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Die Katze von Anzing: Sepp Maier fängt 1967 den Flankenball vor Braunschweigs Stürmer Klaus Gerwien (r.) und Bayern-Vorstopper Katsche Schwarzenbeck.

„Eine historische Persönlichkeit“

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Sepp Maier wird 75 – Wäre er auch in der heutigen Zeit ein Weltklasse-Torwart?

LandkreisSepp Maier sitzt immer noch der Schalk im Nacken. „Ich fühle mich nicht mal wie 25“, sagt der frühere Weltklassetorwart des FC Bayern und lacht. Solange man gesund sei „und eine Gaudi hat, merkt man das Alter nicht“. Dass Maier heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist dem Weltmeister von 1974 in der Tat nicht anzumerken. FC-Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der mit dem Jahrhunderttorwart noch selbst zusammengespielt hat, bezeichnet Maier als das „wahrscheinlich größte Original, das je beim FC Bayern gespielt hat. Mit Sepp in der Mannschaft war es keine Sekunde langweilig.“ Man dürfe aber, betont Rummenigge, „über dem Gaudiburschen den Weltklassetorwart nicht vergessen“.

Maier war unbestritten ein wahrer Meister seines Fachs, zu seiner Zeit wohl der beste Torwart der Welt, so wie nach ihm die Bayern-Torhüter Oliver Kahn und Manuel Neuer. Wie so oft bei großen Sportlern vergangener Jahre stellt sich auch bei Sepp Meier die Frage: Wäre er auch im heutigen Fußball noch ein Weltklassetorwart. Wir hörten uns bei Fußball-Größen aus dem Landkreis um.

Michael Hofmann, 46, hütete als Profi das Tor des TSV 1860 München, gewann 2017 mit dem SV Pullach die Bayernliga-Meisterschaft und arbeitet heute als Torwarttrainer beim Bayernliga-Spitzenreiter SV Türkgücü-Ataspor: „Ich habe Sepp Maier nicht mehr live spielen sehen. Ich bin mit Toni Schumacher und Uli Stein, der mein Vorbild war, aufgewachsen. Aber natürlich war auch Sepp Maier prägend. Mein Vater hat manchmal bei uns in Oberfranken in der Jugend über mich gesagt: ,Heute hat der Michi wieder gehalten wie die Katze von Anzing. Später hatten wir persönliche Berührungspunkte, einerseits durch mein Probetraining 1995 beim FC Bayern und natürlich durch meine Zeit in der Bundesliga bei Sechzig, als Sepp Maier Torwarttrainer von Olli Kahn war. Außerdem kennt meine Frau seine Tochter recht gut vom Reiten. So kamen wir auch 2001 zum Champions-League-Finale gegen Valencia nach Mailand. Sepp Maier hat mir, als ich mir wegen eines Fehlers Vorwürfe gemacht habe, den Ratschlag gegeben, nicht zu starke Zweifel aufkommen zu lassen und auch nicht zu viele Fehler zuzugeben. Das war typisch für ihn und das habe ich mir gemerkt: Selbstkritik ist wichtig, aber man muss auch mental stark bleiben. Er war natürlich ein Welttorhüter, sehr geschmeidig, aber es ist schwierig, sein Spiel mit dem in der heutigen Zeit zu vergleichen. Man darf keine Rückpässe mehr aufnehmen, der Gegner attackiert nicht an der Mittellinie, sondern schon 20 Meter vor dem Tor. Das Torwart-spiel ist viel komplexer geworden, du bekommst ja heute nur noch drei Paraden pro Spiel. Die Strafraumbeherrschung wie früher ist nicht mehr möglich. Ob er heute noch so prägend wäre, ist deshalb schwer zu beantworten, aber er würde ja auch anders trainieren, könnte deshalb auf alle Fälle mithalten. Er hatte ja Reflexe ohne Ende.“

Manfred Schwabl, Präsident des Drittligisten SpVgg Unterhaching; „Zusammen mit seinem Blutsbruder Karl Valentin ist Sepp Maier für mich eine Ikone auf diesem Planeten. Sie haben beide sehr viel Wahres gesagt. Maier hat immer die perfekte Mischung aus Gaudi und Professionalität gefunden. Gerade das macht ihn zu einem Vorbild. Ich denke, dass er es heutzutage mit seinen Sprüchen schwierig hätte. Maier hat immer knallhart seine Meinung gesagt. Leider wird in der heutigen Zeit alles auf die Goldwaage gelegt. Maier ließ sich nicht verbiegen – ich ziehe meinen Hut vor ihm!“

