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Es wird einsam um Bundestrainer Jogi Löw.

„Wenn er Charakter hat, tritt Löw zurück“

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
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  • Nico Bauer
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  • Robert Gasser
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LandkreisDie deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat die höchste Niederlage seit über 89 Jahren kassiert und damit das Finalturnier der Nations League klar verpasst. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw verlor am Dienstag gegen Spanien in Sevilla 0:6 (0:3). Nach dem blamablen Ausscheiden in der Vorrunde der Weltmeisterschaft 2018 in Russland, dem sportlich sehr schwachen Abschneiden in der vergangenen Nations-League-Saison ist die Blamage gegen Spanien der nächste Tiefschlag für Löw. Wir hörten uns an der Fußball-Basis im Landkreis München um, ob der Weltmeister-Coach von 2014 noch der richtige Mann auf dem Bundestrainer-Posten sei.

Für Ludwig Trifellner, den sportlichen Leiter des VfR Garching, ist klar, dass nun gehandelt werden muss, „denn es ist nicht nur dieses 0:6 in Spanien, sondern eine Entwicklung seit 2014“. Auch der 3:1-Sieg gegen die Ukraine sei spielerisch eine Katastrophe gewesen und dazu müsse man bedenken, dass der Kontrahent durch vier wegen Corona ausgefallene Stammspieler enorm geschwächt war. „Die können doch alle Fußball spielen“, sagt er über die deutschen Spieler. „Nur sollen die sich jetzt auch für ihr Land den Hintern aufreißen.“ Trifellner sieht in den Länderspielen seit geraumer Zeit „immer nur Alibifußball, für den man sich als Deutscher schämen muss“. Dem Bundestrainer Jogi Löw wirft er vor, keinen Draht mehr zu der Mannschaft zu haben. Dies zeige sich seit Jahren und der Funktionär des Regionalligisten würde sich wünschen, dass der Bundestrainer der Wahrheit ins Auge blickt: „Wenn er Charakter hat, dann tritt er zurück und gibt zu, keinen Draht zur Mannschaft zu finden.“ Ohne die Selbsterkenntnis müsse der DFB handeln: „Ich will nicht in die Winterpause gehen und alles totschweigen.“

„Mit der Nationalmannschaft habe ich schon seit längerer Zeit ein Problem“, sagt der Unterföhringer Kapitän Andreas Faber. Die junge Welle geht ihm gegen den Strich: „Da werden elf 20-Jährige in ein Haifischbecken geworfen und das ganze Land schaut zu.“ Die Ausbootung von Müller, Hummels und Boateng ist „eine fatale Fehlentscheidung, denn in der Nationalmannschaft sollen die Besten spielen. Und wenn das elf 45-Jährige sind, dann eben die.“ Der 6:0-Sieger Spanien hat auch das beste Argument: „Dort ist der Abwehrchef Ramos 35 Jahre und die bauen dem einen Thron.“ Andreas Faber sieht eine fatale Fehlentwicklung und würde die Rückkehr des Trios Müller, Hummels und Boateng befürworten: „Damit würde man Rückgrat ohne Ende zeigen.“ Zudem müsse man auch Spielern wie dem 32-jährigen Max Kruse (Union Berlin) eine Chance geben, wenn die Leistung stimmt. Auch dieser nicht als leicht geltende Profi sei geschasst worden.

Ähnlich sieht es auch Emanuel Eisenreich, der Präsident des FC Ismaning. „An einem Thomas Müller kommst du derzeit gar nicht vorbei.“ Ähnliches gelte bei den Innenverteidigern Hummels und Boateng angesichts der enormen Gegentorflut der Nationalmannschaft. „Diese Mannschaft ist kein Projekt“, sagt Eisenreich. Der Vorsitzende des FC Ismaning lässt aber dieses Jahr wegen der Pandemie auch mildernde Umstände gelten, „weil von der Kreisklasse bis zur Nationalmannschaft war dieses Jahr verrückt“. Deshalb findet er gefallen an dem Gedanken, noch das halbe Jahr bis zur Europameisterschaft zu bestreiten und dann einen Schlussstrich zu ziehen. Bei einem Erfolg ginge Jogi Löw am letzten Höhepunkt und im anderen Fall wäre der Schritt unvermeidbar. Der Wechsel des Bundestrainers sei unvermeidlich. Mit Blick auf die gute Entwicklung der Ismaninger Jugendspieler in der Bayernliga sagt Eisenreich breit grinsend, „dass mich der Bundestrainer gerne anrufen darf. Ich kann ihm bei der jungen Welle einige Tipps geben.“

Weitere Meinungen zu Löw:

Lukas Riglewski, Kapitän SV Heimstetten: „Ich habe mir das Spiel gegen Spanien angeschaut und war schockiert, aber auch enttäuscht. Das ist schon heftig für einen Fußballfan, wenn man die wichtigste deutsche Mannschaft so spielen sieht. Es hat sich ja schon davor abgezeichnet, dass wir auch gegen schwächere Gegner zu viele Gegentore bekommen. Von daher hat mich die Niederlage nicht überrascht, aber in dieser Höhe darf eine Weltklasse-Mannschaft nicht verlieren – zumal Spanien ja auch keine Übermacht mehr ist. Was ich bezeichnend fand, war die Tatsache, wie regungslos Joachim Löw ab dem ersten Gegentor auf der Bank gesessen ist. Als Bayern-Fan hat er sich bei mir schon durch seine früheren Entscheidungen ins Abseits geschossen. Ich denke, dass es besser gewesen wäre, wenn er nach der WM in Russland gesagt hätte: Das war‘s jetzt für mich.“

Philipp Würdinger,Trainer Putzbrunner SV: „Ich habe ehrlich gesagt erwartet, dass wir gegen Spanien verlieren. Aber das Ergebnis in dieser Deutlichkeit und die Tatsache, dass wir in allen Belangen so klar unterlegen waren – das hat mich dann doch überrascht und schockiert. Das stand eine Mannschaft ohne Herz auf dem Platz. Auch wenn man spielerisch unterlegen ist, kann man wenigstens Zweikämpfe führen. Doch das hat von vorne bis hinten gefehlt – genauso wie die Kommunikation unter den Spielern. Ich persönlich glaube auch nicht, dass Joachim Löw noch der richtige Trainer für die Nationalmannschaft ist. Was ich am meisten bei ihm vermisse, ist eine klare Linie. Man sieht einfach keinen Ansatz, wie er spielen lassen will. Da fehlt jegliche klare Ausrichtung.“

Robert Söltl,Co-Spielertrainer FC Aschheim: „Ich habe gegen Spanien nur zehn Minuten reingeschaut, und da stand es schon 0:3. Danach habe ich mir lieber eine Netflix-Serie angesehen. Dass Deutschland so deutlich verliert, hat mich schon überrascht. Schließlich war die Aufstellung von den Namen her gerade in der Offensive echt gut. Die Suche nach Gründen ist natürlich schwierig, aber ich kann mir vorstellen, dass einige Spieler, die auch in der Champions League spielen, in letzter Zeit einfach zu viele Spiele absolviert haben. Ich glaube auch, dass Joachim Löw nicht mehr der Richtige für den Job ist. Dass er Mats Hummels und Thomas Müller aussortiert hat, war aus meiner Sicht ein Fehler. Man sieht ja bei beiden im Verein, dass sie immer noch zu den stärksten Spielern in Europa gehören. Joachim Löw hätte nach der Weltmeisterschaft 2018 aufhören sollen. Allerdings fällt mir spontan auch niemand ein, der seinen Posten übernehmen könnte. Denn Trainer wie Jürgen Klopp oder Hansi Flick sind in ihren Vereinen zurzeit sicher glücklicher.“

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