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Dieter Habermann hält das Ehrenamt nicht für ein Auslaufmodell.

BFV-Ehrenamtsreferent Dieter Habermann will neue Wege gehen

„Ehrenamt kein Auslaufmodell“

Landkreis – Die Ehrenamtlichen sind die wesentliche Stütze des Fußballs in Deutschland. Dieter Habermann, seit 2014 Ehrenamts-Referent des Bayerischen Fußball-Verbands, sieht nicht schwarz für die Zukunft des Ehrenamts - wenn die Vereine umdenken.

Herr Habermann, verwalten Sie als Spitze der Ehrenamtsbewegung beim BFV ein Auslaufmodell?

Dieter Habermann: Das Gegenteil ist der Fall. Das Ehrenamt steht so hoch im Kurs wie nie.

Das ist eine mutige Aussage. Es wird doch an allen Enden nach Ehrenamtlichen gesucht.

Habermann: Das ist keine mutige Aussage, sondern ein Fakt. Wir haben laut dem Allensbacher Institut für Demoskopie in Deutschland 14,36 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Die Zahlen sind in den letzten Jahren sogar stetig gestiegen.

Woher kommt dann der Eindruck, dass sich niemand mehr für die Ehrenämter, beispielsweise im Fußballverein, begeistern lässt?

Habermann: Natürlich wird händeringend nach Helfern gesucht. Arbeit gibt es schließlich genug. Und die freiwilligen Helfer stehen weiß Gott nicht Schlange. Aber nur jammern, dass sich niemand finden würde, bringt uns nicht voran. Es macht mich sogar richtig wütend. Ich finde nicht mal eben einen neuen Vereinsvorsitzenden, einen Jugendleiter, Trainer oder Betreuer. Nur liegt es ganz offensichtlich nicht daran, dass es keine Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wir haben Rekordzahlen in Deutschland.

Woran liegt es dann?

Habermann: Ganz einfach: Das Entscheidende ist doch, wofür sich die Menschen engagieren, wie viel Zeit sie dafür aufbringen müssen und auch, was sie selbst davon haben. Diese Fragen haben sich die Menschen bei der Wahl eines Ehrenamtes schon immer gestellt. Allerdings müssen die Antworten heute anders ausfallen als vor 10 oder 20 Jahren.

Inwiefern?

Habermann: Die Bereitschaft der jungen Generation, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist kleiner geworden. Doch in der ganzen Welt wurde Deutschland dafür bewundert, wie viele Menschen sich in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagiert haben. Welche Altersgruppe hat sich denn 2015 am stärksten eingebracht? Die 20- bis 29-Jährigen mit 28,8 Prozent. Das sind Zahlen der Humboldt-Universität Berlin. Gefolgt von den über 60-Jährigen mit 24,5 Prozent. Das zeigt, dass auch die Jungen sehr wohl bereit sind, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Wenn die Bereitschaft – auch der jungen Menschen – da ist, warum tun sich Vereine dann so schwer, diese Menschen zu binden. Oder trügt der Schein?

Habermann: Nein, der Schein trügt nicht. Wir müssen uns alle gehörig anstrengen. Aber wir müssen uns dabei vor allem die richtigen Fragen stellen. Wir fragen uns immer noch viel zu häufig: Wie begeistere ich die Menschen für ein bestimmtes Ehrenamt? Die Frage muss aber eher lauten: Wie muss das Ehrenamt aussehen, damit sich die Menschen dafür begeistern, und welche Gestaltungsmöglichkeiten habe ich? Das betrifft den Verband genauso wie jeden einzelnen Verein. Ob wir wollen oder nicht: Das müssen wir alle verstehen, sonst werden wir scheitern. Dann würde ich tatsächlich ein Auslaufmodell verwalten.

Wie soll das Ehrenamt denn im Fußballverein aussehen? Ein Trainer ist ein Trainer, ein Jugendleiter ein Jugendleiter.

Habermann: Für die Bezeichnungen der Ämter stimmt das, nicht aber für die Aufgabengebiete. Ein Jugendleiter in den 1990ern ist doch kaum mehr mit dem Jugendleiter im Jahr 2016 zu vergleichen. Manche Kernaufgaben sind geblieben, die Rahmenbedingungen aber völlig andere. Zwei Denkanstöße dazu: Im Jahr 2009 hat das Bundesfamilienministerium die Motivation für ehrenamtliches Engagement abgefragt. 56 Prozent der 14- bis 30-Jährigen versprechen sich von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, dass sie mit den dabei erworbenen Kompetenzen auch beruflich vorankommen. Keiner wird bestreiten, dass der Trainerjob sowohl wichtige Kompetenzen für den Beruf vermittelt als auch die Arbeit mit Kindern jung hält. Es geht also auch darum, wie ich eine Aufgabe für jemanden attraktiv mache.