Lukas Königshofer, österreichischer Torwart der SpVgg Unterhaching: „Sepp Maier? Bei uns in Österreich gibt es nur Hermann Maier! Na, Schmarrn. Sepp Maier war ein großer Torwart und hat eine Generation von Torhütern geprägt. Aber ob er heute noch ganz oben mitspielen könnte? Das Torhüterspiel hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Es ist sehr wichtig, dass ein Keeper auch mit dem Fuß mitspielen kann. Wir spielen ja mittlerweile eine Art Libero. Von den Reflexen her könnte er aber sicher noch mithalten.“

Sebi Wolf, Torwarttrainer der SpVgg Unterhaching: „Ich durfte Sepp Maier während meiner Zeit bei den Bayern oft beim Torwarttraining bewundern. Seine Art hat mir sehr imponiert. Er fand den perfekten Mix aus Spaß und Ernsthaftigkeit. Es wurde viel gelacht, aber sobald die Bälle wieder bereitlagen, war absoluter Fokus gefragt. Ich denke, das ist eine Sache, die ich mir bei ihm abgeschaut habe. Ich denke, dass Maier als klassischer Torhüter noch mithalten könnte, als mitspielender Keeper hätte er es aber sicher schwer. Als Torwart-Trainer wäre er aber immer noch überragend. Ich glaube nicht, dass es einen besseren als Maier gibt, der so viel Erfahrung und Können weitergeben kann. Außerdem hat er mit Oliver Kahn einen Welttorhüter geformt. Viel mehr muss man eigentlich nicht sagen…“

Ludwig Trifellner, Sportdirektor des Regionalligisten VfR Garching, ist überzeugt davon, dass Maier auch heute einer der besten Keeper auf der Welt wäre: „Er hatte eine Strafraumbeherrschung, wie sie auch heute keiner hat. Und auch mit seinem Ehrgeiz wäre er in dieser Zeit ein Guter. Durch sein Torwarttraining beim FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft wurde er auch eine historische Persönlichkeit. Vor ihm gab es gar keine Torwarttrainer. Er hat den Sport weiterentwickelt und war immer visionär. Mit neuen Übungen hat er auch die nächste Torwartlegende, Oliver Kahn, zum Titan gemacht. Der Kahn kam zu Bayern als Kraftmeier, der mit bloßer Hand eine Kartoffel zerdrücken konnte. Seine Beweglichkeit und Geschmeidigkeit bekam er erst durch Maiers Training.“

Uwe Thiel, 53, Anfang der 90-er Jahre Torwart beim TSV Grünwald in der damals viertklassigen Landesliga: „Natürlich ist in der Zeit nach Sepp Maier durch Toni Schumacher, Oliver Kahn oder Jens Lehmann eine ganz andere Dynamik ins Torwartspiel reingekommen. Sicher war er auch nicht so ein genialer Fußballer wie heute Manuel Neuer, den man fast ins Feld stellen könnte. Die wissenschaftliche Aufbereitung des Trainings hat es damals auch nicht gegeben, das ist ein Hauptunterschied. Aber Sepp Maier hätte das sicher alles mitgemacht. Ich weiß, dass er immer immens viel trainiert hat. Und wir haben ja von unserem früheren Grünwalder Trainer Erich Beer, der mit Maier in der Nationalmannschaft gespielt hat, aus Erzählungen mitbekommen, dass diese Generation absolut leistungsbereit war. Sepp Maier war außerdem einer der ersten Entertainer im Fußball und dazu eine Persönlichkeit, auf die man gehört hat. Ich finde auch, dass er später, zum Beispiel als Torwarttrainer, immer etwas zu sagen hatte. Wenn er jemanden kritisiert hat, dann immer auf der Basis von Fakten. Als Kind war ich zu Maiers aktiver Zeit immer im Olympiastadion und es war eine Augenweide. 1974, als die Nationalmannschaft sich in der Sportschule Grünwald auf die WM vorbereitet hat, standen wir natürlich auch jeden Tag am Zaun, haben zugeschaut und die Bälle mitgenommen, die rübergeflogen sind. Ein Vorbild war Sepp Maier für mich allerdings nicht. Da hat vielleicht der Unfall eine Rolle gespielt. Ich war damals in einem Alter, in dem man schon beeinflussbar ist und das ist negativ hängen geblieben.“

Jochen Joppa, 79, Sprecher des TSV Grünwald, dessen Vater als Jugendtrainer beim FC Bayern zwar nicht Sepp Maier, aber spätere Bundesligaspieler wie Weltmeister Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck und Rudolf Nafziger betreut hat: „Sepp Maier wäre auch in unserer Zeit ein herausragender Torhüter, vorausgesetzt, er hätte die Entwicklung mitgemacht. Der Torwart ist ja heute mehr oder weniger ein elfter Feldspieler. Aber ich glaube sicher, dass der Sepp das geschafft hätte, denn er war ja immer ein Vorreiter für andere Keeper.“ Mit Material vom sid.

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