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Stolze Turniersieger: das Team der Masai Lodges mit Carsten Altstadt (M.) und Matias Blasenbreu (r.).

Der Fußballplatz als sozialer Mittelpunkt

  • Umberto Savignano
    vonUmberto Savignano
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Im Interview berichtet Carsten Altstadt vom SV Pullach von seinem sozialen Projekt in Tansania.

Pullach/GrünwaldVor ziemlich genau einem Jahr berichtete der Münchner Merkur über ein Hilfsprojekt von Matias Blasenbreu (36), ehemaliger Spieler des TSV Grünwald, und Carsten Altstadt (29), Ex-Torwart des SV Pullach, der als Torwarttrainer mittlerweile zu den Raben zurückgekehrt ist. Die beiden hatten über die Plattform „Go Fund Me“ Geld gesammelt, um für den Verein Africa Amini Alama in Ngabobo/Tansania ein Fußballfeld anlegen zu lassen. Statt wie geplant im Juni flogen Altstadt und Blasenbreu wegen der Corona-Pandemie erst Mitte Dezember nach Tansania, um den Platz offiziell mit einem Turnier einzuweihen. Unmittelbar vor seinem Rückflug vor zwei Tagen schilderte Carsten Altstadt im Gespräch mit unserer Zeitung seine Eindrücke.

Sie wollten eigentlich im Juni nach Tansania fliegen, wurden durch Corona ausgebremst. Nun ist es Dezember geworden. Ist der Fußballplatz denn fertig?

Alles lief in Tansania bis Mai normal weiter, der Platz wurde da auch schon fertig. Dann gab es den Einreisestopp. Unser Flug mit Turkish Airlines wurde drei Tage vorher gestrichen, wir haben viermal umgebucht, bis Turkish Airlines im November ganz abgesagt hat. Und so sind wir im Dezember mit KLM geflogen.

Was für eine Art Fußballplatz ist denn entstanden?

Ein Rasenplatz ist dort natürlich nicht möglich. Man muss sich vorstellen: Das ist ein Gebiet mitten in der Steppe, in dem es extrem trocken ist. Man musste den Boden fast zwei Meter abtragen, kiloschwere Steine wegschleppen. Wir haben tonnenweise Sand aufgetragen, aber weil es ein Vulkangebiet ist, drückt es immer wieder Steine durch. Für europäische Verhältnisse sieht der Platz schlecht aus, aber die Kids dort sagen: Es ist der beste Platz im ganzen Distrikt. Und der Fußballplatz ist mittlerweile der Mittelpunkt der Gemeinde.

Sie waren zum ersten Mal in Afrika. Schildern Sie doch Ihre Eindrücke?

Für mich war es mega-spannend zu sehen, wie viel weniger die Menschen im Vergleich zu Europa haben, aber um wieviel glücklicher sie wirken. Beeindruckend war auch, mit welcher Super-Herzlichkeit wir aufgenommen wurden, die Kids waren happy, standen am Straßenrand und haben gewunken, als wir ankamen. Ich hatte eigentlich auch gedacht, dass sich der Standard dort schon etwas geändert hat, aber es war so, dass es nur einen Ball gab, der schon heruntergewirtschaftet war. Ansonsten wurde tatsächlich mit selbstgebastelten Stoffbällen gespielt. Wir haben 50 Bälle mitgebracht, handgenäht aus Kenia, damit wir wirklich jeden gesammelten Cent vor Ort nutzen. Wir hatten allerdings nur ein paar wenige Fußballschuhe dabei und möchten in Zukunft immer wieder welche dorthin schicken. Die gibt es dort nämlich kaum und wenn, sind die meisten kaputt. Die Kids spielen barfuß oder mit Flip-Flops, aber das stört sie gar nicht.

Haben Sie außerhalb des Projekts etwas vom Land gesehen?

