1 von 3
Jubiläums-Interview in der Merkur-Sportredaktion in Miesbach: Christian Grasmann kommt natürlich mit dem Rad. Und ist zwölf Minuten zu früh da. Erster, gewissermaßen Berufskrankheit.
2 von 3
Damit fing alles an: Mit diesem braunen Trikot wollte die Gruppe um Christian Grasmann für den RSV Götting-Bruckmühl fahren. Der Verein lehnte ab – man trennte sich. Heute fährt Grasmanns Team in Indigo-Blau.
3 von 3
Das Team zählt: Die Maloja Pushbikers haben sich international einen Namen gemacht. Das Erscheinungsbild als Einheit ist Teil des Erfolgs.

Interview zum zehnjährigen Bestehen des RSV Irschenberg

Pushbikers-Chef Grasmann: „Wir wollen Radsport anders machen“

  • schließen

Es ist eine beeindruckende Bilanz. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Radsportler des RSV Irschenberg in der Spitze der internationalen Radsport-Szene etabliert.

Die ersten Erfolge fuhren die Radprofis unter dem Namen Rudy Project Racing Team ein, nun sind sie als Maloja Pushbikers unterwegs. Am morgigen Freitag feiert der Verein sein Jubiläum. Zehn Jahre ist es her, dass Christian Grasmann, 36, den RSV Irschenberg gegründet hat. Wir baten den Vereinsvorsitzenden und Teamchef zum Gespräch.

Herr Grasmann, Kompliment, Sie haben viel geschafft. Vor zehn Jahren wurde der RSV Irschenberg erst gegründet. Und heute gehört sein Profi-Team, die Maloja Pushbikers, als fester Bestandteil zum internationen Radsport.

Ja, wir haben einiges erreicht. Wir sind als Profi-Team sehr erfolgreich, haben uns aber auch als RSV kontinuierlich weiterentwickelt. Am Anfang hatten wir gerade mal zehn Mitglieder, heute sind es über 300. Unser Nachwuchs, der uns sehr am Herzen liegt, ist unterwegs mit dem Landesverband und nimmt an Wettkämpfen teil. Beide Bereiche haben schöne Erfolge.

Wie fing alles an vor zehn Jahren?

Genau genommen mit einem Trikot. Ich bin damals beim RSV Götting-Bruckmühl gefahren, die eine ziemlich starke Truppe hatten. Ralph Denk (mehrfacher Bayerischer Meister; Anmerkung der Redaktion) fuhr damals dort und einige andere gute Fahrer. Dann brach die Mannschaft auseinander, und wir, der Rest, wollten einen Neustart, mit neuen Sponsoren. Die erste Idee war ein neues Trikot. Das haben wir entworfen. In Braun, etwas peppiger als bisher. Aber der Vorstand hat die Farbe abgelehnt: „Wir sind doch keine Mountainbiker“, hieß es. Dann habe ich ihnen ein Ultimatum gestellt: Entweder dieses Trikot oder wir gehen. Zu einem anderen Verein. Oder wir gründen unseren eigenen.

Es blieb beim Nein?

Es blieb beim Nein, und wir gründeten den RSV Irschenberg. Das war am 13. April 2007. Ich habe damals in Irschenberg gewohnt. Dort war auch unser erstes Lager. Die Gemeinde hat uns mit offenen Armen aufgenommen – auch weil man sich ein eigenes Radrennen gewünscht hat: den Grand Prix Irschenberg. Bürgermeister Hans Schönauer ist ebenfalls Gründungsmitglied. Der Grand Prix startete im September 2007. In das Rennen haben wir viel Herzblut reingesteckt. Es war ziemlich groß.

Warum diese Konfrontationsbereitschaft? Nur wegen eines Trikots?

Wir wollten anders sein. Radsport anders machen. Damit kamen wir aber nicht durch.

Wie ging es weiter?

