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Traurige Corona-Nachricht: Winter-Tollwood abgesagt - obwohl es kurz zuvor noch Hoffnung gab

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Weltmeisterin: Rennrodlerin Natalie Geisenberger (M.) jubelt mit der Zweiten Julia Taubitz (l.), und Bronzemedaillen-Gewinnerin Emily Sweeney (USA).
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Weltmeisterin: Rennrodlerin Natalie Geisenberger (M.) jubelt mit der Zweiten Julia Taubitz (l.), und Bronzemedaillen-Gewinnerin Emily Sweeney (USA).

Geisenberger bald zurück im Eiskanal: Interview über Mamasein, Motivation und Olympia ’22

„Ich hoffe, ich hab’ das Rodeln nicht verlernt“

  • Hanna Raif
    vonHanna Raif
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Nach einem Winter Schwangerschafts- und Babypause will Weltklasserodlerin Natalie Geisenberger aus Miesbach in diesem Winter wieder voll angreifen.

München – Leise ist es im Hintergrund, von Leo nichts zu hören. „Meine Mutter passt auf“, sagt Natalie Geisenberger. Die 32-Jährige hat Beruf und Privatleben bestens organisiert, als Leistungssportlerin und Mama. Bisher klappt das so gut, dass sie zum Start der Rodel-Saison konkurrenzfähig sein kann und will. Das Ziel bleibt Olympia 2022, wie die neunmalige Weltmeisterin im Interview erzählt.

Frau Geisenberger, wie ist das Leben in zwei Rollen?

Ich trenne es gerne, aber es geht schon auch zusammen. Grundsätzlich bin ich jetzt erst mal: sehr glückliche Mama. Der kleine Leo ist unser größtes Geschenk. Wenn ich Training habe, ist immer jemand da, der auf Leo aufpasst. Meistens mein Vater oder mein Mann. Weil ich natürlich die Aufmerksamkeit und Konzentration aufs Training richten muss. Wenn Leo aber schreit und ich merke, dass er mich braucht, unterbreche ich das Training und bin für ihn da. Das ist für mich das Allerwichtigste.

Ihr Sohn ist erst fünf Monate alt – und Sie voll im Training. Wann haben Sie wieder angefangen?

Zwei Wochen nach der Geburt habe ich angefangen, mich wieder öfter zu bewegen, längere Spaziergänge zum Beispiel. Fünf, sechs Wochen danach ist aus der Bewegung Sport geworden. Acht Wochen nach der Geburt würde ich es wieder Leistungssport nennen, mit systematischem Training. Am Anfang habe ich teilweise eine „Watschn“ bekommen, da hab ich zu früh zu viel gemacht und mein Körper hat mir das deutlich gezeigt. Ich musste lernen, auf meinen Körper zu hören. Mittlerweile kann ich mein Training komplett durchziehen.

Das heißt?

Ich komme auf acht Einheiten in der Woche, teilweise sogar auf zehn. Das Allermeiste findet zu Hause statt. Ich habe hier mittlerweile fast alles, auch einen kleinen Kraftraum. Für die technischen Einheiten – vor allem den Start – fahre ich nach Berchtesgaden. Allerdings trainiere ich dort selten mit der Trainingsgruppe, sondern gemeinsam mit Dajana (Eitberger/d.Red.), die ja auch erst Mama geworden ist.

„Ich will zu Olympia. Nicht trotz Kind. Sondern: Mit Kind“: Geisenberger mit Leo.

Sind Sie die Trainingsgruppe Mama?

(lacht) Wir haben mit unserem Trainer tatsächlich eine Whatsapp-Gruppe, die heißt: „Mami Special-Training“. Dajana ist schon ein bisschen weiter, Levi ist ja zehn Wochen älter als Leo. Ich bin mit meinem aktuellen Stand aber schon recht zufrieden. Mit Dajana haut das wirklich auch super gut hin.

Gibt es Vergleichswerte zu einer „normalen“ Saison?

Vor drei Wochen hatten wir Startlehrgang, in diesem Zuge hatten wir auch diverse Krafttests und Athletik-Messungen. Ich bin rausgegangen und dachte: Das passt! Ich bin zwar nicht da, wo ich ohne Schwangerschaft und Geburt gerne sein würde. Aber ich bin deutlich weiter, als ich erwartet habe. Vielleicht ungefähr da, wo ich drauf gehofft habe. Und ich bin weiter, als viele anderen dachten. Die Grundlagen, die ich in den letzten gefühlt 100 Jahren gelegt habe, sind einfach gut. Der Muskel vergisst nicht. Das ist ein Plus.

Es hört sich auch an, als würde es Spaß machen.

So ist es. Ich bin extrem motiviert, vielleicht sogar motivierter als vorher. Es ist schon eine Herausforderung, das Training um ein Kind zu bauen. Es haut aber gut hin, weil alle an einem Strang ziehen. Ab November hat Markus Teilzeit, er fährt mit zu den Weltcups und arbeitet von unterwegs. Ich nehme Mann, Kind, Hund und Vater mit.

Also alle Männer?

(lacht) Bounty ist eine Hündin. Und meine Mutter kommt auch teilweise dazu.

Da kommt es Ihnen gelegen, dass viele Weltcups Corona-bedingt in der Nähe stattfinden – und die WM am Königssee.