Wir waren zwei Tage unterwegs, unter anderem in einem Dorf, in dem die Massai in Lehmhütten wohnen, ohne jede Elektrizität. Ein Loch in der Mitte der Hütte wird als Feuerstelle genutzt. Wir haben auch gehört, dass viele Kinder nicht einmal das fünfte Lebensjahr erreichen, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Über Sababu Safaris, das Unternehmen, über das wir diese Safari gebucht hatten und das dort nachhaltigen Tourismus betreibt, konnten schon 200 Wasserfilter und Solarlampen besorgt werden.

Wieviel Geld kam bei Ihrer Crowdfunding-Kampagne eigentlich zusammen?

Wir haben knapp 35 000 Euro gesammelt. Zu Beginn der Corona-Krise gingen die Spenden so ziemlich gegen null, deshalb wurde die Sammlung dann eingestellt. Sabine Hoch von der HochHinaus-Stiftung hat uns noch einen größeren Betrag dazu gegeben. So konnten wir neben dem Fußballplatz und den Bällen auch noch einen Volleyball-Basketball-Allzweckplatz bauen.

Es sollte auch Geld in ein Krankenhausprojekt fließen. Was können Sie darüber berichten?

Das Krankenhaus wird jetzt vom Staat geführt. In der Geburtsstation kommt ein Kind pro Tag auf die Welt. Coronafälle gibt es keine. Die Pandemie hat das Land aber wirtschaftlich sehr getroffen, viele Menschen leiden sehr darunter. Wir haben für rund 2500 Euro Covid-Hilfspakete gekauft, mit Masken oder Nahrungsmitteln, wie zum Beispiel Reis. Die Massai leben ja vor allem von ihrer Tierhaltung. Daneben arbeiten einige noch im Tourismus. Doch wegen Corona ist der zum Erliegen gekommen, die Leute haben ihre Jobs verloren und sind völlig sich selbst überlassen. Es gibt dort, anders als in Deutschland, keinerlei staatliche Unterstützung. In Europa bedeutet Corona, dass die Leute nicht reisen können, dort geht es ums Überleben. Das zu sehen war schon heftig.

Wie geht es nun weiter? Gibt es neue Projekte? Werden Sie bald wieder nach Afrika reisen?

Matias und ich wollen alle zwei, drei Jahre nach Tansania fliegen und ein Fußballcamp veranstalten. Wir sind ja bei der Münchner Fußballschule und werden versuchen, jedes Jahr zwei Trainer hinzuschicken, die dort mit dem Sportlehrer zusammenarbeiten, der durch die neuen Bälle jetzt auch andere Möglichkeiten hat. Bisher war Fußballtraining: Warmlaufen und dann das Spiel mit dem einen Ball. Wir wollen aber auch versuchen, die Schule dort zu unterstützen, die Africa Amini Alama vor zwölf Jahren gegründet hat, weil das ein nachhaltiges Projekt ist. Der erste Schüler von damals hat jetzt seinen Master in Recht bestanden. Für die Großen, die jetzt in die High School wechseln, kommen 80 Kinder nach. Für die wollen wir ein Gebäude errichten, das 50 000 Euro kosten wird. Wir haben schon ein paar Ideen, wollen aber erst mal abwarten, bis die Corona-Pandemie hoffentlich in drei, vier Monaten abflaut. Denn die Menschen in Europa haben im Moment auch ihre Sorgen.

Wie verbringen Sie die Feiertage? Unmittelbar nach Ihrer Rückkehr müssen Sie sich vermutlich in Quarantäne begeben.

Das werden einsame Weihnachten. Ich fahre nach meiner Ankunft sofort nach Hause. Für den 28. Dezember habe ich schon einen Termin zum PCR-Test. Wenn der negativ ist, darf ich die Quarantäne verlassen. Aber das war es uns wert. Das Projekt läuft seit über einem Jahr, wir wollten einfach nicht noch länger warten, bis wir den Platz mit eigenen Augen sehen.

Das Gespräch führte Umberto Savignano.

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