Rudolf Oswald beleuchtet mit seinem Vortrag für die VHS-Nord Manipulation und Korruption im internationalen Fußball.
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Rudolf Oswald beleuchtet mit seinem Vortrag für die VHS-Nord Manipulation und Korruption im internationalen Fußball.

Manipulation und Korruption im internationalen Fußball

Rudolf Oswald: „Infantino hat das System Blatter perfektioniert“

  • Umberto Savignano
    vonUmberto Savignano
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In einem spannenden Online-Vortrag für die VHS-Nord des Landkreises beleuchtete der Historiker Rudolf Oswald die Schattenseiten des von so vielen Menschen geliebten Fußballsports.

Landkreis - Schon der Titel brachte den Inhalt von Oswalds Ausführungen auf den Punkt: „The Beautiful Game? Manipulation und Korruption im internationalen Fußball“. Dass das schöne Spiel mit dem runden Leder aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung unschöne und oft auch illegale Begleiterscheinungen mit sich bringt, ist an sich nichts Neues. Der promovierte Historiker Oswald (Jahrgang 1967), der sich schon während seines Studiums der Neuesten Geschichte und der Englischen Literaturwissenschaften auf sporthistorische Fragestellungen spezialisiert hat, ging das Thema aber auf seiner Fachebene an. Er beleuchtete die Anfänge der Kommerzialisierung und deren Entwicklung bis heute: „Gerade an der Geschichte des deutschen Fußballs zeigt sich: Wenn eine Sportart zum Konsumobjekt wird, stehen der Manipulation und Korruption Tür und Tor offen“, behauptete er zu Beginn.

„Das Rasenspiel entspringt dem bürgerlichen Liberalismus“

„Das Rasenspiel entspringt dem bürgerlichen Liberalismus“, so Oswalds historische Einordnung. Daher rühre der Wettkampfcharakter des Fußballs, der auf zwei Voraussetzungen beruhe: der absoluten Vergleichbarkeit und der Unvorhersehbarkeit der Ereignisse. „Der Mangel an spielentscheidenden Vorkommnissen führt dazu, dass die einzelne Aktion große Bedeutung erhält“, erklärte der Historiker. Das beinhalte „ein subversives Element“, das auch die Mächtigen, die den Fußball gerne für ihre Zwecke benutzen, gehörig ärgern kann. Oswald erinnerte in diesem Zusammenhang an Joseph Goebbels’ Tobsuchtsanfall 1941 bei der deutschen 1:2-Niederlage in der Schweiz, am Geburtstag Adolf Hitlers.

Mit dem Aufschwung des Fußballs in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, der ein zunehmendes Konsumverhalten und den Sportjournalismus mit sich brachte, seien die Idealvoraussetzungen des Spiels erstmals ins Wanken geraten, so Oswald. So seien damals illegale Zahlungen zur Leistungssteigerung aufgekommen. Der DFB hatte rigide Amateurbestimmungen, aber „hinter den Kulissen wurde gekauft, bestochen und auch denunziert“.

Sportlicher Erfolg als Voraussetzung der ökonomischen Konkurrenzfähigkeit

Seine These, dass der sportliche Erfolg als Voraussetzung für die ökonomische Konkurrenzfähigkeit zunehmend zu Manipulationen geführt habe, erläuterte Oswald unter anderem am größten Fußballskandal der Weimarer Republik, der Affäre Linnighäuser. Jener Spieler des FSV Frankfurt war bei einem Sieg eigentlich gesperrt gewesen, trotzdem durfte der FSV nach dubiosen Verwicklungen, einschließlich des Verdachts der Bestechlichkeit, die Punkte behalten. Stattdessen wurde der protestierende Meisterschafts-Konkurrent Hanau 93 mit Verbandsausschluss bestraft.

Bei Gründung der Bundesliga 1963 wurde manipuliert und 1860 München profitierte

Manipuliert wurde laut Oswald auch bei der Gründung der Bundesliga 1963. Schon bei deren Zusammensetzung seien die Kriterien mit Blick auf die finanzstarken oder von der Politik unterstützten Vereine immer wieder zurechtgebogen worden. Davon habe der damals zum Höhenflug ansetzende TSV 1860 München profitiert: Als Meister der Oberliga Süd sei er nur deshalb direkt in die Bundesliga eingezogen, weil eine entsprechende Neuregelung erdacht wurde. Die Offenbacher Kickers hingegen, die in jeder der zuvor gültigen Wertungen mit dabei gewesen wären, schauten „als Verein ohne Lobby“, wie Oswald sagte, am Ende in die Röhre.

Später stiegen die Hessen dann doch auf und waren gleich in den Bundesligaskandal von 1971 verwickelt. Die Summen waren selbst für damalige Verhältnisse eher gering, doch immerhin waren mindestens sieben Teams verstrickt, mehr als 50 Spieler wurden bestraft.

Oswald prognostiziert Einführung der Super League ohne Auf- und Abstieg

Dass es bei allen Eingriffen um die Planbarkeit des sportlichen und damit des wirtschaftlichen Erfolgs gehe, sei im internationalen Fußball mit der Einführung der Champions League besonders deutlich geworden. Das Prinzip der gleichberechtigten Meister wurde ausgehebelt, weil viele Titelträger ein zu geringes wirtschaftliches Potenzial besaßen. 1986 mit dem Europacup-Sieg von Steaua Bukarest habe es den finanzstarken Klubs gereicht, so Oswald, der für die Zukunft die Super League ohne Auf- und Abstieg prognostiziert. Dann wäre die sportliche endgültig durch eine Wirtschaftskonkurrenz abgelöst, ein Prozess der durch die Transferpolitik ohnehin schon im Gange sei.

Und auch die WM-Vergabe sei mittlerweile völlig den betriebswirtschaftlichen Kriterien unterworfen, wie das Beispiel Katar zeige. Trotzdem ist Oswald weiterhin Fan des Fußballs: „Beautiful Game ist mehr als schöner Schein, Korruption und Manipulation lassen sich zumindest einhegen“, so seine Hoffnung zum Abschluss des Referats.

„Infantino hat das System Blatter perfektioniert.“

Auf Nachfrage durch VHS-Leiter Lothar Stetz zur FIFA-Führung klang allerdings eher wieder Pessimismus durch: „Infantino hat das System Blatter perfektioniert.“ Auch die Antwort auf die Chat-Frage eines Zuhörers nach der Rolle der Fans wirkte ernüchternd: „Beim Bundesligaskandal 1971 hatten die Fans Marktmacht, konnten die Klubs durch Fernbleiben unter Druck setzen. Was die Einnahmen angeht, haben sie keine Macht mehr“, so Oswald, der zwar, vor allem bei den Ultras eine Gegenbewegung zum modernen, von ökonomischen Gesichtspunkten beherrschten Fußball sieht, doch: „Die Ultras geben gute Bilder ab, sind den Betriebswirten und Managern aber eher unwichtig.“

Schließlich kritisierte Oswald auch die mediale Entwicklung: „Die ganz Großen mit ihren eigenen Fernsehsendern, wie Real Madrid, brauchen den unabhängigen Journalismus nicht mehr. Auch der FC Bayern wird das vielleicht bald nicht mehr brauchen. Die Sportmagazine der 70er: Das war eine andere Berichterstattung.“

Vortrag auf Youtube

Der Vortrag von Rudolf Oswald kann nachgehört werden unter: www.youtube.com/watch?v=DACmfeT29B0&feature=youtu.be

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