„Es fehlt an hauptamtlichen und qualifizierten Trainern.“ Der Taufkirchner Rainer Wohlmann bildet seit über 30 Jahren für den BTV Trainer aus.
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„Es fehlt an hauptamtlichen und qualifizierten Trainern.“ Der Taufkirchner Rainer Wohlmann bildet seit über 30 Jahren für den BTV Trainer aus.

Rainer Wohlmann, Tennis-Trainer des Jahres, über Kurioses, Kritikfähigkeit und Konzepte

Plötzlich ruft Boris Becker an

  • vonRobert M. Frank
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Taufkirchen/Oberhaching – Der Taufkirchner Tennistrainer Rainer Wohlmann (63) ist vom Deutschen Tennis Bund (DTB) nach seiner über 30-jährigen Tätigkeit als Ausbilder für den Bayerischen Tennis-Verband (BTV) zum Trainer des Jahres ernannt worden. Der langjährige Mitarbeiter und kritische Geist aus der TennisBase Oberhaching spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seine Philosophie, kuriose Momente, mangelnde Kritikfähigkeit, den Status quo in der bayerischen Trainerausbildung und über überraschende Trainingseinheiten mit Boris Becker.

Herr Wohlmann, wie beurteilen Sie diese Ehrung?

Ich sehe mich damit als Stellvertreter für alle Personen, die im Ausbildungsbereich in den Landesverbänden tätig sind. Normalerweise werden eher Trainer aus dem Leistungsbereich geehrt. Dass so eine Auszeichnung nun für einen Trainerausbilder kommt, ist etwas sehr Ungewöhnliches. Es ist eine klare Aufwertung der Trainerausbildung.

Welche Kuriositäten haben Sie in Ihrer langen Karriere in Oberhaching erlebt?

Mitte der 90er-Jahre habe ich einmal einen Anruf von der BTV-Geschäftsstelle bekommen. Da hieß es: Dich ruft gleich ein gewisser Herr Becker an. Er hat dann auch angerufen und meldete sich mit Boris Becker. Er bereitete sich zu dieser Zeit auf den Hopman Cup in Australien vor und wollte bei mir Training haben. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt kaum Berührung mit dem Leistungsbereich, ich habe selbst nie hochklassig gespielt und mich selbst auch als Trainer in einem anderen Leistungsbereich gesehen.

Und wie war dieser Tag dann?

Boris Becker bog damals mit seinem Auto hinter einem Taxi um die Ecke auf die Anlage in Oberhaching. Er hatte einen Taxifahrer beauftragt, weil er die Sportanlage nicht finden konnte und war dann dem Taxi von seiner Wohnung in Bogenhausen bis nach Oberhaching hinterhergefahren.

Wie lief dann das Training ab?

Ich habe die Person ganz anders kennengelernt, als sie normal wahrgenommen wird. Im Training habe ich Übungen mit ihm auf dem Platz durchgeführt, die er zu einhundert Prozent vorher überhaupt nicht gekannt hatte. So ungewöhnliche Übungen mit Beinarbeit und so weiter. Es hat ihm am Ende gefallen und er ist noch zwei weitere Tage gekommen. Ich habe dann ein paar Jugendliche besorgt, die mit Boris Becker spielen konnten. Das war für mich ein interessanter Einblick in einen Bereich, in dem ich so gut wie nie zuständig war. Das war sehr kurios.

Welche negativen Momente haben Sie auf der Gegenseite behalten?

In meiner Zeit in Baden-Württemberg hat mich mal ein Jugendwart als einen ‚dynamischen und jungen Menschen, der aber zum Teil etwas unbequem ist’ bezeichnet. Ich habe mich von Anfang an durch meine Zeit an der Universität von vielem nicht blenden lassen. Entweder konnte mich jemand mit Fakten überzeugen. Und wenn nicht, dann konnte es schon mal vorkommen, dass ich unangenehme Nachfragen gestellt habe.

Praktizieren Sie dieses Prinzip auch in der Ausbildung?

Man muss in der Ausbildung Kritik üben. Viele Leute sind heutzutage aber im Ausbildungsbereich nur begrenzt kritikfähig. Diese können nicht unterscheiden, dass mit einer Kritik stets die Sache und nicht die Person gemeint ist. Dazu gibt es unzählige Beispiele.

Wie stehen Sie zum Thema Ehrenamt?

Das Ehrenamt ist wichtig. Je höher man nach oben kommt, desto eher zählt aber das Hauptamt. In Letzterem sitzen kompetente Leute, die sich tagtäglich mit Problemstellungen professionell auseinandersetzen und den Sport weiterbringen. Das Ehrenamt ist notwendig, je weiter man runtergeht in den Breitensport, desto wichtiger wird es. Denn Vereine können sich erst ab einer gewissen Größe ein Hauptamt leisten. In solchen Konstellationen muss es ein sinnvolles und ausgewogenes Miteinander geben.

Wie beurteilen Sie den Status quo bei den Trainern in den bayerischen Vereinen?

Es fehlt an hauptamtlichen und qualifizierten Trainern. Woran das liegt, weiß ich nicht. Da muss man vielleicht auch über die Ausbildung in diesem Bereich nachdenken. Es gibt jedenfalls zu wenige hauptberufliche Trainer.

Ist die Corona-Pandemie eine Chance oder ein Risiko für den Tennissport?

Es ist eine absolute Chance. Die Vereine haben sich zuletzt vor Rückmeldungen nicht mehr retten können. Vor allem in den Ferienzeiten haben die Trainer sieben Tage die Woche durchgearbeitet. Wenn ein Trainer im Verein ein gutes Konzept hat, hat ein Verein gute Chancen.

Lassen sich die vielen Neumitglieder im Tennis langfristig binden?

Mitgliederbindung lässt sich eher umsetzen als Mitgliedergewinnung. Aber klar: Man muss die Situation jetzt nutzen. Sinnvoll wäre es, wenn Trainer bei Vereinen nicht nur Standard-Unterricht liefern, sondern alternative Wege aufzeigen.

Zum Beispiel?

Es müssen andere Angebote her, als sie in der Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg gemacht wurden. Das können Konzepte wie Tennis Xpress, Fast Learning oder aber Spiel-Nachmittage und Doppel-Abende für Großgruppen und Einsteiger sein. Nicht nur das typische Mannschaftstraining. Mitglieder dürfen nicht telefonieren müssen, um einen Spielpartner zu finden.

Dafür müssten allerdings alle Beteiligten in Vereinen an einem Strang ziehen. oder?

Klar. Wenn Du mit guten Fakten und Ausbildungen versuchst, neue Wege zu gehen, wird das an gewissen Stellen immer mit Vorsicht beäugt. Es braucht Personen, die hartnäckig sind und das Knowhow haben, um neue Konzepte auch gegenüber Widerständen durchzusetzen.

Gehören Sie auch zu diesen Personen?

Es wird mir zumindest nachgesagt, dass ich keinen Stillstand mag und manchmal das Unbequeme suche. Es gibt sehr viele Personengruppen, die Veränderungen scheuen. Routineprozesse sind zwar in gewisser Weise manchmal notwendig, aber sie hindern in zu vielen Fällen, dass ausgetretene Pfade verlassen werden. Man wird bequem und unbeweglich.

Wie lautet Ihre Philosophie, die Sie an Tennistrainer weitergeben?

Wenn ihr neue Wege nicht nutzt, werdet ihr zur Maschine, die Bälle über das Netz wirft. Eine Ausbildung sehe ich in diesem Zusammenhang als Hilfestellung.

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