Reichlich Abstand zwischen den Booten: Die Olympia-Regattaanlage ist 300 000 Quadratmeter groß, darf wie alle Sportstätte aber nicht genutzt werden.	Foto: Wolfgang Walter/Archiv
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Reichlich Abstand zwischen den Booten: Die Olympia-Regattaanlage ist 300 000 Quadratmeter groß, darf wie alle Sportstätte aber nicht genutzt werden. Foto: Wolfgang Walter/Archiv

Rudergesellschaft München 72 blickt wütend und fassungslos auf Corona-Lockerungen

„Bei uns gibt’s mehr Frischluft als beim Friseur“

  • Martin Lühr
    vonMartin Lühr
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Oberschleißheim – Die Wasseroberfläche der Olympia-Regattastrecke ist spiegelglatt und die Sonne zaubert Lichtreflexe ins Becken. Idyllisch ist es da in Oberschleißheim möchte man meinen. Aber das täuscht. Am Ufer bei den Bootshallen braut sich ein Sturm zusammen. Jedenfalls liest sich die Pressemitteilung der Rudergesellschaft München 1972 (RGM 72) so.

„Frustriert, wütend und fassungslos schauen die 430 Sportler auf die neuen Corona-Lockerungen des Freistaats Bayern“, macht sich die Vorstandschaft der RGM in einem Schreiben Luft, das vom Vorsitzenden Willi Bock und seinen Vorstandskollegen Thomas Schröpfer, Inga Rose, Petra Kössl, Elina Meßfeldt und Christian Mihé unterzeichnet ist.

„Körpernahe Dienstleistungen wie Maniküre, Pediküre und Haare schneiden in geschlossenen Räumen werden ab dem 1. März erlaubt – Sport im Freien auf Sportplätzen aber nicht. Nach welchen Kriterien hier gelockert wird, verstehen wir nicht mehr. Der Vereinssport wird abgewürgt.“ Dabei gehe es den Ruderern nicht darum, jede Lücke auszunutzen. Sie wollen auch alles vermeiden, „dass sich unsere Ruderinnen und Ruderer beim Sport anstecken können. Aber dass Rudern im Einer oder Zweier auf Sportanlagen wie der 300 000 Quadratmeter großen Olympia-Regattaanlage verboten ist, kann man niemandem mehr vermitteln“.

Bock und seine Mitstreiter machen eine simple Rechnung auf: Wären auf der Regattaanlage 300 Boote gleichzeitig unterwegs (was noch nie der Fall gewesen sei), hätte jedes Boot noch 1000 Quadratmeter für sich. „So viel Platz und Frischluft gibt es in keinem Nagelpflegestudio.“

Hat das Wasser fast für sich allein: Der Kormoran hat sich im Lockdown vor einem Jahr auf der Regattaanlage niedergelassen. „Picci“ ist so das neue Maskottchen der RGM 72 geworden.

Sie hätten großes Verständnis dafür, dass alles getan werden müsse, um diese Pandemie einzudämmen „und wir haben das bisher auch mitgetragen. Aber man muss die Maßnahmen noch verstehen können. Diese Grenze wird jetzt überschritten. Wenn man es nicht mehr erklären kann, sinkt dramatisch die Zustimmung für die wirklich notwendigen Maßnahmen.“

Im Verein seien im vorigen Jahr konsequent sehr strenge Regeln angewendet worden und damit sei man sehr gut und ansteckungsfrei gefahren. „Wir haben 72 Einer und 21 Zweier und können damit alle Vorgaben an der frischen Luft perfekt einhalten. Gerade in bewegungsarmen Zeiten von Homeschooling und Homeoffice ist Sport ein wichtiger Ausgleich. Besonders für die Kinder und Jugendlichen ist die Bewegungsarmut fatal.“ Sportärzte warnten schon lange, dass Sitzen das neue Rauchen sei, schreibt die RGM-Vorstandsriege und folgert: So würden die Vereinssportler bildlich gesprochen zu Kettenrauchern gemacht.

Die Ruderer fühlen sich auch aus einem weiteren Grund unfair behandelt. Die Anlage außerhalb des Wasserbeckens dürfe erfreulicherweise von unzähligen Menschen als Freizeitanlage für Skaten, Joggen, Radeln, Yoga, Gymnastik oder Spazierengehen genutzt werden, „Wir aber dürfen gegen jede Logik nicht im Einer oder Zweier auf dem Wasser rudern – weil es offiziell eine Sportstätte ist“.

Aktuell dürften auf der Olympia-Regattaanlage in Oberschleißheim nur die Kadermitglieder sporteln. Von der Rudergesellschaft München seien das 17 aus dem 40-köpfigen Team der Rennmannschaft und unter 430 Mitgliedern. Andere Kommunen oder Bundesländer handelten im Sinne der Menschen und des Sports lösungsorientierter. Dort werde „der risikofreie Einzelsport der Vereine in der freien Natur nicht durch bürokratische Hürden verhindert“, sagen Bock & Co. Die Vereine seien das Rückgrat für den Sport. „Und auch uns brechen die Finanzen durch dramatisch gesunkene Spenden und Mitgliedsbeiträge weg.“ Unterdessen plant die Sportministerkonferenz einen sechsstufigen Wiedereinstieg für die Amateursportler (siehe Kasten).

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