Der RSV hat unsere Profi-Lizenz beantragt, die wir am 1. Januar 2008 bekommen haben. Um an großen Sechstagerennen teilzunehmen, haben wir auch Fahrer gebraucht. Also habe ich mit ein paar Bahnfahrern geredet. Leif Lampater war einer der ersten, Benjamin Edmüller kam dazu. Das Thema war auch hier: Wir machen Radsport, wie wir es uns vorstellen. Wir machen unser Ding. Inklusive einer guten Nachwuchsarbeit.

Wie sieht die aus?

Kurz gesagt, wollen wir Wettkampfsportler ausbilden. Das ist unsere Stärke, weil wir dafür auch die Möglichkeiten haben. Und weil wir unseren eigenen Nachwuchs für das Profi-Team ausbilden wollen. Einer, der es schon geschafft hat, ist Ludwig Bichler. Er gehört seit diesem Jahr zu den Pushbikern, ist aber zuvor jahrelang bei unseren Future Stars gefahren. Mit neun Jahren war er einer der ersten im Mountainbike-Training.

Wie sieht die Idee aus, es anders zu machen?

Die Idee ist, dass alle gleich auftreten, um auch als Gemeinschaft erkannt zu werden. Das ist die richtige Lösung, um auch Glaubwürdigkeit bei Sponsoren zu bekommen. So wird das Produkt gesehen. Es geht aber auch um die soziale Seite: Bei allem, was das Profi-Team verdient, muss immer etwas für den ideellen Bereich abfallen, also für den Verein und damit für den Nachwuchs.

Stellen sich dabei Sponsoren quer?

Nein, der soziale Hintergrund beim Sponsoring ist ja selbsterklärend. Wir machen das für den Nachwuchs, weil es ohne konkurrenzfähiges Material nicht geht. Unsere jungen Fahrer bekommen das Material, das nicht am Körper getragen wird, geliehen. Das hat einen Erziehungseffekt: Nicht alles ist selbstverständlich. Auch die technische Ausbildung – Schaltung einstellen, Reifen wechseln – gehört bei uns zum Pflichtprogramm. Aber am Anfang steht der Spaß.

Waren Sie schon immer Radl-verrückt?

Nein, auf dem Rad bin ich ein Quereinsteiger. Ich habe erst mit 19 Jahren angefangen, bei Rennen mitzumachen. Zuvor bin ich Ski gefahren.

Und was wären Sie heute beruflich, wenn es nicht als Rad-Profi geklappt hätte?

Von Beruf bin ich Logistiker. Das merkt man – wie ich zugeben muss – auch heute noch: Alles hat seinen Platz. Mein Talent ist das Organisieren. Das hilft ganz gut. Und ich mache auch heute noch Drei- und Fünf-Jahres-Pläne.

Das ist aber schwierig, wenn man eigentlich nur von Saison zu Saison schauen kann, oder?

Das gilt für uns weniger. Ich mache keine Jahresverträge. Die Fahrer sollen lange bei uns bleiben. Es geht ja auch um Wissen und Erfahrung, die erworben werden und erhalten bleiben sollen.

Sie sind Vorsitzender des Vereins RSV und Kapitän des Profi-Teams. Sie leben den Radsport. Wie sehr ist das die Christian-Grasmann-Show?

Ehrlich gesagt: gar nicht. Mir geht es nicht darum, dass mein Name überall dran steht. Ich übernehme Aufgaben, weil ich sie machen kann. Den Verein habe ich nicht alleine gegründet, aber ich kann gut organisieren und habe ein gutes Netzwerk. Für den Rest haben wir gute Leute. Und natürlich freue ich mich über meine Siege, aber vor allem macht es mich stolz zu sehen, was unsere Fahrer schaffen. Das treibt mich an. Dafür stehe ich gerne auch mit meinen Namen und als Aushängeschild im Kontakt mit Sponsoren und Veranstaltern.

Wie viel Irschenberg steckt heute noch im RSV?

