Unzufrieden: Lucas Bögl bei der Heim-WM in Oberstdorf.
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Unzufrieden: Lucas Bögl bei der Heim-WM in Oberstdorf.

Die zusätzlichen Herausforderungen der Sportler in der Pandemie

Wintersport und Corona: Die psychische Belastung läuft mit

  • vonMichael Eham
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Profi-Sportler durften ihren Beruf im Winter ausüben - aber trotzdem war vieles anders. Coronabedingt. Langläufer Lucas Bögl und Biathletin Vanessa Hinz berichten.

Landkreis – Lucas Bögl bespricht mit seinen Teamkollegen und Trainern die Strategie für den anstehenden Wettkampf nur online, obwohl alle im selben Hotel sitzen. „Dabei kommt deutlich weniger Motivation und Anspannung auf als bei persönlichen Gesprächen“, erzählt der 30-jährige Langläufer. Biathletin Vanessa Hinz kämpft sich nach einer halben Stunde Langlaufen und Schießen, in der sie sich verausgabt hat, über die Schlussrunde ins Ziel und wird nicht wie gewohnt von Tausenden Fans angefeuert und über die letzten Meter gepeitscht.

Auch Weltcups im Wintersport haben sich – wie nahezu alle anderen Sportarten – durch die Sicherheitsvorkehrungen im Zuge der Corona-Pandemie verändert. Da sind natürlich offensichtliche Unterschiede wie fehlende Fans und komplett ausgefallene Events, die auf Athletinnen und Athleten einwirken. Doch oft sind es die Kleinigkeiten, die die Leidenschaft und Faszination einer Sportart ausmachen und die einfach weggefallen sind.

Bögl und Hinz sind dankbar, dass sie in den vergangenen Monaten ihre Wettkämpfe austragen und damit ihren Beruf ausüben durften. Das klarzustellen ist ihnen wichtig. Aber der Beruf war eben auf das Wesentlichste reduziert. In der Hinsicht ging es Profisportlern wohl ähnlich wie den meisten anderen Arbeitnehmern, die allerdings anders als die Sportler abends in die Kreise ihrer Familien zurückkehren. Denn die Aufopferungen, die der Profisport mit sich bringt, blieben trotz der Einschränkungen weitgehend gleich. Oder waren diese coronabedingt noch größer? Dieser Text macht sich auf die Suche nach den zusätzlichen Strapazen für Sportprofis in der Corona-Pandemie.

In der Wintersport-Szene gibt es den Spruch: „Wer im Sommer nicht leidet, hat im Winter nichts zu feiern.“ Doch im vergangenen Jahr war schon die Vorbereitung geprägt von der Unsicherheit, ob die Weltcup-Saison überhaupt stattfinden kann.

Training ins Ungewisse

„Wir haben im Sommer ins Ungewisse trainiert“, erzählt Hinz. Dass das für Athleten belastend sein kann, bestätigt Professor Markus Raab, Leiter der Abteilung Leistungspsychologie am psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln: „Die Unsicherheit, ob Wettkämpfe stattfinden oder ob Fans zugelassen sein werden, können Sportler verrückt machen“, erklärt er. Grundsätzlich sind die Voraussetzungen für alle gleich. Daher gilt es, sich bestmöglich auf die Gegebenheiten einzustellen. „Wenn es die Athleten schaffen, adaptiv auf diese Unsicherheiten zu reagieren und sie kognitiv in etwas Positives umzuwandeln, kann das zu besseren Leistungen führen.“ Das kann durch neue Wettkampfroutinen oder auch (psychologische) Meditation stattfinden.

Rechtzeitig vor Beginn des Winters war aber dann doch klar, dass die Weltcup-Saison stattfinden kann – allerdings nur unter strengen Hygienemaßnahmen, unter anderem einem Zuschauerverbot. Anfeuernde Fans können bei Profis durchaus zusätzliche Leitungskapazitäten hervorrufen. Der Psychologe spricht dabei von extrinsischer, also von außen erzeugter Motivation. „Gerade bei der Tour de Ski und der Weltmeisterschaft in Oberstdorf sind die fehlenden Fans extrem aufgefallen“, erzählt Langläufer Bögl. „Die Wettkämpfe hatten dann nicht den Charakter, den ich mir gewünscht hätte.“ Auch Hinz litt unter der Geisterkulisse: „Biathlon lebt davon, dass Fans mit Begeisterung dabei sind. Da fehlt ein großes Stück von dem, was die Faszination Biathlon ausmacht.“