Für mich ist das genial! Die WM ist nicht über 8000 Kilometer weit weg wie geplant in Whistler/ Kanada, sondern 130, so zu sagen vor der Haustür. Es gibt zwei Weltcups, die nicht wirklich in Autonähe sind. Der eine ist in Sigulda. Da schaue ich mal, ob ich den fahre. Und der Weltcup auf der neuen Olympiabahn in Peking, den muss ich wegen dem Training für die Olympischen Spiele nächstes Jahr aber fahren. Wie ich das mache, weiß ich noch nicht.

Gab und gibt es viele Kritiker, die Ihnen ein Comeback nicht zutrauen?

Eher das Gegenteil. Viele haben gesagt: Wenn es jemand schafft, dann du. Beim ersten Startlehrgang habe ich dann schon gemerkt, dass getuschelt wird: Was will sie denn wieder hier? Als ich aber dann die ersten Zeiten und Werte geliefert habe, kamen Kommentare wie: „Wenn es so einfach geht, kann man schon mal ein Kind kriegen.“

Eine Genugtuung?

Was andere sagen, ist mir aktuell relativ egal. Klar, es motiviert mich. Aber ich bin eher stolz auf die vergangenen Wochen, wie sich mein kleiner Leo entwickelt, auf meine Werte, auf alles, wie es bisher gelaufen ist. Jetzt hoffe ich noch, dass ich das Rodeln nicht verlernt habe.

Ist das nicht wie Fahrradfahren: Gelernt ist gelernt?

Ich lag noch nie so lange nicht auf dem Schlitten. Deshalb weiß ich es nicht. Man braucht schon Gefühl – und ich kann mir vorstellen, dass es noch da ist oder zumindest recht schnell wieder kommt.

Wann ist das Comeback auf Eis vorgesehen?

Am Montag in Altenberg.

Haben Sie Angst?

Nein, aber ich bin schon gespannt. Dajana ist diese Woche schon in Sigulda dabei, wir haben viel Kontakt. Alles tut ihr weh, hat sie nach den ersten Fahrten gesagt, aber das ist ja normal. Ein Schlitten ist kein Sofa. Sie hat sich sonst sehr positiv angehört.

Spüren Sie Vertrauen von Verband und Chefcoach?

Total. Wir haben die gleichen Ziele. Mein großes Ziel ist erst nächstes Jahr, die Olympischen Spiele in Peking. Allerdings pusht mich die unverhoffte Heim-WM nun schon auch. Wobei sie – egal, was passiert – die WM von 2016 nicht toppen kann. Das war meine perfekte WM.

Werden Sie schon beim ersten Weltcup fahren?

Das ist mein Anspruch: Wenn ich dabei bin, will ich auch konkurrenzfähig sein. Ich werde nicht mehr die sein, die nur noch gewinnt, auch ich selber erwarte nicht nur noch Siege. Ich habe ein Kind, ein Jahr Pause gemacht, eine Schwangerschaft und eine Geburt hinter mir. Das sind jetzt andere Voraussetzungen. Aber ich bin nach wie vor die Kämpferin, die zeigen will, was sie kann. Ich habe Ziele – aber die Ziele sind anders. Ich möchte natürlich nicht 9. oder 13. werden. Aber es geschieht alles in einem anderen Maß.

Ist es Ihnen das Risiko noch wert?

Das werde ich kommende Woche sagen können. Im Moment ist die Begeisterung da, die Motivation groß, der Ehrgeiz ungebrochen. Nicht mehr der Ehrgeiz, immer unbedingt gewinnen zu müssen. Sondern, den Spagat zu schaffen. Meinem Sohn versuchen, die beste Mama zu sein – und nebenbei noch Leistungssport zu machen. Ich stille zum Beispiel auch noch. Das raubt Kraft, das nimmt Zeit. Aber es ist mir wahnsinnig wichtig. Die Perspektive hat sich geändert. Und es fühlt sich gut an.

Sie wirken entspannt.

Bin ich auch. Ich denke mir: Wenn es klappt, ist es gut. Und wenn nicht, dann habe ich es versucht. Dann ist es für mich aber auch völlig in Ordnung. Alles, was geht, ist super. Und wenn noch etwas dazukommen sollte, ist es ein Bonus, ein I-Tüpfelchen.

Sehen Sie sich als Vorbild?

Im Leistungssport sind starke Frauen gefordert. Aber ich bin der Meinung, dass jeder mit seiner Situation umgehen muss. Ein Beispiel: Ich kenne die Geschichte von Serena Williams, beeindruckend. Aber trotzdem würde ich sie nicht als mein Vorbild bezeichnen. Genauso muss ich nicht Vorbild für andere sein. Jede Mami ist in einer ganz andere Situation.

Sie könnten aber andere Frauen motivieren, die sich den Schritt nicht trauen.

Ich habe meine eigene Entscheidung getroffen, und ich glaube, es gibt viele, die sagen: Ich hatte eine tolle Zeit im Leistungssport, aber jetzt habe ich ein Kind und beende meine Karriere. Diesen unbedingten Willen, zurückzukommen, hat nicht jeder. Ich verstehe alle Perspektiven. Weil ich grundsätzlich ein Fan davon bin, sich etwas zu trauen und seine Ziele und Träume zu verfolgen, habe ich so entschieden. Ich sage ganz klar: Ich will noch mal zu den Olympischen Spielen. Aber nicht trotz Kind, sondern: mit Kind.

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