+
Garten statt Stadion: Patrik Stäbler kickt mit seinem Sohn; über Fußballspiele kann er Corona-bedingt im Moment nicht berichten.

Patrik Stäbler vermisst seine Einsätze als Merkur-Reporter und spürt bereits Entzugserscheinungen

Wenn Himbeereis nach Bratwurst schmeckt

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
    schließen

Patrik Stäbler vermisst seine Einsätze als Merkur-Reporter und spürt bereits Entzugserscheinungen

Landkreis – Mit der Fußsohle streichelt er den Ball so sanft wie eine Mutter ihr Neugeborenes. Folgsam hoppelt das Spielgerät über den Rasen, zwei Schritte später taucht schon das Tor vor ihm auf – nur noch dessen Hüter steht jetzt zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ein Blick, ein Schuss, und schon jagt er die Kugel ins linke obere Eck. Oder besser: Er zwirbelt den Ball in die Maschen. Oder sollte ich vielleicht schreiben, er nagelt das Leder in den Winkel?

Während ich noch über die passende Formulierung grüble, reißt mich der Torschütze aus meinen Tagträumen. „Hey, Papa!“, ruft er zu mir, der ich als Keeper gegen seinen Schuss chancenlos war. „Du träumst ja schon wieder. Wann hältst du endlich mal was?“ Ich murmle ein „Tschuldigung“, während ich einen giftig gelben Plastikball aus dem Netz klaube, darauf ein grinsender Zeichentricklöwe. Leicht beschämt lasse ich das Comictier zurück zu meinem sechsjährigen Sohn rollen, mit dem ich seit einer halben Stunde im Garten kicke. Oder genauer gesagt: Mein Körper ist bei Bub und Ball – meine Gedanken aber sind woanders.

Sehnsucht nach der Hölle Süd: Patrik Stäbler (hier im Gespräch mit Jannik Prottung) vermisst auch die Termine bei den Handballern des TSV Ismaning

Heute ist Samstagnachmittag – der dritte seit ein Coronavirus namens Sars-CoV-2 Sportlern rund um den Erdball die Rote Karte gezeigt hat. Vom Kreisklassenkegler bis zum Bundesligakicker sind seither nahezu alle Hobby- und Profiathleten zum Nichtstun verdammt. Genauso wie ihre Trainer, ihre Betreuer, ihre Physiotherapeuten – und wir Sportreporter. Seit mehr als fünfzehn Jahren berichtete ich für den Münchner Merkur über Handballer, Snowboarder und Hochspringer, über den TSV Ismaning und den TSV Schleißheim, über Haarer Handballer und Feldkirchner Footballer. Lokalsport? Bei diesem Wort mag manch ein Journalist die Nase rümpfen – ich aber bin tausendmal lieber im Hans-Bayer-Stadion in Lohhof als in der Allianz Arena in Fröttmaning. Denn während man dort als Journalist bei eintönigen Pressekonferenzen neben Aberdutzenden Medienleuten sitzt und nur glattgebügelte Phrasen notiert, gibt‘s in Kreisliga und Co. noch echte Typen und echten Fußball, mit viel Liebe und wenig Kommerz. Und auch die Pausenbratwurst schmeckt auf dem Dorfplatz meist besser, weil sie hier noch vom Metzger und nicht aus der Fabrik kommt.

Doch ich schweife ab – zurück in den Garten und zu meinem Filius, der den Torwart, also mich, soeben erneut düpiert hat. Hätte Corona unser aller Leben nicht auf den Kopf gestellt, wie ich es manchmal spaßeshalber mit meinem anderen Sohn mache, bis der Dreijährige glückselig gluckst, dann stünde ich jetzt im Heimstettner Sportpark auf der Tribüne und würde mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen – in der einen Hand ein Block, in der anderen der Stift. Danach ginge es womöglich weiter zu den Haarer Baseballern, deren Bundesligasaison eigentlich am kommenden Wochenende beginnen sollte. Und des abends säße ich dann in der Hölle Süd, wie Handball-Liebhaber die Ismaninger Realschulhalle nennen, weil dort der heimische TSV den SC Unterpfaffenhofen-Germering empfinge. Und allein dessen Vereinsname würde mir Kopfzerbrechen bereiten, weil er partout in keine Überschrift passt.

Stattdessen aber stehe ich Corona-bedingt in einem Fußballtor und lasse mir von einem Sechsjährigen einen Löwen-Ball um die Ohren schießen – was fraglos auch schön ist, liebt er doch den Sport wie sein Papa und ich ihn sogar noch mehr als den Sport. Und doch bleibt da tief im Magen – dort, wo sonst gerade die Bratwurst verdaut würde – das ungute Gefühl, eigentlich nicht hierher zu gehören. Sondern in die Halle, ins Stadion, auf die Tribüne.

„Hey, Papa!“, tönt es da plötzlich wieder durch den Garten – diesmal von weiter weg. Erst jetzt merke ich, dass schon seit Längerem kein Ball mehr auf mein Tor geflogen ist. Vielmehr liegt der Comic-Löwe reglos im Gras, ganz so, als döse er in der Sonne. Und derjenige, der ihn zuvor in den Winkel gejagt und mit der Fußsohle gestreichelt hat (zugegeben, bei diesen Formulierungen ist wohl etwas zu viel Vaterstolz dabei), sitzt inzwischen auf der Terrasse, grinst mich an und hält eine Schale Himbeereis in der Hand. Und neben ihm auf dem Tisch steht ein weiteres Schälchen – für mich.

Wenig später sitze ich also im Gartenstuhl und löffle gedankenverloren vor mich hin. In meinen Tagträumen bin ich schon wieder auf dem Fußballplatz, und im nächsten Moment schmecke ich – ganz ungelogen – sogar einen Hauch von Bratwurst im Himbeereis.

Auch interessant

Kommentare