Zugegeben: nicht mehr so viel, wie es wünschenswert wäre. Das liegt daran, dass alles gewachsen ist. Irgendwann war das Lager zu klein – dann sind wir nach Holzkirchen umgezogen. Wir haben kein Vereinsheim, keinen Bezugspunkt am Ort, der auf uns hinweist. Das ist schade, weil dadurch etwas verloren geht. Aber das soll sich ändern.

Wie denn?

Wir planen eine kleine Trainingsstrecke in Irschenberg neben der Kaffeerösterei Dinzler, die ja unser Sponsor ist. Die Idee ist, eine einfache Bahn mit zwei Rampen anzulegen – für unseren Verein zum Üben, aber auch für alle anderen, die sich mit dem Rad ausprobieren wollen. Ich kenne Matthias und Franz Richter (die Inhaberfamilie, Anmerkung der Red.) seit fast 20 Jahren. Matthias und ich waren Teamkollegen in Götting. Ich habe beiden auch vorgeschlagen, mit ihrer Rösterei nach Irschenberg zu ziehen. Wir wollen hier im Kleinen den Radsport etwas aufbauen – wir denken aber an kein großes Bauprojekt.

Wäre vielleicht auch etwas vermessen in Nachbarschaft zum FC-Bayern-Fanshop. Fußball ist ja extrem dominant.

Wir Pushbiker haben aber auch so etwas wie das FC-Bayern-Flair. Unser Sport ist cool. Das kommt bei der Jugend an. Die Fahrer sind Menschen, die das machen, was sie lieben. Die ein Leben leben, wie es ihnen gefällt. Für die Jugend ist es wichtig, zu jemandem hochzuschauen. Wir sind zwar keine Tour-Fahrer, aber die Erfolge kommen. Auch die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, wird größer. Vor allem nach unseren Siegen bei der Revolution-Serie in England, die im Fernsehen auf Eurosport übertragen werden.

Weil Sie die Tour de France ansprechen: Wie geht es dem Radsport derzeit? Immer noch Imageprobleme?

Es geht wieder – nach einer langen Zeit, in der Eltern Angst hatten vor Doping und unlauteren Methoden. Für uns ist das eh kein Thema: Wir distanzieren uns klar vom Doping. Das ist Vertragsbestandteil mit den Fahrern und auch mit unseren Sponsoren. Ein Zuwiderhandeln können wir uns nicht leisten. Und das wollen wir auch nicht.

Zumal es ja auch Wichtigeres als Radsport gibt. Sie sind Anfang des Jahres zum ersten Mal Vater geworden. Ein Bub. Sieht der seinen Papa gelegentlich?

Ja, obwohl es teilweise schwierig ist. Ich bin Radprofi und viel unterwegs. Aber ich möchte kürzer treten, nicht mehr jedes Rennen fahren. Ein Kind ist eine unglaubliche Erfahrung. Mein größter Erfolg, neben den Pushbikern.

ddy

Zur Person

Christian Grasmann wurde am 16. März 1981 in München geboren und wuchs in Holzkirchen auf. 2010 errang er erstmals einen deutschen Meistertitel: Gemeinsam mit Leif Lampater gewann er das Zweier-Mannschaftsfahren. Fünf Jahre später wiederholte er diesen Erfolg mit Stefan Schäfer. Er gewann die Sechstagerennen in Bremen (2016) und Rotterdam (2017) und wurde zweimal Gesamtsieger der Revolution Cycling Series 2013/14 und 2014/15.

Die Jubiläumsfeier

findet am Freitag, 14. Juli, am Stützpunkt in Holzkirchen, Rosenheimer Straße 27, statt. Beginn ist um 18 Uhr. Gemeinsam mit Freunden und Unterstützern wird gegrillt. Als Kleiderordnung wird ein altes (RSV-)Trikot gewünscht. Der Verein bittet die Gäste zudem, Gläser, Teller, Besteck, Salat oder Nachspeise fürs Büfett selbst mitzubringen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare