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Topfit: „Wenn ich mal nicht zur Gymnastik kann, spüre ich das sofort“, sagt Hilde Springer.
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Dreimal die Woche beim Sport: Hilde Springer (86) hält sich seit 60 Jahren beim TSV Haar in Schwung.
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Urgestein: Gerd Zwenzner (74) seit mehr als 30 Jahren Übungsleiter beim TSV Haar.

Seniorensport 

Mit 86 noch Stammgast in der Turnstunde

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„Und jetzt beugen wir das linke Bein über das rechte Bein zur Seite“, ruft Gert Zwenzner, führt selbiges vor und lässt seinen Blick erwartungsvoll durch die Halle schweifen. Dort jedoch haben die dreißig Teilnehmer beim „Erwachsenen-Bodyshaping“ – so nennt sich das hier – ihre liebe Mühe, den Worten des Übungsleiters Folge zu leisten. Man hört angestrengtes Keuchen, lautes Schnaufen und leisen Protest, ehe Gert Zwenzner einlenkt: „Zu schwierig? Dann machen wir die nächste Übung.“

Landkreis – Wobei eine Dame vorne links ihr Bein scheinbar mühelos über das andere geschwungen hat. Anders als bei vielen ist ihre Stirn frei von Schweißtropfen – und das, obwohl sie ihren Body mit Eifer shapt und sich verbiegt wie eine 25-Jährige. Mitte Zwanzig ist Hilde Springer tatsächlich auch gewesen, als sie erstmals eine Sportstunde des TSV Haar besucht hat – aber das ist nun schon sechs Jahrzehnte her. Und doch ist Hilde Springer heute noch Stammgast bei den Gymnastikstunden in der Jagdfeldhalle – im zarten Alter von 86 Jahren.

„Sie macht das besser als andere, die nicht mal halb so alt sind“, staunt Gert Zwenzner, selbst auch schon 74 und ebenfalls so fit, dass man sich schwertut, ihn einen Rentner zu nennen. Er war über 15 Jahre Turn-Abteilungsleiter des TSV Haar und ist dort seit mehr als 30 Jahren Übungsleiter.

Bei Hilde Springer freilich ist die körperliche Verfassung noch erstaunlicher: Dreimal die Woche geht sie zum Sport, „weil mir das gut tut, das merke ich am ganzen Körper“, sagt sie. „Wenn ich mal nicht zur Gymnastik kann, spüre ich das sofort.“

Nun mag man argumentieren, dass Hilde Springer mit ihrer jahrzehntelangen Konsequenz eine Ausnahme darstellt. Und doch rät Frank Möckel auch Senioren zum Sport, die lange Zeit nichts gemacht haben. „Es ist nie zu spät, um anzufangen“, betont der Präsident des Bayerischen Sportärzteverbands. Und auch eine Obergrenze existiere nicht: „Es gibt sogar noch Hundertjährige, die Marathon laufen.“

Urgestein: Gerd Zwenzner (74) seit mehr als 30 Jahren Übungsleiter beim TSV Haar.

Drei wesentliche Gründe nennt der Mediziner, weshalb regelmäßige Bewegung für Senioren wichtig sei – und zwar „je vielfältiger, desto besser“. Erstens: „Sport wirkt lebensverlängernd, das haben Studien gezeigt.“ Unter anderem verringere sich das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Zweitens rege Sport auch das Gehirn an; „ein wichtiges Thema bei Älteren ist dabei die Demenzprophylaxe“, erklärt Frank Möckel. Und drittens: „Regelmäßiges Training erhöht die Selbstständigkeit im Alter.“ Letzteres sieht man auch – zurück in Haar – an Hilde Springer. Sie lebt selbstständig, ist fit und: „Ich brauche überhaupt keine Medikamente“, sagt sie stolz. Dazu kommen in ihrem Fall die sozialen Kontakte, die sie in all den Jahrzehnten im TSV geknüpft hat. „Mit der Zeit kennt man sich untereinander“, sagt die 86-Jährige. „Wenn jemand mal längere Zeit nicht zur Gymnastik kommt, dann ruft man an und erkundigt sich.“

Auch die soziale Komponente ist sicher ein Grund, weshalb Senioren seit Jahrzehnten zunehmend in die Vereine strömen. So zählt der Bayerische Landes-Sportverband (BLSV) im Landkreis München aktuell 197 Klubs mit 108 400 Mitgliedern, von denen 14 600 älter als 61 sind. Zum Vergleich: Vor zwanzig Jahren waren es in dieser Altersgruppe noch kaum 5200.

Vor allem die Turn- und Gymnastikabteilungen hätten einen großen Zustrom verzeichnet, bestätigt BLSV-Kreisvorsitzende Friedl Häusler, die das nicht zuletzt auf den gesellschaftlichen Wandel zurückführt. „Die Älteren sind heute aktiver als früher. Und die Vereine haben sich gut auf ihre Bedürfnisse eingestellt.“ Wie das in der Praxis aussieht, zeigt das Beispiel TSV Haar. Hier bietet die Turnabteilung an jedem Werktag mindestens eine Gymnastikstunde für Erwachsene an – vom „Fitmix“ über „Cardio meets Kraft“ bis zu „Fit Allround Er + Sie“.

Fragt man Hilde Springer, worin der Unterschied zwischen all diesen Angeboten besteht, lacht sie nur und sagt: „Mir ist eigentlich egal, wie das heißt. Die Hauptsache ist doch, dass man sich bewegt.“ Sagt’s, wischt sich den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn und verabschiedet sich – zurück zu ihrer Gymnastikmatte, zurück zu Gert Zwenzner und zurück zum Sport.

Erst zum Belastungstest

Praktisch alle großen Vereine im Landkreis haben inzwischen Sportangebote, die sich speziell an Senioren richten, sagt BLSV-Kreisvorsitzende Friedl Häusler. Die Auswahl, vor allem in den Turnabteilungen, reiche dabei von Nordic Walking über Pilates und Gymnastik bis hin zu Zumba. Bevor ältere Menschen jedoch im Verein vorstellig werden, sollten sie sich einer sportärztlichen Vorsorgeuntersuchung mitsamt Belastungstest unterziehen, rät Mediziner Frank Möckel. „Das zeigt einem, wie fit man ist, sodass Arzt und Patient anschließend besprechen können, welche Art von Training geeignet ist.“ Prinzipiell empfiehlt der Präsident des Bayerischen Sportärzteverbands „möglichst verschiedene Bewegungsreize“, um Ausdauer, Kraft und Koordination zu trainieren.

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