Aber die Hygienekonzepte sahen nicht nur ein Fanverbot vor, sondern auch viele Maßnahmen zur Sicherheit innerhalb der Weltcup-Blase. Schon vor der Anreise mussten sich die Athleten zu Hause auf Corona testen lassen, ehe sie vor Ort vom Weltverband noch einmal getestet wurden. Während die Langläufer auf einer Reise immer dieselben Zimmerpartner hatten, waren die Biathletinnen in Einzelzimmern untergebracht. „Wir saßen bei jedem Essen auch nur mit unserem Zimmerkollegen am Tisch“, bedauert Bögl und erzählt auch von Schafkopf-Runden, die auf mehrere Tische ausgedehnt werden mussten, um das obligatorische Kartenspielen unter Einhaltung aller Vorschriften zu ermöglichen. Die Teambesprechungen, aus denen er als erfahrener Athlet die meiste Motivation zieht, fanden nur online statt.

Die Gemeinsamkeit fehlt

Psychologe Raab erklärt, dass die Effekte solcher Sitzungen nur noch abgeschwächt wirken. „Viele soziale Interaktionen fallen weg, und plötzlich hat man viel mehr mit sich selbst zu tun. Diese sozialen Kontakte sind wichtig für das Anheizen auf eine bestimmte Leistung oder auf den Mannschaftserfolg, denn auch Einzelsportler vertreten eine Nation oder einen Verein.“ Dadurch reduzieren sich die Emotionen rund um den Wettkampf.

Dass ihr etwas fehlt, ist Hinz vor allem an Weihnachten aufgefallen, als sie von ihrer zuvor getesteten Familie in den Arm genommen wurde. „Die Emotionen bei den Wettkämpfen fehlen total. Man sieht die Leute unter der Maske nicht lachen, und nach den Rennen gibt es eben nicht die kurzen Umarmungen“, erzählt sie. „Das fehlt mir einfach.“ Wenn dann noch zum Saisonstart die Erfolge ausbleiben, summiere sich das. Ein schlechtes Gefühl nach dem Wettkampf – und im Einzelzimmer war auch niemand, der sie aufbauen konnte.

Auf Formsuche befand sich Vanessa Hinz lange in der Saison.

Runterkommen erst nach Saisonende

Neben den Emotionen fehlte auch die Ablenkung. „Wenn ich mich mit meinen Eltern treffe oder nach einem Urlaub nach der Saison schaue, bringt mich das immer auf andere Gedanken. In dieser Saison gab es nur den Sport und links und rechts davon nichts“, erzählt die Schlierseerin. Schon während einer coronafreien Saison treffen die Profis seltener Freunde – nur alle paar Wochen. „Das erdet“, findet Bögl, der auch wenn er mal daheim war, den Kontakt zu seinen Freunden „brutal vermieden“ hat. So kamen im Laufe der Saison auch Momente, in denen die Teamkollegen mal mehr genervt waren. „Da habe ich schon gemerkt, dass der Grad der Angepisstheit angestiegen ist“, sagt Bögl. Runterkommen konnte er erst zum Saisonende.

Am Ende der Corona-Saison bleibt die Erkenntnis, dass es den Profis trotz des vermeintlichen Glücks, ihren Sport weiter ausüben zu dürfen, ähnlichen Herausforderungen gegenüberstanden wie viele Menschen in Deutschland. „Ähnlich wie den Profisportlern geht es auch bei uns allen darum, unter schwierigsten Bedingungen Höchstleistung zu erreichen, nicht aufzugeben und weiterzumachen, auch wenn unklar ist, wie lange eine Pandemie dauert“, erklärt Psychologe Raab mit dem Zusatz, dass für Sportler die körperliche Gesundheit quasi die Voraussetzung der Berufsausübung ist und sie daher besonders auf ihren Körper achten müssen. „Das gelingt uns im Homeoffice und unter Lockdown-Bedingungen nicht immer.“

Nach diesem anspruchsvollen Winter dürfen sich aber auch Bögl und Hinz zurücklehnen und die freie Zeit genießen. Die Biathletin verbrachte ihren jährlichen Urlaub, der schon vergangenes Jahr pandemiebedingt nicht nach Asien gehen konnte, beispielsweise in Norddeutschland.

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