kelly Survival Challenge gemeistert.

Schliersee – Mit Tränen in den Augen lagen sich Joey Kelly (44) und Hannes Hinterseer (23) in den Armen, nachdem sie nach rund 860 Kilometern Fußmarsch das Gipfelkreuz der Zugspitze erreicht hatten. Zehn Teilnehmer waren zwei Wochen zuvor in Warnemünde an der Ostsee an den Start gegangen, nur drei schafften es ins knapp 3000 Meter hoch gelegene Ziel. Die wohl härteste Joey Kelly Survival Challenge aller Zeiten.

Die vorherige Ausgabe fand in Tansania statt, über 301 Kilometer – darauf hatte sich der Triathlet aus Schliersee eingestellt (wir berichteten). „Die haben uns komplett verarscht“, sagt der 23-Jährige und lacht. Denn vom Treffpunkt am Berliner Flughafen ging es für die Teilnehmer – allesamt Langstreckenläufer und Langdistanz-Triathleten – nicht wie erwartet nach Ostafrika, sondern mit dem Bus an die Ostsee. Erst in Warnemünde verkündete Kelly das Ziel und die Regeln: Gegessen werden darf nur, was eigenhändig in Mülleimern oder in der Natur gefunden wird, Wasser darf untereinander geteilt und beispielsweise von Passanten angenommen werden. „Da wusste ich schon, dass die Energieversorgung entscheidend sein wird“, sagt Hinterseer.

Damit hatte der Schlierseer zumindest anfangs keine Schwierigkeiten: Jedes Mal, wenn der Tross einen Supermarkt passierte, sprintete er los und durchwühlte die Mülltonnen. „Ich hab’ tütenweise Spekulatius erbeutet“, erzählt Hinterseer. Der Magen war vorerst versorgt.

Probleme bereiteten dagegen schon am ersten Tag Knie und Hüfte – denn statt zu laufen, marschierte die Gruppe nur. Neuland für Hinterseer. „Jeder Schritt hat wehgetan.“ Und erste Zweifel kamen auf: Macht das Sinn? Ist das gesundheitlich vertretbar? Er rang seine Skepsis nieder. „Ich habe mir gesagt: Ich gebe erst auf, wenn was bricht. Sieg oder Blaulicht.“

Als abenteuerlich erwiesen sich vor allem die Nächte. Nach Etappen über zum Teil 90 Kilometer übernachteten die Extremsportler an Seen, in Kellern alter Gebäude, auf einem Schiff und einmal sogar in einem alten Eisenbahnwaggon, auf den sie im Wald gestoßen waren. Jedoch maximal für vier, meistens ein bis zwei Stunden. Entschieden zu wenig Schlaf für die Regeneration. „Das war extrem kräftezehrend.“

Die wohl angenehmste Nacht verbrachten Hinterseer und Co. in einem Kinderheim. „Die haben uns sofort aufgenommen, uns Schlafplätze hergerichtet und unsere Blasen und Mückenstiche versorgt.“ Auch deswegen will er sich revanchieren und einen Teil des Preisgeldes – die 10 000 Euro werden wohl zwischen den drei Finishern aufgeteilt – spenden. „30 Kindern ein Lächeln auf die Lippen zaubern, was will man mehr?“

Dass bestenfalls drei Teilnehmer gemeinsam mit Kelly die Zugspitze erreichen würden, zeichnete sich schon etwa ab der Hälfte ab. Kurz vor der nördlichen Grenze Bayerns hatten bereits sieben Sportler aufgegeben: „Wegen Blasen, muskulärer Probleme oder einfach, weil sie sich zu schade waren, im Müll zu wühlen“, erzählt Hinterseer, der just dabei erwischt wurde. Ein beleibter Mann in Unterhose sei aus dem Haus gekommen, um an seiner Mülltonne nach dem Rechten zu sehen. „Joey hat dann gesagt: Geh’ wieder rein, der Junge hat Hunger.“

Den Musiker der Kelly Family hat Hinterseer als extrem bodenständig und zurückhaltend erlebt – trotz dessen Prominenz. „Er hat mir viele Tipps zu Sponsorensuche und Vermarktung gegeben“, erzählt Hinterseer. „Wir stehen noch immer in Kontakt.“

Kein Wunder, schließlich haben gerade die letzten Etappen enorm zusammengeschweißt. „Wir waren plötzlich ein Team.“ Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Und leiden ist das richtige Stichwort: Als die Vierer-Gruppe nach einem 22-stündigen 90-Kilometer-Marsch München erreicht hatte, stand mit nur drei Stunden Schlaf im Gepäck ein Marathon nach Garmisch-Partenkirchen an. Anstrengend genug. Zumal die Nahrungssuche im Müll mittlerweile verboten worden war. Hinterseer verlor allein in den letzten fünf Tagen zehn Kilo Körpergewicht. Nach einer nur einstündigen Schlaf-Pause im Vorraum einer Bankfiliale hieß es: Hoch auf die Zugspitze. „Da hab’ ich mich komischerweise zum ersten Mal in den zwei Wochen richtig gut gefühlt. Endlich wieder daheim in den Bergen.“

Nicht nur optisch, sondern auch charakterlich hat die Survival Challenge den Schlierseer geprägt: „Man weiß plötzlich alles viel mehr zu schätzen. Das warme Bett, die Dusche, das Essen im Kühlschrank.“ Hinterseer ist stolz auf diese Erinnerungen, von denen er sein Leben lang zehren kann. Und auch für seine sportliche Zukunft hat er etwas gelernt: „Alles ist Kopfsache.“

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