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Über Stock und Stein: Die Deutschen Meisterschaften im Cross Country verlangten Gloria Hänsel alles ab.

Schlammschlacht der besonderen Art

Gloria Hänsel aus Oberhaching ist bei den Deutschen Meisterschaften im Mountainbike Cross Country im schwäbischen Obergessertshausen nahe Augsburg auf den siebten Platz gefahren. Das Rennen war geprägt von extrem widrigen Bedingungen, schwierigen Streckenverhältnissen und war für alle Teilnehmerinnen ein Rennen der besonderen Art.

Oberhaching – Gloria Hänsel, die für den Radverein Sturmvogel München startet, berichtet: „Das Rennen war unglaublich krass. Als Marathon-Fahrerin habe ich viel erreicht, also wollte ich meinem Körper neue Reize setzen und in dieser Corona-bedingt schwierigen Saison einfach etwas Anderes ausprobieren.“ So waren die Deutschen Meisterschaften ihr erstes Cross Country Rennen in der Elite-Kategorie. „Dann hat es die ganze Nacht geregnet und die Trails haben sich in eine Schlammpiste verwandelt, diese Strecke war teils einfach nicht mehr fahrbar. An den Reifen ist so viel Schlamm hängen geblieben und langes Gras ist blieb kleben, dass sich die Räder kaum mehr drehen konnten“, erzählte Hänsel. So seien alle Fahrerinnen auf weiten Abschnitten gezwungen zu schieben. Mit dem hohen Anteil an technisch sehr schwierigen Abschnitten wie Steilabfahrten, Rockgarden, künstlichen Hindernissen und Wurzelteppichen ist diese Strecke selbst bei trockenen Verhältnissen anspruchsvoll. Aber was die Teilnehmerinnen an diesem Tag erwartete, war eine absolute Herausforderung für Körper und Material. Bei einem Cross-Country-Rennen absolvieren die Fahrer eine vorgegebene Anzahl an Runden, sodass sich bei den Frauen im Profibereich eine Renndauer von rund eineinhalb Stunden ergibt. Dabei beträgt eine Runde rund fünf Kilometer und 250 Höhenmeter im steten Wechsel von Auf und Ab. Bei den Deutschen Meisterschaften wurde das Damenrennen aufgrund der widrigen Streckenverhältnisse kurzfristig von den ursprünglich geplanten fünf auf vier Runden verkürzt.

Hänsel berichtet: „Die Strecke ist so extrem anspruchsvoll, der normale Hobby-Biker würde mit Protektoren am ganzen Körper fahren. Manche Abfahrten sind so steil, die kann man bergab nicht mal mehr laufen.“ Hänsel gab zu, dass sie Respekt vor den Steilpassagen gehabt habe und erzählte: „Es waren Steilabfahrten dabei, bei denen ging es fast senkrecht hinunter. Da musst du dein Fahrrad voll unter Kontrolle haben.“ Normalerweise fahre sie sehr gut bergab, aber die fahrtechnischen Anforderungen bei solchen Bedingungen sind sehr hoch: „Da muss man echt richtig was draufhaben“, so die Oberhachingerin. Erfolgsentscheidend sei dabei aber nicht einzig die körperliche Fitness, sondern auch Materialwahl, Erfahrung und die technische Unterstützung durch das Team während des Rennens. Die zweifache Mutter wurde in den Tech-Feed-Zonen von ihrem Ehemann Lutz Hänsel betreut. Die Tech-Feed-Zonen sind ausgewiesene Bereiche, die durchfahren werden und in denen technische Assistenz sowie Verpflegung entgegengenommen werden darf. Alle Teams versuchten hier, die Bikes ihrer Fahrer wieder gangbar zu machen, teils mit Hochdruckreinigern und Bürsten, doch die Räder mussten trotzdem oft getragen oder geschoben werden. Hänsel versuchte, ihren Antrieb – die Gangschaltung, Kette und Kettenblätter – notdürftig mit ihrer Trinkflasche zu säubern, konnte aber gegen die festhaftenden Erdschichten nicht ankommen. „Irgendwann kommt der Punkt, wo man sich so denkt: Das läuft jetzt heute halt so“, erzählte Hänsel. Der Antrieb sei nach einer halben Runde so dreckig gewesen, dass die Kette überhaupt nicht mehr auf dem Kettenblatt geblieben ist. Hänsel: „Ich bin sehr oft dagestanden und habe einfach nur versucht, die Kette irgendwie dahinzubringen, wo sie hinmuss, damit ich überhaupt treten kann. Dann war ich oft gezwungen, die halbe Strecke bergab zu rennen. Bergauf war es eine echte Rutschpartie, der Reifen hatte im knöcheltiefen Schlamm überhaupt keinen Grip mehr, da kannst du zwar treten, aber kommst nicht vorwärts, weil die Reifen immer durchdrehen. Wenn die Kette dann auch noch runterspringt, ist es halt ein Laufwettbewerb.“

Siegerin des Rennens wurde Elisabeth Brandau, mehrfache deutsche Meisterin im Cross Country sowie im Cyclocross. Für Gloria Hänsel war es ein großer Erfolg, sich unter diesen besonders schwierigen Bedingungen direkt hinter den bekannten Worldcup-Fahrerinnen zu platzieren. „Mit einem 7. Platz bin ich sehr zufrieden! Die anderen Damen sind ja zehn bis 20 Jahre jünger als ich!“, erzählt die 45-Jährige. Als jüngerer Mensch sei der Körper einfach besser auf diese kurzen harten Belastungen ausgelegt, bei denen man ständig mit Maximalpuls fährt. Die anspruchsvollen Strecken erfordern permanent körperliche Höchstleistung sowie gelohnt: „Das hat mir definitiv Lust auf mehr gemacht.“ Vielleicht wird ihr nächstes Rennen dann auch nicht mehr so eine Schlammschlacht.

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