Und der zweite Denkanstoß?

Habermann: Der Faktor Zeit.

Die hat bekanntlich niemand.

Habermann: Zumindest ist es für fast 70 Prozent der nicht-ehrenamtlich Tätigen der Hauptgrund, abzuwinken. Kurioserweise hat die Altersgruppe der 31- bis 65-Jährigen, die man als „die Erwerbstätigen“ bezeichnen kann, von allen Altersgruppen die höchste Engagementquote, gefolgt von den 14- bis 30-Jährigen und dann erst den über 65-Jährigen, denen in der Regel am ehesten die Zeit für ein Ehrenamt zugesprochen wird. 

Viele Menschen bekommen es also irgendwie hin, Beruf, Ausbildung oder Studium mit ehrenamtlichem Engagement in Einklang zu bringen. Das ist ein interessanter Fakt. Die Bertelsmann-Stiftung hat veröffentlicht, dass die Zahl derer, die sich wöchentlich mehr als sechs Stunden ehrenamtlich engagieren, um die Jahrtausendwende deutlich abgenommen hat. Aber viel wichtiger ist, dass die Zahl derer, die sich regelmäßig bis zu fünf Stunden wöchentlich engagieren, entsprechend zugenommen hat, und sie ist über die Jahre konstant hoch geblieben – bei fast 70 Prozent. 

Aktuelle Prognosen besagen, dass der Trend bei den Jüngeren und Erwerbstätigen zu noch weniger Stunden geht. Also muss ich mir Gedanken machen, wie ich die vorhandene Arbeit so anpasse, dass das Gros mit fünf oder weniger Wochenstunden zu erledigen ist. Die Menschen sind bereit, sich zu engagieren, aber in einem zeitlich überschaubaren Rahmen.

Das wird aber nicht immer gehen.

Habermann: Das stimmt. Ich kann nicht alles ändern. Glücklicherweise ist aber die Zahl derer, die wöchentlich mehr Zeit investieren können und wollen, auch nicht auf Null zurückgegangen. Bei den über 65-Jährigen ist die Bereitschaft, mehr Wochenstunden zu investieren, in den letzten Jahren gestiegen. Die Menschen für zeitaufwendigere Arbeiten gibt es also nach wie vor. 

Generell muss die Arbeit aber verstärkt dem Angebot an möglichen Mitarbeitern angepasst werden. Umgekehrt wird es nicht funktionieren. Ich kann mich auf den Kopf stellen, aber ich werde es höchstwahrscheinlich nicht schaffen, heute einen neuen Jugendleiter zu finden, der dem Jobprofil eines Jugendleiters vor zehn Jahren entsprechen soll. Da ist es schon wahrscheinlicher, zwei zu finden, die sich den Job und die Aufgaben teilen. Das wirkt auf den ersten Blick komisch, weil ich ja zwei Personen statt einer brauche. Es ist für die heutigen Rahmenbedingungen aber der realistischere Fall.

Glauben Sie denn den ganzen Statistiken?

Habermann: Natürlich geht es nicht darum, Zahlenwerke zu wälzen und unreflektiert zu sagen: Genau so ist es. Für meine Arbeit als Verbands-Ehrenamtsreferent spielen persönliche Erfahrungswerte und die vielen Gespräche mit der Vereinsbasis immer eine große Rolle. Aber eben auch solche Studien und Prognosen. Sie helfen, die gesamtgesellschaftliche Entwicklung einzuordnen, auch wenn nicht immer alles Eins-zu-Eins zutrifft. Aber niemand wird bezweifeln, dass sich die Gesellschaft permanent wandelt.

Wie optimistisch sind Sie, diesen Wandel beim Ehrenamt zu schaffen?

Habermann: Sehr optimistisch. Das gilt für den Verband und auch für die Vereinswelt. Denn wir stellen uns die richtigen Fragen und befinden uns mitten im Wandel. Und machen wir uns nichts vor: Wir haben beim Thema Ehrenamt eine starke Ausgangsposition. 2009 brachten sich 47 Prozent aller ehrenamtlich Engagierten in Deutschland laut Bundesfamilienministerium in einem Verein ein.

Eine kleinere, neuere Stichprobe von 2014 zeigt, dass Sportvereine auch bei ehrenamtlich engagierten Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren die Nummer eins sind. Fragen Sie mal eine Partei, eine Gewerkschaft oder die Kirche, wie es dort mit der Bereitschaft zur Mitarbeit aussieht. Vereine sind nach wie vor attraktiv – Fußball als Volkssport Nummer eins ohnehin. Wir haben in Deutschland bereits ein großes Netzwerk. Das soll natürlich noch größer werden. Aber ich werde sicher nicht über den Status Quo jammern. Das hilft nämlich überhaupt nicht weiter und löst keine Probleme.

Interview: Thomas Müther

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