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Der Traum geht in Erfüllung: Dressurrichterin Katrina Wüst ist bei Olympia 2020 in Tokio Präsidentin der siebenköpfigen Jury.

Ismaninger Dressurrichterin ist Chefin der Jury bei Olympia 2020 in Tokio.

Katrina Wüsts Karriere beginnt mit einem Kieferbruch

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Dressurreiten prägt das Leben von Katrina Wüst seit mehr als einem halben Jahrhundert. Erst zählte die Ismaningerin zu den besten Reitern Deutschlands, dann machte sie als Richterin Karriere. Nun reist die 69-Jährige zu Olympia 2020 nach Tokio.

Ismaning – Wer weiß, was das Schicksal mit Katrina Wüst vorgehabt hätte, wäre da nicht jenes aufmüpfige junge Pferd gewesen. Es war das Jahr 1975, die damals 25-Jährige aus dem Raum Düsseldorf gehörte zu den besten Dressurreiterinnen Deutschlands – als das dreijährige Tier überraschend austrat und die neben ihm stehende Katrina Wüst im Gesicht erwischte. „Hier habe ich mir den Kiefer gebrochen“, erzählt die heute 69-Jährige und zeigt auf ihre Wange. Dazu kam eine schwere Gehirnerschütterung – „ein halbes Jahr lang habe ich nicht reiten dürfen“.

Was die junge Frau damals nicht ahnte: Dieser Tritt, so schmerzhaft er war, lässt sich rückblickend vielleicht sogar als Glücksfall bezeichnen. Denn nur, weil sie damals als Reiterin außer Gefecht gesetzt war, begann Katrina Wüst als Dressurrichterin zu arbeiten – das sind diejenigen, die bei Turnieren bewerten, wie gut Pferd und Reiter bestimmte Aufgaben bewältigen. Oder anders ausgedrückt: die mit ihren Noten über den Ausgang eines Wettkampfs entscheiden.

In den Anfangsjahren kam Katrina Wüst nur bei Jugendturnieren zum Einsatz. Doch mit dem Ausklingen ihrer aktiven Karriere startete sie Ende der 1980er-Jahre als Dressurrichterin durch. Heute gehört die Ismaningerin zum elitären Kreis der Fünf-Sterne-Richter, von denen es deutschlandweit bloß acht gibt. Katrina Wüst hat bei fünf Weltcup-Finals, zwei Europameisterschaften und bei den Weltreiterspielen 2018 in den USA gerichtet. Überdies stand sie zweimal auf der Auswahlliste für Olympia – 2012 in London und 2016 in Rio. Doch in beiden Fällen entschied das Los bei einer 50-prozentigen Chance gegen sie, worauf sie „ziemlich angefressen“ war, wie sie selbst sagt.

Nun aber geht Katrina Wüsts Olympia-Traum doch noch in Erfüllung: Nachdem das Losverfahren zwischenzeitlich abgeschafft wurde, hat sie der Weltreiterverband im April zur Präsidentin der Ground Jury für Tokio 2020 bestimmt, also zur Chefin der siebenköpfigen Richtergruppe bei den olympischen Dressurwettbewerben. „Für mich wird das der sportliche Höhepunkt meiner Karriere“, freut sich Wüst auf die Reise nach Japan im Juli nächsten Jahres. Ob sie dort nicht nervös sein wird, wenn unter anderem ihr Votum über olympische Medaillen entscheidet? Bei dieser Frage schüttelt die 69-Jährige den Kopf. „Die Freude ist größer als der Druck. Ich weiß natürlich, dass wir als Richter eine hohe Verantwortung tragen, aber ich fühle mich sicher.“

Kein Wunder, schließlich bringen nur wenige Dressurrichter eine derartige Expertise mit. Schon als Teenagerin nahm Katrina Wüst an Turnieren teil; in den 1970er-Jahren gehörte sie dann zur nationalen Spitze und dem deutschen B-Kader an. Nach dem Umzug nach München mit ihrem Ehemann, dem Zahnarzt Bernd Wüst, gewann die Ismaningerin fünf Bayerische Meisterschaften in Serie. Darüber hinaus bildete sie zahllose Pferde aus und baute 1981 einen eigenen Stall mit 16 Boxen und einer Reithalle in Eicherloh. Nun hatte Katrina Wüst die perfekten Trainingsbedingungen, um sportlich durchzustarten – doch es kam ganz anders: 1983 wurde ihr Sohn Daniel geboren; wenig später folgten Caroline und Gordian, wobei Erstere in ihrer Jugend ebenfalls eine erfolgreiche Dressurreiterin war.

Derweil trat die dreifache Mutter als aktive Sportlerin kürzer, nur um wenig später als Richterin Karriere zu machen. „Der Kick daran ist für mich, dass wir den Sport ein Stück weit bestimmen können“, sagt Katrina Wüst über ihre Rolle am Seitenrand des Dressurvierecks. „Das Wertungssystem lässt es zu, dass wir die Harmonie zwischen Pferd und Reiter in den Mittelpunkt stellen.“ Ihre jahrzehntelange Erfahrung gibt Katrina Wüst, die kürzlich mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde, inzwischen weltweit weiter – bei Seminaren für Richter, Trainer und Reiter. Überdies schreibt sie Artikel für Fachmagazine, schließlich wollte die studierte Amerikanistin und Germanistin ursprünglich Journalistin oder Lektorin werden. Und womöglich hätte es sie nach ihrer Reitkarriere auch in einen dieser Berufe verschlagen – wäre da nicht der folgenschwere Tritt eines jungen Pferdes gewesen.

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